Eine kleine Sensation: Chemnitzer Maler eröffnet Ausstellung in New York

Jahrelang arbeitete Jean Schmiedel rastlos und besessen - aber fast im Verborgenen. Doch jetzt eröffnet er mit einer großen Einzelausstellung in New York die dortige Herbstsaison, und seine Bilder sind gefragt wie nie zuvor. Was ist da passiert?

Chemnitz/New York.

Es ist eine kleine Sensation: Der Chemnitzer Jean Schmiedel hat am Donnerstagabend mit seiner Ausstellung "Kontakt" - in Deutsch geschrieben - die Herbstsaison der renommierten Georges Bergès Gallery eröffnet. Es ist die größte Einzelausstellung des 1963 in Karl-Marx-Stadt geborenen Künstlers außerhalb Deutschlands - dass er die erste Ausstellung der neuen Saison in New York bestreiten darf, ist eine besondere Auszeichnung, die er nicht nur seinem Galeristen Georges Bergès zu verdanken hat - sondern vor allem seiner einzigartigen Hingabe an die Kunst.

Jean Schmiedel lernte zunächst das Maurerhandwerk. Nach einem schweren Unfall 1982 und langem Krankenhausaufenthalt begann er, sich künstlerisch zu äußern. Schon immer hatten es ihm die dunklen Seiten des Lebens angetan. Mit seinem durch tage- und nächtelanges Zeichnen und Malen kultivierten Talent brachte und bringt er die Abgehängten, Verlorenen, die Gestrauchelten, Gefallenen, aber auch die Leidenschaftlichen, Besessenen, Sehnsüchtigen auf Papier und Leinwand. Abgehärmte, weißhäutige, schmale Mädchen, die sich mal schamhaft, mal stolz ihrer Sexualität und des Eros' versichern, Männer, die in schnellem Sex Liebe zu finden hoffen, vom Leben gezeichnete Gesichter, in denen schwarze Farbfäden die Haut durchkreuzen. Erinnernd an Alfred Kubin zeichnet er unermüdlich und schnell, was ihm am falschen und am richtigen Leben auffällt und was er in Fernsehserien, Dokumentarfilmen sieht: Mörder, Opfer, Gefängnisinsassen, Häftlinge in Konzentrationslagern.

Mit seinen Bildern erweist Jean Schmiedel Menschen, mit denen es das Leben oft nicht gut gemeint hat und die es vielleicht auch selbst mit dem Leben nicht gut meinen, die Barmherzigkeit des genauen Blicks, der Aufmerksamkeit, des Mitgefühls. Es ist, als wären in Jean Schmiedels Bildern die Figuren aus Hubert Selbys grandios erschütterndem Roman "Letzte Ausfahrt Brooklyn" auferstanden, als würden die frühen Tom-Waits-Songs aus den Hinterzimmern der Bordelle, Bars, Spelunken zu Bildern, als begebe er sich mit den zerrissenen Gestalten aus Paul Celines Romanen auf eine "Reise ans Ende der Nacht". Es geht nicht klinisch rein und auf Hochglanz poliert zu in Jean Schmiedels Bildern - sie riechen nach Blut, Schweiß und Tränen, nach Rauch und Asche, nach Absteige, nach Klo, das mal gereinigt werden müsste - aber in ihnen ist echtes Leben, echte Leidenschaft, echte Verzweiflung, Begehren, Lebenslust und Lebensmüdigkeit, wie man sie kaum findet in der oft ästhetisierten, in sich gekehrten Kunst der Gegenwart. Daneben interessieren ihn die Religionen von Naturvölkern, er hat Masken und Skulpturen gestaltet, arbeitet Papier, Federn, Stoffe, Leder in seine Werke ein. Aus Pappe hat er riesige Vorstadtlabyrinthe gebaut, die engen Gassen der Stundenhotels, Gebrauchtwarenläden, unsanierten Häuser.

Jean Schmiedel kennt all das. Er lebt in einem Viertel, in dem geschlossene Läden, leerstehende Wohnungen, Hinterhofwerkstätten, glattpolierte Fassaden und Discountläden eng beieinanderliegen. Er kennt seine Nachbarn, grüßt freundlich, schwatzt mit ihnen. Jahrelang hat er gemalt und gezeichnet, einmal hat er für eine Ausstellung 800 Zeichnungen in vier Wochen aufs Papier gebracht, sich die Finger blutig geschunden. Seine Dreiraumwohnung war vollgestopft mit Bildern, die sich dicht an dicht überall stapelten. Es war gerade so viel Platz, dass er auf dem Fußboden malen konnte. Hin und wieder hatte er Ausstellungen, aber ohne nennenswerte (Verkaufs-) Erfolge, obwohl sich auch hin und wieder ehrliche Liebhaber seiner Kunst fanden, Gemälde kauften oder Ausstellungen organisierten. Aber für den großen Durchbruch reichte es nie. Und doch konnte man angesichts der Besessenheit, mit der Schmiedel malte, zeichnete, sich treu blieb, ahnen, dass er mit seinem etwas flüchtig wirkenden Stil, der an Francis Bacon und Egon Schiele erinnert, mit der Konsequenz, mit der er sich der dunklen, morbiden Seiten der Welt annahm, irgendwann jemanden finden würde, der diese Kunst als einen originären Spiegel der wenn nicht besten, dann doch aber für uns Menschen einzigen aller Welten um die Jahrtausendwende erkennen und anerkennen würde.

Mit Georges Bergés hat er nun einen Galeristen gefunden, der Jean Schmiedels Talent schätzt und in die Welt bringt. Nach den USA sollen Ausstellungen in Berlin und Kopenhagen folgen. Entdeckt hat ihn der New Yorker, der unter anderem demnächst auch Werke von Jackson Pollock zeigt, über die sozialen Medien. Er meldete sich bei dem zunächst skeptischen Jean Schmiedel, der kaum Englisch spricht, zeigte in einer Gemeinschaftsausstellung im vorigen Jahr Werke von ihm - die alle verkauft wurden. Jetzt geben sich Interessenten die Klinke in die Hand, er konnte seine Wohnung mit den gefühlt tausenden Kakteen um einige Räume und ein großes Atelier erweitern. Es ist eine dieser Geschichten, wie sie wohl nur der Kunstmarkt schreibt - aber ein Zufall ist sie nicht. Sie ist, um es ganz klar zu sagen, hochverdient.

Die Ausstellung "Jean Schmiedel: Kontakt" ist bis zum 10. Januar 2020 täglich 11 bis 19, sonntags 12 bis 20 Uhr in der Georges Bergès Gallery in New York City, 462 West Broadway, zu sehen.

bergesgallery.com

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