"Der Geist ist liberal"

Eine vernünftige Gesellschaft mündiger Menschen zu schaffen - das theoretische Fundament für dieses Ziel legte der Philosoph Max Horkheimer, der vor 125 Jahren geboren wurde.

Chemnitz.

Anfang des 20. Jahrhunderts galt Hermann Weil als wichtigster Getreidehändler der Welt. Mit seinem Millionenvermögen stiftete der engagierte Mäzen 1923 das "Institut für Sozialforschung", das formal zur Frankfurter Goethe-Universität gehört. 1930 übernahm Max Horkheimer nach glänzend absolvierter Promotion und Habilitation als Direktor die Regie in der international renommierten Einrichtung. Doch seine Amtszeit währte nur kurz, denn 1933 beschlagnahmten die Nazis das Gebäude und die Bibliothek. Horkheimer emigrierte in die USA und errichtete dort das Institut neu unter dem Dach der Columbia University.

Eifrig begann er mit der Erarbeitung der "Kritischen Theorie", die unter dem Namen "Frankfurter Schule" berühmt wurde. Gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Theodor W. Adorno veröffentlichte er 1944 sein Hauptwerk "Dialektik der Aufklärung", in dem er den in der Antike geprägten Begriff der Vernunft einer strengen Revision unterzog. Eines der wichtigsten Kapitel beschäftigt sich mit der sogenannten "Kulturindustrie". Es geht darin um die drastische Verflachung des intellektuellen Niveaus durch wachsendes Amüsement. Diese Schilderungen wirken visionär, wenn man die Gegenwart betrachtet, in der durch permanenten Medienkonsum und Handysucht ein Verlust von elementaren Fähigkeiten wie Lesekompetenz und logischer Analyse droht.

Horkheimer, der die Theorien von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Karl Marx und Sigmund Freud zusammenführen und weiterentwickeln wollte, hinterfragte die Fundamente der traditionellen bürgerlichen Gesellschaft mit bis dahin nie gekannter Rigorosität. Rechtsradikale und populistische Tendenzen definierte er als verzweifelten Versuch, den Kapitalismus brachial aufrecht zu erhalten. Der 2014 verstorbene Politikwissenschaftler Iring Fetscher definierte die Philosophie des Sohnes einer konservativen jüdischen Fabrikantenfamilie so: "Sie soll und muss dienen, wenn sie human sein will. Sie dient, indem sie 'rücksichtslos' und allein der Wahrheit verpflichtet, alle Verhältnisse kritisiert, in denen der Mensch ein geknechtetes, entfremdetes, beschädigtes Wesen sein muss, und indem sie zugleich diejenigen Wissenschaften der mangelnden Humanität überführt, die zur Verschleierung der Unmenschlichkeit dienen statt ihrer Entlarvung."

Mit zunehmendem Alter näherte Horkheimer sich dem Religionsinitiator Buddha, der das Leben als einen nicht abreißenden Prozess des Leidens betrachtete. Deshalb sympathisierte er auch mit dem Pessimisten Arthur Schopenhauer, der zu den wortmächtigsten und genialsten Gelehrten in der Nachfolge Immanuel Kants zählt. Zugleich warnte er vor der Ausgrenzung von Leuten, die sich kategorisch dem Mainstream verweigern: "Im zwanzigsten Jahrhundert ist das Objekt des Gelächters nicht die konform gehende Menge, sondern vielmehr der Sonderling, der es immer noch wagt, autonom zu denken." Obwohl er mit den Bestrebungen der Sozialisten sympathisierte, distanzierte er sich von fanatischen Linken: "Sie verweisen häufig anstatt auf Gründe bloß auf die Autorität. In der Überzeugung, die ganze Wahrheit für sich zu haben, nehmen sie es mit den einzelnen Wahrheiten nicht so genau und bringen ihre besserwissenden Gegner mit moralischer, notfalls auch mit physischer Gewalt zur Räson." Und er fügte hinzu: "Der Geist ist liberal. Er verträgt keinen äußeren Zwang, keine Anpassung seiner Ergebnisse an den Willen irgendeiner Macht." Jürgen Habermas beherzigte diese Sätze. Er ist der herausragendste Schüler von Horkheimer und sorgte mit seinen Thesen zu Religion und Hirnforschung für heftige Debatten. Während der 1968er Studentenrevolte solidarisierte er sich mit Rudi Dutschke, doch später fürchtete er eine Art "linken Faschismus". 2013 wünschte er der AfD einen Wahlerfolg, weil er hoffte, "dass es ihr gelingt, die anderen Parteien zu nötigen, ihre europapolitischen Tarnkappen abzustreifen. Dann könnte sich nach der Bundestagswahl die Chance ergeben, dass sich für den fälligen ersten Schritt eine 'ganz große' Koalition abzeichnet." Trotz solcher Tabubrüche repräsentiert Habermas das Erbe seines genialen Idols, dessen in 19 Bänden bei S. Fischer veröffentlichte Arbeiten auch für moderne Leser noch ein Abenteuer sind.

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