Der lange Kampf gegen das Vergessen

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Die "Freie Presse" stellt an dieser Stelle Kunst im öffentlichen Raum vor. Heute aus Sachsenburg: Mahnmal für das KZ von Hanns Diettrich (1968)

Sachsenburg.

Das Zschopautal nördlich von Frankenberg ist ein beliebtes Ausflugsziel, auch jetzt. Ein Gebäudeensemble aus teils schon renovierten, bewohnten oder genutzten, teils einer Zukunft noch harrenden Bauten aber stört die landschaftliche Idylle: In einer ehemaligen Zwirnerei betrieben die Nazis von 1933 bis 1937 das Konzentrationslager Sachsenburg, eines der frühesten und am längsten existierenden KZs in Sachsen. Historiker schätzen, dass hier über die Jahre etwa 10.000 Menschen inhaftiert waren - anfangs vor allem politische Gegner der Nazis, also Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, später, ab 1935, auch Juden, Zeugen Jehovas und Pfarrer verschiedener Konfessionen. Obwohl das KZ ein Arbeitslager war, kamen auch Häftlinge zu Tode - wurden ermordet, starben an den Haftbedingungen oder töteten sich selbst. Zu den bekanntesten Häftlingen Sachsenburgs gehören der Schriftsteller Bruno Apitz (Autor des Romans "Nackt unter Wölfen") und der an den Folgen schwerer Misshandlungen in dem KZ gestorbene jüdische Sozialdemokrat Max Sachs. Zudem war Sachsenburg eine Art Ausbildungslager der SS für Wachmannschaften, die später in anderen KZ eingesetzt wurden.

Neben dem Fabrikgelände erinnert ein Mahnmal aus rotem Rochlitzer Porphyr an die Schrecken des KZs Sachsenburg. Gestaltet hat es der 1905 in Jahnsdorf geborene Bildhauer Hanns Diettrich. Die überlebensgroße, nur wenig individualisierte Männergruppe, die - als würden die Menschen einander schützen - mit entkräfteten oder zur Faust geballten Händen aus einer Mauer tritt, entspricht ganz den Vorgaben des sozialistischen Realismus, mit dem Hanns Diettrich keine Probleme hatte. Er hatte sich in den 1920er-Jahren in Chemnitz zum Bildhauer und Steinmetz ausbilden lassen. Eine seiner Lehrerinnen war Martha Schrag. Er wurde Mitglied der Chemnitzer Kunsthütte und der Assoziation Revolutionärer Bildender Künstler Deutschlands (Asso - bedeutende sächsische Mitglieder waren Theo Balden, Lea und Hans Grundig, Wilhelm Lachnit, Curt Querner, Willy Wolff). Erste Aufträge, unter anderem für das Chemnitzer Stadtbad, ebneten ihm den Weg in die Freiberuflichkeit. Von 1937 bis 1943 bildete er sich bei Gerhard Marcks in Berlin weiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte er sich in Chemnitz gemeinsam mit Karl Schmidt-Rottluff für die Gründung des Kulturbundes ein. In Chemnitz sind von ihm unter anderen das Mahnmal für die Opfer des Faschismus in dem Park gleichen Namens, die "Augustkämpfer" vor dem Hauptbahnhof und ein Mahnmal für die Opfer des Bombenangriffs auf Chemnitz auf dem Städtischen Friedhof zu sehen.

Das Mahnmal am KZ Sachsenburg trägt über den Figuren die Inschrift: "Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein", ein Zitat aus Schillers "Wallensteins Lager". So bieder das Denkmal nach heutigem Kunstverständnis ist, so wichtig ist es zur Erinnerung an eine Vergangenheit, die immer Teil der Geschichte und damit auch der Gegenwart sein wird. Und so bekommt das Denkmal geradezu eine zeitgenössische Dimension, scheint es doch, als würden die Männer aus einer Mauer des Vergessens heraustreten. Das Vergessen schien das KZ Anfang der 1990er-Jahre zu ereilen: Bis zur Wende existierende Gedenkräume wurden geschlossen, das Gelände von der Treuhand ohne Verweis auf seine Geschichte verkauft. In der Region gab es damals Stimmen, die bezweifelten, dass es sich um ein KZ gehandelt habe und es als DDR-Propaganda abtaten, das Denkmal wurde geschändet, in einem Leserbrief wurden "Arbeitsplätze statt Gedenkstätten" gefordert, man solle die Vergangenheit ruhen lassen. Doch in gleichem Maße regte sich bürgerschaftliches Engagement - von damals noch lebenden KZ-Häftlingen und deren Angehörigen, von Historikern und auch von engagierten jungen Leuten wie der Lehrerin Anna Schüller. Sie erforschten die Geschichte des Lagers, organisierten Ausstellungen und Führungen, Bildungsangebote für junge Leute. Tafeln auf einem Pfad der Erinnerung informieren über die Geschichte des Konzentrationslagers, um den Aufbau einer neuen Gedenkstätte wird gerungen. Das Mahnmal von Hanns Diettrich ist ein wichtiger Teil dieses Gedenkens.

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