Ein Magier an der Gitarre

Nur drei Konzerte gab John Fogerty während seiner Welttournee zum fünfzigjährigen Bühnen- jubiläum in Deutschland. Beim letzten auf dem Theaterplatz in Chemnitz mit dieser Bilanz: Echte Begeisterung und ausgelassene Stimmung sehen anders aus.

Chemnitz.

Dieser ganz besondere Zauber, den eine Legende der Rock- und Popmusik zu versprühen vermag, liegt am Freitagabend in der Luft, als Trommelwirbel, treibende Bässe und schrille Gitarrenklänge das Intro anschwellen lassen. John Fogerty weiß das nur zu genau, legt sich den Gitarrengurt um, nutzt die Sekunden vor der ersten Songzeile für fast anrührende Gesten der Begrüßung, um dann mit einem Blick verklärender Verzückung die ersten Takte von "Travelin' Band" anzuschlagen und den 4500 Fans die Bestätigung dafür zu liefern, warum sie gekommen sind: Hier soll gleich die Post abgehen, und man darf sich fallen lassen, die Augen schließen und eintauchen in den Rock 'n' Roll, wie ihn nur wenige Stars so grundehrlich auf die Bühne zu bringen vermögen.

Doch etwas stimmt ganz und gar nicht, das Erfolgsrezept will nicht wirklich aufgehen. Es dauert fast eine Dreiviertelstunde, bis die Massen das erste Mal in kollektive Verzückung geraten, die Hände in die Luft recken, mitklatschen und die Refrains der Songs lustvoll grölen, als der 74-Jährige die Klassiker "Down on the corner" und "Bad moon rising" regelrecht zelebriert, sich als Ikone des erdigen Südstaatenrocks präsentiert und die Songs zu Hymnen einer großen Zeit macht. Aber nach nur anderthalb Stunden passiert das, was garantiert nicht an der Show oder seiner Musik liegt: John Fogerty winkt ins Publikum, ruft "Good bye", dreht sich um, geht von der Bühne und lässt seine Fans ratlos zurück: Pause oder was? Nein, aus und vorbei, das Licht geht an, die Roadies nehmen ihre Arbeit auf und bauen die Bühne ab. Echt jetzt?

John Fogerty selbst hat nichts falsch gemacht, sondern sich im Gegenteil mächtig ins Zeug gelegt, seine Finger in gewohnt virtuoser Art über das Griffbrett fliegen lassen und mit seiner unverwechselbaren Stimme aus den Songs alles an emotionalem Tiefgang herausgeholt, was sie zu den Hits einer ganzen Generation gemacht hat. Bei der Auswahl hat er sich auf eine in jeder Beziehung wohltuende und überzeugende Mischung verlassen. Natürlich durften die großen Erfolge von Creedence Clearwater Revival (CCR) nicht fehlen; schließlich war John Fogerty die markante Stimme dieser Kultband in den Jahren von 1967 bis 1972. Aber auch "Who'll stop the rain", "Hey tonight", "Suzie Q" oder "Have you ever seen the rain" schafften es am Ende nicht so richtig, den Funken zwischen ihm und den Leuten vor der Bühne zu zünden.

Wenn man genau hinsah, konnte man eher noch bei seinen Coverversionen von "Dance to the music", "Whith a little help from my friend" oder "Give peace a chance" in den Gesichtern der Fans dieses gewisse Leuchten sehen, das nur erscheint, wenn man sich mit viel wehmütigem Gefühl an eine Jahrzehnte zurückliegende Zeit erinnert. Von den Hits seiner Solokarriere hatte John Fogerty (natürlich) auch "Rocking all over the world" mit im Gepäck. Und dass der alte Mann die Mundharmonika immer noch nicht weniger perfekt und genussvoll zu spielen und ihr ein sehnsuchtsvolles Schmachten zu entlocken weiß, bewies er bei "Run through the jungle". Den Blues hat er auch noch im Blut, bei "Lookin' out my back door" war das jedenfalls deutlich zu spüren, rauchig bis unter die Haut gehend.

Ganz in Familie gab sich John Fogerty dann auch noch, als er sich das eine oder andere Duell mit seinem Sohn Shane an der Leadgitarre lieferte und mit seinem anderen Sohn Tyler ein zu Herzen und bis in die Untiefen des Magens gehendes Duett sang. Und zwei Mal erinnerte der Star daran, dass er zusammen mit CCR beim legendären Festival auf den Feldern von Bethel mit dabei war; wenn auch zu nachtschlafender Zeit. Als er sein Instrument mit Leidenschaft betrachte, an einige Verbesserungen seit 1969 erinnerte und in die Menge rief: "Das ist die Gitarren, die ich in Woodstock spielte." Aber auch hier: wenig bis keine Reaktion in den Reihen der sitzenden und stehenden Zuhörer. Seine Reminiszenz an einen ganz großen sorgte dann tatsächlich einmal für einen Gänsehautmoment, als Fogerty während einer langen Improvisationseinlage - wie einst Jimi Hendrix in Woodstock - Fragmente der US-Hymne durch den Verzerrer seines Verstärkers jagte.

An der Einbettung der Filmnächte-Bühne in die stimmungsvolle Kulisse zwischen Kunstsammlungen, Opernhaus und Petrikirche kann es eigentlich auch nicht gelegen haben, dass die meisten unter den Fans gegen halb zehn den Theaterplatz mit einem eher fragenden Gesichtsausdruck verließen: Das war alles? Womit das Fazit eine nicht zu beantwortende Frage ist: Warum haben die vielen Leute, die zu CCR-Zeiten jung waren, sich nicht mitreißen lassen von dieser Rockikone?

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