Empört euch richtig!

Wie weit darf Ungehorsam gehen, um noch zivil zu sein? Die Netflix-Serie "Wir sind die Welle" arbeitet sich so gekonnt an derlei Fragen ab, dass Spannung sekundär wird.

Berlin.

Das amerikanische Sozialexperiment "The third Wave" aus den späten Sechzigern wurde vor allem Anfang der 80er als "Die Welle" via Roman und Film (dem ZDF sei dank, auch in der DDR) bekannt: Ein Lehrer beweist dabei seinen Schülern, die sich für immun halten, wie anfällig auch sie für die Verlockungen einer Diktatur wären. 2008 erneuerten Dennis Gansel und Peter Thorwarth den Stoff für das Kino. Auch hier die gruselige Kernfrage: Wie verführbar sind Demokraten durch eine auf Ausgrenzung des "Fremden" beruhende Gruppenideologie?

Als bekannt wurde, dass Gansel ("Mechanic: Resurrection") und Thorwarth ("Bang Boom Bang") den Stoff aktualisiert als Serie für Netflix auflegen wollen, sorgte das für Alarm in sozialen Netzwerken - erst recht, nachdem man aus ersten Trailern entnehmen konnte, dass die "Welle"-Gruppe des Streaming-Sechsteilers keine neofaschistische, sondern eine "linksgrüne" Bewegung zeigen sollte: Linke fürchteten die mittlerweile populäre Gleichsetzung von Rechts- und Linksextremismus, Rechte vermuteten erneutes Bashing ihrer Seite.

Seit "Wir sind die Welle" nun auf Netflix verfügbar ist, steht fest: Letzteres trifft durchaus zu. Das Logo der Partei "NfD", die in der Serie als eine Gruppe plumper Bierzelt-Faschisten auftritt, ist von dem der realen AfD nur mit Mühe zu unterscheiden. Und die Jugendlichen, die sich an ihrem Gymnasium zur "Welle" zusammenschließen, wirken wie aus dem Musterkatalog "linksgrün versiffter Gutmenschen": ein von Nazis drangsalierter Junge mit arabischen Wurzeln, eine gemobbte, labile Außenseiterin, ein Ökobauernsohn, dessen elterlicher Hof industriell vergiftet wurde, eine sozial bewegte Luxus-Tochter sowie ein Ex-Antifa-Aktivist. Wer nun wahlweise feine Charakterzeichnungen oder spannende Auseinandersetzungen zwischen diesen Polen erwartet, wird enttäuscht: Trotz ordentlicher schauspielerischer Leistungen, einiger feiner Haken in der Handlung und gut dosierter, gelegentlich leicht hölzerner Action ist das Gut-Böse-Schema im wenig originellen Verlauf des Dramas von Anfang an festgezurrt.

Das jedoch erweist sich als eine der Stärken der Serie. Dass Waffenexporte, Nazis, Immobilienspekulation oder Umweltverschmutzung keine guten Seiten haben, wird nicht mehr verhandelt - stattdessen dreht sich alles ziemlich differenziert um die Frage, was man denn in einer Demokratie gegen solche Missstände tun könne. So schnell, wie der Gruppe, die einen symbolischen Mix aus Extinction Rebellion, Peta, Antifa und Occupy darstellt, klar ist, dass Protest sein muss, stellt sich den Mitmachern auch die Frage, wie dieser denn aussehen kann, damit er wirklich etwas bewegt. Denn: Wenn die Mitte einer Gesellschaft bei solchen Fragen eher Teil des Problems als Teil der Lösung ist - wie weit kann, darf, muss man sich von ihr entfernen, um Dinge so zu verändern, dass sie wieder den offiziell erklärten Werten dieser Gesellschaft entsprechen? Das Innenleben der "Welle" liebäugelt mit der gesamten Palette - vom witzigen Youtube-Streich bis zum Terrorismus, von der offenen Bewegung bis zur hermetischen Zelle. Dass ein guter Weg gefunden wird, bildet zwar ein etwas krampfig hoffnungsvolles Ende - hängen bleiben aber die bedenkenswert zugespitzten Fragen nach rechtmäßigen Protestformen.

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