DDR-Performance-Künstlerin Gabriele Stötzer: Der Mut, zu bleiben

Gabriele Stötzer machte in der DDR mit radikalen Performances auf sich aufmerksam. Eine Ausstellung würdigt das Werk der Künstlerin, die für ihre Überzeugungen eine Haft in Hoheneck verbüßte.

Leipzig.

"Ich soll eben doch nicht so schnell glücklich werden", schrieb Gabriele Stötzer in einem ihrer Texte in den 1970er-Jahren, und "die Lüge steckt den Kreis der Möglichkeiten ab". Lügen wollte sie nicht und ihrem Glück standen immer wieder die Machtverhältnisse in der DDR im Weg.

Unter dem Titel "Bewusstes Unvermögen", der ebenfalls einem ihrer Texte entstammt, würdigt die Galerie für Zeitgenössische Kunst (GfZK) in Leipzig das Werk der 1953 geborenen Schriftstellerin, Performance-, Textil- und bildenden Künstlerin. Das geschieht immer noch viel zu selten, denn Gabriele Stötzer gehört zu den mutigsten, originärsten Künstlerpersönlichkeiten aus der ehemaligen DDR. In ihren Performances stellte sie Geschlechterrollen in der DDR in Frage, indem sie sich selbst als Frau mit allen Sinnen, teilweise in schonungs- und schutzloser Nacktheit darstellte; eine Frau, die verletzlich ist und verletzt wird, die nicht nur ein funktionierendes Rädchen im volkseigenen Betriebsgetriebe ist, dem am 8. März ein Blumenstrauß überreicht wird. In ihrer Wohnung und in einer privaten Galerie in Erfurt gab sie oppositionellen Künstlern ein Podium, bis die Galerie von der Staatssicherheit geschlossen wurde.

Zu den wenigen, die Gabriele Stötzer unterstützten, gehörten Christa und Gerhard Wolf. Letzterer schrieb über sie: "Der aufgerissene Mund, die zügellose Geste geben Zeugnis davon, was bisher von dieser Generation noch nicht gesagt wurde, was unterdrückt, geleugnet oder einfach verschwiegen worden ist." Gabriele Stötzer hat nicht geschwiegen. Schon während des Studiums an der Pädagogischen Hochschule Erfurt wurde sie mit der Intoleranz und Demokratiefeindlichkeit des Staates konfrontiert, der das Wort "Demokratisch" im Namen führte. Weil sie gegen die Entlassung einer kritischen Kommilitonin protestierte, wurde sie relegiert und "zur Bewährung" in die Produktion geschickt. Im November 1976 unterschrieb sie eine Petition gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann, wurde verhaftet und wegen "Staatsverleumdung" zu einem Jahr Haft in Hoheneck verurteilt. Danach be-gann sie zu schreiben - dichte, sehr offene, avantgardistische, ebenso bilderreiche wie drastische Texte über das Rollenverständnis der Frau, über Kunst und Politik, Mut und Rückzug. "Jedes Bild braucht sein Grab" heißt eine Grafikreihe. Ihr lag die Demokratisierung ihres Landes am Herzen, über das sie schrieb: "Die Blinden regieren das Chaos." Sie schrieb ebenso: "und das Bleiben ist auch eine Entscheidung, die Weigerung zu gehen". Eine Ausreise in die BRD lehnte sie nach ihrer Haft ab.

In der Ausstellung sind auf engem Raum viele Fotos, Videos, Textilien, Kostüme für Modenschauen, Zeichnungen, Dokumente ihrer Arbeit und zu ihrer Verhaftung 1976 und Beobachtung durch die Stasi bis 1989 aus dem Archiv Gabriele Stötzers kunstvoll arrangiert. Diese dichten Rauminstallationen hat die Künstlerin Paula Gehrmann entwi-ckelt, nimmt damit auch Bezug zu den anderen Wechselausstellungen in der GfZK, die sich ebenfalls mit Archiven beschäftigen.

Meist wird Gabriele Stötzers Leben auf die Haft und die Stasi reduziert - hier wird die heute in Erfurt und Utrecht lebende Frau auch als bemerkenswerte und mutige Künstlerin vorgestellt. Ihre Performances waren nicht nur für damalige Zeiten etwas Besonderes, sie sind es noch heute. Und auch ihr Feminismus hat immer noch etwas Radikales, Erfrischendes, Verstörendes. Nach der Wende blieb sie eine kritische, wache, engagierte Zeitgenossin. Für ihren einstigen Mentor Gerhard Wolf schrieb sie zu dessen 70. Geburtstag: Die Desillusionierung ... "zerschlägt den optimistisch rot blinkenden horizont und lässt die gläubigen des ostens blutigen auges in den neuen himmel des westens schauen, denn hier beginnt sie wieder, die suche nach dem anderen, wirklicheren gott".

Die Ausstellung "Bewusstes Unvermögen - Das Archiv Gabriele Stötzer" ist in der Leipziger Galerie für Zeitgenössische Kunst bis 29. März 2020 zu sehen. Geöffnet Dienstag bis Freitag 14 bis 19, Wochenende 12 bis 18 Uhr; mittwochs freier Eintritt. www.gfzk.de

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