Eine schrecklich nette Familie

Helloween gehört zu den einflussreichsten deutschen Bands: Die Hamburger gelten als Miterfinder des Power-Metal, einer bis heute erfolgreichen Strömung. Entsprechend gilt es in der weltweiten Szene als Sensation, dass die Band nun eine Liveplatte mit allen drei Sängern ihrer langen Geschichte aufgenommen hat. Zu Recht?

Harte Gitarrenbands aus Deutschland, die seit weit über 30 Jahren international Musikhistorie schrieben, sind selten. Vier Namen brannten sich gleichwohl in die Annalen des Heavy Metal: die Scorpions, Accept, Kreator - und die sympathischen Hamburger Helloween, die dem Genre einst seinen Bierernst nahmen und nebenbei den Powermetal miterfanden. Nach 35 Jahren wechselhafter Bandgeschichte mit Höhen, Tiefen und manchem Zank vereinigten sich live erstmals alle wichtigen Kernmitglieder zur schrecklich netten Großfamilie und liefern mit dem Livealbum "United Alive In Madrid" ein herausragendes Lebenszeichen ab.

Drei Alben für die Ewigkeit haben Helloween im Schlepptau, drei Sänger prägten das Bild der Band, und zwei Ausnahmesongwriter schärften weltweit ihr Profil. Alles zusammen bringen sie auf dieser Scheibe vor einem enthusiastischen Publikum komprimiert zu Gehör. Die Resonanz ist beträchtlich. Das weltgrößte Metalmagazin etwa, "Burrn!" aus Japan, widmete der Wiedervereinigung der Gruppe mit dem Kürbis-Logo rekordverdächtige vier Titelstories. Von den USA bis Brasilien öffneten standesgemäße Locations die Pforten und Fans weltweit ihre Arme. Der letzte Gig zog Helloween zurück nach Hamburg zu den eigenen Wurzeln, wo 1984 alles begann.

Schon diese Anfänge hatten es in sich. Im Zentrum stand vom ersten Tag an das kreative Songwriterduo Kai Hansen (Gesang, Gitarre) und Michael Weikath (Gitarre). Gleich der erste Doppelschlag in Form einer selbst betitelten Mini-LP und der grandiosen Debüt-LP "Walls Of Jericho" (heutzutage beide gemeinsam als "Walls Of Jericho-Extended" erhältlich) explodierte 1985 wie pures Dynamit. Das Besondere dieser Lieder liegt in einem damals unüblichen Detail: Einerseits ballern die Stücke zwar in höllischem Tempo los und outen sich damit trendy als Teil der taufrischen Speedmetal-Bewegung. Andererseits jedoch zelebrieren sämtliche Tracks nahezu eingängige, sehr runde Melodien und tragen damit bereits den Keim des damals noch weitgehend ungeborenen Powermetal in sich. Wer diese Scheiben heute wieder auflegt, stellt unweigerlich fest, wie außergewöhnlich frisch alles auch nach 35 Jahren klingt: Bis heute verfügt "Walls Of Jericho" über eine schier unglaubliche Credibility als kompromissloses frühes Meisterwerk. Als eine der ganz wenigen damaligen Metalplatten genoss sie daher szeneübergreifend Anerkennung.

Natürlich spart die Band jene Phase auf "United" nicht aus. Inmitten des Konzerts lassen Helloween Hansen für "Kai's Medley" eine knappe Viertelstunde von der Leine. Wie ein Derwisch auf Koffein fegt der Mittfünfziger durch Highlights wie "Starlight" "Ride The Sky" oder "Judas". Stimmlich kann er es noch immer jederzeit mit Judas Priests Rob Halford aufnehmen. Um der Doppelbelastung als Sänger und Gitarrist zu entkommen, schmiss Hansen nach "Walls" das Mikro in die Ecke, man fahndete 1986 gemeinsam nach einem neuen Sänger. Kein geringes Risiko! Kann man eine solch charakteristische Stimme überhaupt Stimme ersetzen?

Wo andere Acts schmählich gescheitert wären, gelang Helloween das Wagnis mit dem damals gerade 18-jährigen, völlig unbekannten Michael Kiske. Sein Stimmvolumen zählt bis heute zum Besten, was Metal neben Halford oder Iron Maidens Bruce Dickinson auf der gehobenen Sirenenskala zu bieten hat. Gemeinsam nahmen Helloween ihren ultimativen Meilenstein auf: "Keeper Of The Seven Keys - Part I"! Der Speedmetal-Bleifuß wird leicht zurückgenommen, was manchen Fan der ersten Stunde enttäuscht. Doch den Rest der Welt erobern sie mit dem wohl besten Powermetal-Album aller Zeiten - auch, weil man sich thematisch weit von den Szeneklischees entfernt und den Halloween-Kürbis aus dem Bandlogo zur ironischen Comicgestalt umdeutet. Songwriterisch befinden sich Hansen und Weikath hier in der Form ihres Lebens: "Judas", "I'm Alive", "Future World" - allesamt Genreklassiker. Auch Kiske steuert mit "A Little Time" eine Nummer bei, die sich zum Evergreen entwickelt. Alle wichtigen Stücke der 1987er-LP sind auch Bestandteil dieses Konzerts. "Halloween" startet namensgetreu ein paar Sekunden lang wie ein Doom-Song Black Sabbaths, um danach gute zwölf Minuten in monumental angehauchter Ausgelassenheit zu schwelgen. Den Vogel schießt jedoch Weikaths Ballade "A Tale That Wasn't Right" ab. Mit hypnotischer Kraft erzeugt die Melodie nahezu anmutige Melancholie, in der Kiske alle Register seines breiten Stimmumfangs präsentiert.

Kann man so eine Leistung wiederholen? Schwer vorstellbar, doch Helloween gelingt erneut die Gratwanderung auf höchstem Niveau. "Keeper II" macht schon 1988 dort sarkastisch weiter, wo der erste Teil aufhörte und markiert ihren weltweit kommerziellen Durchbruch. Der Klassiker "Dr. Stein" chartet sogar als Hitsingle. Alles keine Selbstverständlichkeit in einer Ära, die Metal weitgehend noch als Schmuddelkind wahrnahm: Chartplatzierungen von Metallica oder Iron Maiden waren damals eine Sensation. Flugs beeilten sich ergo viele Stimmen der damaligen Szene, den Kürbisköpfen Anbiederung an die Masse vorzuwerfen. Das war großer Selbstbetrug. In Wahrheit klingen die Lieder des zweiten Teils deshalb so aus einem Guss, weil die Band ohnehin ein Doppelalbum geplant hatte: Sie wurden nur deshalb später aufgenommen und veröffentlicht, weil ihre Plattenfirma sich von der Stückelung nicht ganz zu Unrecht eine größere Durchschlagskraft versprach. "Eagle Fly Free", "I Want Out" ... auch hiervon bringt "United" alle Glanzlichter inklusive des epischen Titelstücks.

Bis hierhin klingt alles wie im Märchen. Doch das Leben verläuft selten auf solch glatten Erfolgspfaden. Zunächst stieg Kai Hansen aus und gründete mit Gamma Ray seine eigene, erfolgreiche Band. Damit fehlte einer der tragenden Komponisten. Und die Band überdrehte ihre Masche, die Klischeegrenzen des Metal lustvoll zu dehnen: Mit "Pink Bubbles Goes Ape" (1991) und "Chamäleon" folgen zwei überambitioniert-zerfahrene und erfolglose Platten: auch Kiske warf das Handtuch.

Doch die Rumpfmannschaft gab nicht auf. Mit Andi Deris von der deutschen Hardrock-Gruppe Pink Cream 69 fand man 1994 einen Nachfolger. Ab hier wird es jedoch zwiespältig. Einerseits ist Deris seit einem Vierteljahrhundert Helloweens Sänger. Andererseits kann er in punkto Volumen und Bandbreite beiden Vorgängern hörbar nicht das Wasser reichen. Songwriterisch sieht es ähnlich aus. Sowohl Hansens Gamma Ray als auch Weikaths Stücke haben ohne einander nicht ganz dieselbe Güteklasse wie ehedem. Auch die im Kürbishaus Einzug haltenden Kompositionen anderer Bandmitglieder konnten diese Schlucht nicht ansatzweise überbrücken. Die Folge waren etliche gerade mal solide Scheiben wie "Master Of The Rings" (1994) oder "Dark Ride" (2000) mit jeweils ein paar gelungenen Liedern. An alte Glanzzeiten konnte die Band nie mehr anknüpfen, zehrte live aber vom legendären Namen und den ersten drei Meisterwerken.

Interessanterweise hört man diese Schwäche dem vorliegenden Livealbum kaum an. Geschickt wählte man von den Spätwerken genau jene starken Nummern, die den Kontrast zu ihren Welterfolgen weitgehend kaschieren. Auch Deris wirkt im Gesamtgefüge zwischen Hansens und Kiskes Vocals nicht etwa überflüssig, sondern in seiner etwas raukehligeren Art durchaus ergänzend. Nachdem nun also alle Uneinigkeit der Familie Helloween zumindest für den Moment ad acta gelegt scheint und das Ergebnis große Unterhaltung bietet, stellt sich folgende Frage: Können die sympathischen Nordlichter diese positive Energie beibehalten und in gemeinsam erzeugte neue Musik umwandeln? Es wäre ihnen und dem Publikum zu wünschen.

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