Ein Pyramiden-Krimi

Im Pohl-Ströher-Depot in Gelenau drehen sich derzeit über 230 zum Teil meterhohe Pyramiden. Eine hat es in sich. Ihre Geschichte könnte Stoff für ein Drama liefern.

Gelenau/Stollberg.

Heimatforscher Gerd Freitag holt aus einem Kuvert behutsam ein altes Foto. Es gewährt einen Blick in eine Erzgebirgsstube, in deren Ecke eine Pyramide steht. Trotz ihrer 2,78 Meter Höhe wirkt sie filigran. Den drei Etagen ist ein Kirchturm aufgesetzt, der dem von Dorfchemnitz bei Stollberg nachempfunden ist. Neben dem Prachtstück sitzt ein Mann mit Schnurrbart. Es ist der Strumpffabrikant Max Frank aus Brünlos, der Erbauer der Pyramide. Warum er in der Wohnung eine Schirmmütze trägt, ist unklar. Er war offenbar so stolz auf sein Werk, dass er sich in dieser Pose fotografieren ließ. 1939 schickte er das Bild als Neujahrsgruß nach Amerika: an den 1922 ausgewanderten ehemaligen Brünloser Oscar Freitag.

2002 kam das Bild zurück ins Erzgebirge. Eine Amerikanerin hatte es in einem Koffer im Nachlass ihres Großvaters gefunden. Sie wusste, dass dieser in Brünlos noch einen Bruder hatte. Der war zwar längst tot. Aber sie kannte dessen Enkel Gerd Freitag und sein Faible für Ortsgeschichte. "So kam ich vor zwölf Jahren in den Besitz des Bildes. Seither beschäftigte mich die Frage, was aus der Pyramide geworden ist", erzählt der inzwischen 72-Jährige.

Den Erbauer konnte er nicht mehr fragen, der war 1960 gestorben. Als dessen Enkelin aus Lugau die Wohnung auflöste, bot sie in der "Freien Presse" allerlei erzgebirgische Volkskunst zum Verkauf an, darunter besagte Pyramide. "Ein älterer Herr aus Stollberg soll alles für 130 DDR-Mark erworben haben", fand Freitag heraus. "Fortan suchte ich diesen Mann." Freitag kontaktierte Heimatforscher, Buchhändler, Erzgebirgsvereine, verteilte Fahndungsblätter, auf denen die Pyramide abgebildet war. Bis er schließlich einen Hinweis auf einen Mann erhielt, der in Stollberg in seiner Villa eine große Weihnachtssammlung besaß. Er musste sie ausgewählten Besuchern gezeigt haben, darunter in den 1990er-Jahren dem sächsischen Landesbischof Volker Kress.

"Ich erfuhr, dass der Sammler sehr verschlossen sei und zurückgezogen lebt", erzählt Gerd Freitag. Am 25. März 2007 sei er zu dem 84-Jährigen gefahren - und eingelassen worden. "Was ich sah, übertraf jede Vorstellung. Das ganze Haus, alle acht oder zehn Zimmer, waren voll mit Weihnachten. Überall standen auch Pyramiden. Es war ein Sammelsurium von allem, was mit Weihnachten in Verbindung gebracht werden konnte." Er habe nach der verschollenen Pyramide gefragt. Die befand sich in Teile zerlegt auf dem Dachboden, weil es dem neuen Besitzer nie gelungen war, sie in Gang zu bringen. Einen Teil der geschnitzten Figuren hatte er in seine Weihnachtsberge umgesetzt. "Er hat mir alles gezeigt. Ich merkte aber auch, dass ihn am meisten die Frage beschäftigte: Wohin mit den Dingen nach seinem Tod? Erben gab es nicht."

Heimatforscher Freitag unterrichtete die Sächsische Landesstelle für Museumswesen von seiner Entdeckung. Im Ortsvorstand von Brünlos war man sich schnell einig, die Franksche Pyramide zurückzuholen. Doch wer konnte sie restaurieren? Und wo sollte man sie präsentieren? Auch ein Geldgeber fand sich nicht. Es blieb beim Wollen.

Am 5. Februar 2013 starb der Stollberger Rentner mit 90 Jahren, ohne eine Lösung für seine Sammlung gefunden zu haben. Wenige Tage darauf wurde die Villa zum Tatort. Unbekannte stiegen in das nicht mehr bewohnte Haus ein und stahlen, was sie wegschleppen konnten. Die Polizei war überzeugt, dass sie einen Transporter dabeihatten und von der Sammlung wussten. Nur die großen Exponate, wie Weihnachtsberge und meterhohe Pyramiden, ließen sie stehen, darunter die Franksche Pyramide aus Brünlos. Deren aufgesetzter Kirchturm wurde zerstört und die in einem Karton verstauten Figuren entwendet.

Die Polizei setzte sich in der Folge mit Eckhart Holler in Verbindung - jenem Restaurator aus Chemnitz, der als Vertrauter der Schweizer Sammlerin und Mäzenin Erika Pohl-Ströher gilt und der deren Sammlungsdepot im erzgebirgischen Gelenau mitbetreut.

"Die Polizei vermutete, dass die gestohlenen Dinge irgendwann zum Kauf angeboten würden, und wollte mich dafür sensibilisieren", erzählt Holler. "Und sie fragte an, ob wir die verbliebenen Sachen nicht übernehmen und sichern könnten." Nach einer Besichtigung in der Stollberger Villa habe er Frau Pohl-Ströher kontaktiert. "Sie sagte nur: Retten Sie, was zu retten ist, und machen Sie was draus", erinnert sich Holler. So sei die teils zerstörte Franksche Pyramide im Sommer 2013 in seine Werkstatt gekommen.

Da gab es die nächste Sensation und die nächste Enttäuschung. In der zweiten Etage war ein kleiner, aufwendig geschnitzter Tempel eingebaut. War früher die von einem Elektromotor gesteuerte Pyramide in Betrieb, dann öffnete sich in regelmäßigen Abständen die Tür des Tempels und Jesus kam unter Lampenlicht zum Vorschein, wie er mit dem Kopf nickend zwei Pharisäer unterrichtete. Das hatten die Einbrecher nicht entdeckt, weil die Pyramide ja nicht funktionierte. Deshalb saß Jesus noch wohlbehalten im verschlossenen Tempel.

"Ansonsten war die Pyramide in einem schlimmen Zustand. Fast alle Figuren fehlten. Ich habe sie später durch Arbeiten des Lößnitzer Schnitzvereins aus unserem Depot ersetzt. Die Mechanik funktionierte nicht, und sie war für mich zunächst auch nicht zu durchschauen", berichtet der Restaurator. Das habe ihm einmal mehr bestätigt, mit welchem Erfindergeist die Erzgebirger immer wieder Neues austüftelten. "Einer wollte den anderen überbieten." Drei Monate habe er gebraucht, um alles wieder herzurichten und in Gang zu setzen. "Das Besondere dieses Unikates ohne jegliche Bauanleitung ist, dass es in der Mitte keine durchgehende Pyramidenwelle gibt. Vielmehr wird die Antriebskraft in der zweiten Etage in die äußeren Säulen umgelenkt. Das machte alles schwierig und sehr schwer durchschaubar", sagt Holler.

Die Geschichte, die die Pyramide auf Knopfdruck erzählt, dauert eigentlich 18 Minuten. Sie beginnt mit Liedern einer im Inneren installierten Spieldose. In der ersten Etage dreht sich dazu der Krippenstall. Darüber gibt dann der Tempel sein Geheimnis preis. Hat der sich wieder geschlossen, öffnen sich die Lattentüren oben im Kirchturm und ein Glockenspiel beginnt. In Brünlos erzählt man sich, Fabrikant Frank sei in der Mittagspause immer auf den Hausberg des Ortes gelaufen, um dem Glockenspiel der benachbarten Dorfchemnitzer Kirche zu lauschen. Offenbar übertrug er den Klang dann in seine Pyramide. Die Diebe, die 2013 die Weihnachtssammlung in Stollberg plünderten, wurden bis heute nicht gefasst.

Die Weihnachtsschau im Pohl-Ströher-Depot in Gelenau ist bis Ende Januar immer Freitag bis Sonntag, zusätzlich an den Feiertagen sowie am 27. und 30. Dezember von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

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