Ein Cello als beschwipster Poet bei den Dresdner Musikfestspielen

Kurz nach ihrer Eröffnung machen die diesjährigen Dresdner Musikfestspiele ihrem Titel "Visionen" alle Ehre - mit der Uraufführung eines extra für Cellist und Intendant Jan Vogler komponierten Konzertes, für das drei der weltweit besten modernen Komponisten zusammenfanden.

Dresden.

Was für eine geniale Schnapsidee! "Manchmal spinnt man vor sich hin und am besten ist, dann auf die Ehefrau zu hören", sagt Cellist und Festival-Intendant Jan Vogler zu seinem Einfall, drei Komponisten für ein Konzert zu engagieren. "Die Gattin fand das Vorhaben gut, meine Mitarbeiter auch, und erst recht die drei von mir gewünschten Komponisten." So ist eine Rarität entstanden, denn für gewöhnlich schreiben Tonerfinder für sich allein. Was Originelles dabei rauskam, war am Sonnabend im Kulturpalast zu erleben. Das halbstündige Konzert für Violoncello und Orchester "Drei Kontinente" kam beim Gastspiel des auf Moderne spezialisierten WDR-Sinfonieorchesters zur Uraufführung. Es wurde stark gefeiert ebenso wie die drei Schöpfer, die auf die Bühne gebeten wurden und Blumen bekamen.

Bereits am Vormittag hatten die Beteiligten sich und ihr Projekt bei einem Künstlergespräch mit Publikum vorgestellt. Vogler hatte je einen Satz beim Amerikaner Nico Muhly, dem Deutschen Sven Helbig und dem Chinesen Zhou Long in Auftrag gegeben. Vorgaben machte er nicht, wollte aber mit dem Auftragswerk eine Botschaft verknüpfen. Denn der musikalische Austausch zwischen Kontinenten und insbesondere zwischen Europa, Amerika und Asien ist ihm wichtig. Viele würden zwar ein globalisiertes Leben führen, aber nicht viel über die Kultur der anderen wissen, hatte er unlängst in einem Interview gesagt. Auch in seinem persönlichen Leben spielt ein Dreiklang eine Rolle: "Ich bin Deutscher, lebe in Amerika und bin mit einer Chinesin verheiratet. Die Anregungen aus diesen ganz verschiedenen Kontinenten bereichern mein Leben, das wollte ich in musikalischen Ausdruck verwandeln."

"Drei Kontinente" ist trotz unterschiedlicher Handschriften ein recht stimmiges Werk geworden. Jeder Komponist hat seinen Satz eine Geschichte unterlegt und einen Titel gegeben. Den Anfang machte der Amerikaner Nico Muhly, einer der Shootingstars der sogenannten Neoklassik. Der 37-Jährige arrangierte und produzierte bereits für Größen wie Björk, Antony And The Johnsons oder Ólafur Arnalds und lieferte 2018 etwa einen Beitrag zur Neueinspielung von David Bowies "Never Let Me Down". Andererseits arbeitete er mit Philip Glass, Bruce Brubaker oder der Britten Sinfonia zusammen. Er lieferte den quirlig- mittelschnellen Satz "Cello Cycles" mit flattrigen Streicher- und Blechparts.

Von geradezu suggestiver Kraft ist danach der langsame Satz "Aria" von Sven Helbig. Der Dresdner bewegt sich seit Jahren ebenfalls im Spannungsfeld zwischen traditioneller Sinfonik, freiem Experiment und Pop-Strukturen. Viel Aufmerksamkeit bescherten ihm etwa sein Album "I Eat The Sun And Drink The Rain" oder der Zyklus "Pocket Symphonies", den das Faure Quartett mit dem MDR-Sinfonieorchester unter Kristjan Järvi für die Deutsche Grammophon einspielte. Zudem arbeitete er für die Pet Shop Boys oder Rammstein. Sein zweiter Satz des Konzerts führt die Streicher und Bläser in großen Bögen in fast romantischer Meisterschaft, lässt sie zwei große Themen ausformulieren, während das Cello von Vogler geradezu sanglich geführt wird. Helbig, dessen Komposition "Tres Momentos" Vogler bereits im letzten Jahr beim Moritzburg-Festival uraufgeführt hatte, war nach eigenen Worten inspiriert vom Cello selbst, in dessen friedlicher Stimme er ein Symbol von Versöhnung sehe: Er schrieb seinen Teil demnach mit "Gedanken an unsere beängstigend zerbrechliche politische und ökologische Situation. Ich gestalte einen Moment, der balanciert zwischen den aktuellen Nachrichten und einem Glas Wein, Odi et Amo", sagt er. Mit peitschenden, ganz kurzen Sequenzen des ganzen Orchesters und des Solisten rüttelt Helbig das Publikum schließlich wach und nimmt so das Finale schon ein Stückchen vorweg. Denn auch Zhou Long mag diese rhythmischen Dialoge. Seine überreiche Klangfülle ergibt sich aus seinem Thema nach einem Gedicht: "Tipsy Poet - Beschwipster Poet". Je mehr der getrunken hat, umso mehr beschleunigt sich das Tempo, steigert sich die Lautstärke, dass vom Cello zeitweise nichts mehr zu hören ist. Vor allem drei große Schlagwerke setzten Akzente, bis Long schließlich mit acht Fortissimo-Akkorden - ähnlich wie Helbig - das Finale einleitet.

Das WDR-Sinfonieorchester unter seinem designierter Chef Cristian Macelaru machte das hervorragend. Es präsentierte zum Beginn das Stück "Field Guide" von Gabriella Smith - ein musikalischer Ausflug auf eine Wiese voller Insekten. Beim Finale erklang Beethovens "Eroica" - in Bestform und wurde bejubelt. Doch den verdient meisten Beifall gab es für Vogler, der - wie selten in einem Solokonzert - fast die gesamten 30 Minuten gefordert ist. Ein Kraftakt und eine Tour de Force. Das hat er nun von seiner Idee und geht mit diesem Konzert auf Tournee.sz, mit tim

Im Radio Der WDR hat das Konzert mit der Uraufführung von "Drei Kontinente" in Dresden aufgezeichnet. Ausgestrahlt wird es am 30. Mai und 20.04 Uhr auf WDR 3, eine zweite Sendung gibt es am 7. Juni um 20.05 Uhr auf MDR-Kultur.

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