Die Wahrheit in der Anekdote

Eine Autorin aus dem erzgebirgischen Oelsnitz hat seit 2014 sieben biografisch-anekdotische Bände über den sächsischen Ausnahme-Organisten Matthias Eisenberg verfasst - zugleich mit dessen Unterstützung und gegen seinen Widerstand.

Straupitz/Oelsnitz (E.).

Dass ein biografisches Werk über einen Musiker erscheint, ohne dass darin explizit davon die Rede ist, um wen es sich beim Porträtierten eigentlich handelt, dürfte in der Musikliteratur eher zu den Ausnahmen gehören.

Aber damit wären wir schon in der richtigen Kategorie: Ausnahmen. Dass der 1956 in Dresden geborene Organist Matthias Eisenberg musikalisch außerhalb jeder Norm steht, begreift jeder, der schon mal eines seiner Konzerte besucht hat, in denen seine jeden Rahmen sprengende Virtuosität und Begabung zur Improvisation offensichtlich werden. Und dass er auch als Mensch charakterlich über eine ungewöhnlich große Bandbreite im Äußern von Emotionen sowie im Umgang mit seinen Mitmenschen verfügt, weiß jeder, der ihm schon mal persönlich begegnet ist.

Nun ist schon der bloße Umgang mit einer solchen Künstlerpersönlichkeit eine stete Herausforderung. Sich aber in den Kopf zu setzen, über ebendiese eine Biografie zu verfassen und diese dann auch zu veröffentlichen, kommt der Quadratur des Kreises sehr nahe. "Das haben schon viele versucht, aber es ist noch keinem gelungen", beschied vor rund zwölf Jahren der Organist denn auch der freien Journalistin Cristina Zehrfeld aus dem erzgebirgischen Oelsnitz. Über mehrere Jahre hinweg hatte die 52-Jährige im Rahmen ihrer Arbeit für die "Freie Presse" immer wieder Konzerte des Organisten in der Region besucht, ihn kennengelernt und schließlich bei einem privaten Gespräch mit dem Musiker festgestellt: Eigentlich ist dieser Mann ein Gesamtkunstwerk. Und trotz seiner wenig ermutigenden Einlassungen blieb sie dabei: Sie nahm sich vor, seine Lebensbeschreibung zu verfassen.

Anfangs ließ sich das ganz vielversprechend an: Sie begleitete Eisenberg von nun an öfters bei Konzerten, er redete viel, beantwortete Fragen, wenn auch da bereits die nächste Herausforderung wartete: "Eisenberg ist ein König der Abschweifung", stellt Cristina Zehrfeld fest. Auch das für eine Vita so entscheidende chronologische Erzählen sei seine Sache nicht. Um so freigiebiger habe er sich mit der Herausgabe von Quellenmaterial gezeigt: Seine Stasi-Akte, Prozessunterlagen, Familiäres, intimste Dokumente, die Zehrfeld insofern hilfreich waren, als Eisenberg sich stets zugeknöpft zeigte, was Freunde und Weggefährten anging: "Er hat mir einfach keine Namen genannt", erinnert sie sich. Über Personen, deren Identität sie schließlich selbst recherchiert hatte, habe er dann allerdings stundenlang erzählen können. Vier Jahre saß sie an ihrem ersten, 300-seitigen Biografiemanuskript, bei dessen Vorlage sie freilich den anderen Eisenberg erlebte: Auf gar keinen Fall, so der Maestro wütend, dürfe das so veröffentlicht werden. Tue sie es dennoch, werde er rechtliche Schritte einleiten.

Cristina Zehrfeld war am Boden. Vier Jahre Arbeit für den Papierkorb. Nun ist es so, dass Journalisten meistens über erheblich mehr Informationen zu einem Thema verfügen, als für einen Beitrag nötig. So ging es auch der Oelsnitzerin. Ein Stück weit auch als Selbsttherapie begann sie, die Anekdoten niederzuschreiben, die sie im Verlauf ihrer Recherchen mit Eisenberg selbst erlebt hatte. Der bekam für die 2014 im Selbstverlag erschienene 136-seitige Publikation "Der exzentrische Maestro Carl" eben dieses nirgends im Buch aufgelöste Pseudonym verpasst. So hatte zumindest rechtlich alles seine Ordnung. Es wussten nur Eingeweihte, wer Maestro Carl sein soll. Und wer kauft schon ein biografisches Werk über einen Ungenannten? Mithin fand das Buch praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Eisenberg nahm das Werk zur Kenntnis, ohne Protest zu erheben, und Cristina Zehrfeld erkannte: Nicht nur würde sie in dieser etwas überhöhten, durch ironisch-fabulierenden Ton geprägten Form der Biografie mehr Wahres über Eisenberg unterbringen können als das in einer Vita nach klassischem Muster möglich gewesen wäre. Diese Erzählweise würde auch seiner ganzen Persönlichkeit gerechter. Sie hatte viele Freunde und Weggefährten Eisenbergs interviewt, die sich selbst als gute Kenner seiner Person sahen - und unterm Strich nicht gar so viel über ihn zu sagen wussten. Aber: Ein paar Anekdoten konnten sie alle erzählen. Geschichten, die viel über Wesen und Persönlichkeit Eisenbergs aussagen, den seine Biografin so beschreibt: "Er ist in seiner Spontaneität und Natürlichkeit nicht immer der Quell der reinen Freude für jeden." Und einer, der aus der Zeit gefallen scheint: "Er ist kein Selbstoptimierer in dem Sinn, immer einen möglichst guten Eindruck auf seine Umgebung zu machen - oft zu seinem Schaden." Mensch und Musiker - das ist bei ihm zweierlei.

Mithin entstand die Eisenberg-Biografie in Salamitaktik: Ein Anekdotenband über Maestro Carls Kindheit, einer über seinen Aufstieg zum und Wirken als Leipziger Gewandhausorganist, einer über die schwierigen Jahre als musikalischer Nobody nach seiner Flucht in die Bundesrepublik, einer über die Zeit als Organist in der Gemeinde Keitum auf Sylt, einer über seine acht Jahre als Kantor und Organist in Zwickau sowie eine strukturierende biografische Zusammenfassung, die erstmals mit dem Klarnamen im Titel aufwartet: "Matthias Eisenberg - der Spiritus Rector des Maestro Carl".

Keins der Bücher war vor Erscheinen von Eisenberg autorisiert, auch das letzte nicht. Das hat er erst im Dezember im Nachhinein getan. Dass es die Buchreihe jetzt gibt und die Identität des "Maestro Carl" für jedermann ersichtlich ist, sieht Eisenberg, der zurzeit seinen Umzug aus Straupitz im Spreewald in die Region Bautzen vorbereitet, gelassen: "Ich habe mich nie sehr für meine Biografie interessiert", sagt er.

In seiner Fangemeinde dürfte sich das etwas anders verhalten.

<b>Die Bücher </b>

Cristina Zehrfeld: Maestro-Carl-Reihe. Sieben Bände. 125 bis 136 Seiten. Broschur. Jeder Band kostet 8,99 Euro, als Amazon-Kindle-E-Book 3,99 Euro.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...