Brusselmans-Ausstellung in Kunstsammlungen Chemnitz: Die Dinge des Lebens

Die Kunstsammlungen Chemnitz zeigen erstmals in Deutschland eine größere Auswahl von Gemälden des belgischen Künstlers Jean Brusselmans: Bilder, die sich in ihrer schlichten Konsequenz gegen die Zeit stellen.

Chemnitz.

Ein Leuchtturm in strahlendem Weiß, hinter dem sich das Meer versteckt; ein Leuchtturm, dem es kleine Häuschen aus Stein und Holz links und rechts nicht vergönnen, als alleinstehendes Symbol der Hoffnung, der Ankunft, der Heimat zu strahlen. Eine dunkel gekleidete Frau, die mühsam eine kleine, sparsam eingerichtete Dachkammer schrubbt. Nackte weibliche "Badegäste", die sich selbstvergessen die Haare bürsten.

Die Gemälde des Belgiers Jean Brusselmans erzählen ihre Geschichte schon beim ersten flüchtigen Blick. Doch sie erzählen sie leise, fast furchtsam, zurückhaltend. Die Gesichter fast ausdruckslos, die Landschaften menschenleer, manchmal ein wenig surreal-konstruktivistisch, wie künstliche Landkarten gebaut. Und dennoch: Die leuchtenden Farben, die klaren Konturen, die sorgsam komponierten Gegenstände in den schlichten Zimmern geben Menschen und Dingen eine stolze, gleichzeitig bescheidene Würde, die der Zeit, in der diese Bilder gemalt wurden - zwischen 1931 und 1950 - fremd war.

Vielleicht ist Brusselmans deshalb auch dem Kunstbetrieb und einer größeren internationalen Öffentlichkeit fremd oder einfach unbekannt geblieben. Umso schöner, dass die Kunstsammlungen Chemnitz jetzt - erstmals in Deutschland - eine Auswahl von 30 Gemälden des 1884 in einem Brüsseler Arbeiterviertel geborenen Künstlers zeigen. Sie folgt einer Ausstellung im Gemeentemuseum Den Haag, dessen Chefkurator Hans Janssen auch die Chemnitzer Schau konzipierte. Brusselmans repräsentiert jene Künstler - und das sind die weitaus meisten, die sich überhaupt mit Kunst beschäftigen - , die es nicht bis nach ganz oben auf den Preislisten, den Prominentenrankings schaffen, die dennoch unbeirrt ihren Weg gehen. Unabhängig von Moden, Marktbegehrlichkeiten, Gefälligkeiten.

Brusselmans' Großeltern führen ein anarchistisches Kabarett. 1885 zieht die Familie nach Paris, um vier Jahre später nach Brüssel zurückzukehren. 1898 beginnt Jean Brusselmans eine Lehre als Lithograph, besucht später auch eine Malerklasse an der Brüsseler Akademie. Er beschäftigt sich mit den Werken Breughels, Courbets, Manets, Cézannes. Nachdem er 1904 einen Preis für ein Landschaftsbild bekommen hatte, entschließt er sich, sich ganz der Malerei zu widmen. 1911 heiratet er Marie-Léonie Frisch, die mit Näharbeiten und Spitzenklöppeln später erheblich zum Lebensunterhalt der Familie beiträgt. Denn trotz einiger Ausstellungen bis in die 1930er-Jahre hinein und einiger treuer Sammler verkauft Brusselmans wenig. Die Konsequenz, mit der er an einem Malstil festhält, den Expressionismus, Kubismus und andere Moden längst überholt haben, macht ihn bei Sammlern und Kritikern zum Außenseiter. Seine wichtigste Inspirationsquelle bleibt die unmittelbare Umgebung von Dilbeek, wo er ein Haus gekauft hat. In den 30er- und vor allem in den 40er-Jahren sind die Brusselmans so arm, dass sie einen Teil ihrer Einrichtung verkaufen müssen, ihnen der Strom abgestellt wird. Natürlich ist auch der Krieg den Künsten nicht förderlich. 1943 stirbt Marie-Léonie. Erst nachdem Jean Brusselmans einige Jahre später eine junge Zeichenlehrerin kennen- und liebengelernt hat, beginnt er wieder zu malen, hat auch wieder Ausstellungen. Am 9. Januar 1953 stirbt er nach einem Herzanfall.

Und immer ist er sich und seiner Kunst treu geblieben. Er malt die einfachen Menschen und Dinge, die das Leben ausmachen. Er malt sie als stumme Ikonen ihrer selbst. Sie sind an einen Ort gestellt, den sie sich nicht ausgesucht haben, an dem sie sich aber behaupten müssen. Es sind keine Idealfiguren, keine symbolistisch überfrachteten Ideallandschaften, bis auf wenige Ausnahmen keine metaphorisch aufgeladenen Gegenstände, die für etwas anderes als sich selbst stehen. In diesen Bildern ist eine durchdachte und mit diesem Denken auch erfühlte Klarheit, die sich gegen die Zeit stellt. Auch Brusselmans wird von den Kriegen seiner Zeit gewusst haben, von den Erfindungen - Radio, Flugzeuge, Atombombe -, von den Dingen, die das Leben komfortabler, lauter, schneller gemacht haben. In seinen Bildern spielen sie keine Rolle. Er malt die Dinge des Lebens mit einer fast naiven, immer humanistischen Unerschütterlichkeit, die nicht nur jedem Künstler, sondern jedem Menschen zu wünschen ist. Erfolg wäre dafür fast ein unangemessener Lohn.

Die Ausstellung "Jean Brusselmans" ist noch bis 14. Oktober in den Kunstsammlungen Chemnitz zu sehen. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr.

 

www.kunstsammlungen-chemnitz.de

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