"Es fehlte ein Gründungsmythos"

Der Chemnitzer Historiker Alexander Gallus bewertet die Novemberrevolution von 1918 als Erfolg - Ihr Platz in der deutschen Erinnerungskultur bleibt aber umstritten

Es war die Geburtsstunde der parlamentarischen Demokratie in Deutschland: Mit der Novemberrevolution 1918/19 gehörte die Monarchie zur Geschichte. Die Weimarer Republik endete 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Über die Revolution vor genau 100 Jahren sprach Stephan Lorenz mit dem Chemnitzer Historiker und Politikwissenschaftler Alexander Gallus.

Freie Presse: Auf die Novemberrevolution folgte die Weimarer Republik und deren Scheitern. Stehen wir heute mit dem Ende der Volksparteien und wachsender Demokratiefeindlichkeit vor "Weimarer Verhältnissen"?

Alexander Gallus: Nein. Trotz Krise der Volksparteien, dem Aufkommen neurechter Bewegungen und gesellschaftlicher Polarisierungen. Diese Entwicklungen nehme ich zwar mit wachsender Sorge wahr. Aber die Kontextfaktoren sind heute andere als vor 100 Jahren. Damals standen die Deutschen am Ende eines Krieges mit unvorstellbaren Verlusten, Reparationsforderungen der Alliierten belasteten die Wirtschaft, und postimperiales Denken verbunden mit einem aufflammenden Nationalismus nährte den Traum von alt-neuer Stärke. Ich bin optimistisch und hoffe sehr, dass das heutige Deutschland davon geheilt ist.

Sollten wir nicht bei 1918/19 auf das spätere Scheitern der Weimarer Republik schauen?

Wir sollten vor allem die neue Demokratie von 1918/19 erst einmal beginnen lassen und ihre für einige Zeit doch hoffnungsfrohe Entwicklung nachzeichnen, ohne überall schon Keime des Verfalls aufzuspüren. Auf heute bezogen: Es gilt aus Weimar zu lernen und wachsam zu bleiben - etwa angesichts des Wandels unseres Parteiensystems und neuer Formen des Straßenprotestes. Es sei aber auch gesagt: Immerhin haben wir drei Jahrzehnte gesamtdeutsche parlamentarische Demokratie hinter uns. Es gibt heute in der Mehrheit keine grundsätzliche Ablehnung der Demokratie. Von einer System- oder gar Existenzkrise wie in der späten Weimarer Republik sind wir um einiges entfernt.

Was war die Novemberrevolution: ein gezügelter, ein gescheiterter, ein steckengebliebener oder doch ein erfolgreicher Umbruch?

Zunächst mal war es eine Revolution und nicht nur ein Zusammenbruch des Alten am Ende des Ersten Weltkrieges. Deutschland ist in diesem schicksalhaften Herbst 1918 erstmals zu einer parlamentarischen Demokratie geworden. Es hatte sich das Prinzip der Volkssouveränität durchgesetzt, das bis heute ein wesentlicher Pfeiler unseres politischen Systems ist. Der Wechsel von einer autokratischen Monarchie hin zu einer Demokratie ist im Rückblick als Revolution zu beurteilen.

Aber war sie erfolgreich?

Grundsätzlich: Ja! Es kam zu einem politischen Systemwechsel, das Frauenwahlrecht wurde eingeführt, ebenso wurden manche Sozialreformen vollzogen wie der Achtstundentag oder die erstmalige Verankerung des Prinzips der Sozialpartnerschaft in Deutschland. Das war alles sehr modern. 1918/19 steht auch für diese Errungenschaften.

War es eine typisch deutsche Revolution?

Dazu möchte ich den damals in München lebenden Dichter Thomas Mann zitieren, der sich erfreut über das hohe Maß an Ruhe und Ordnung zeigte - und darüber, dass es "keine französische Wildheit, keine russisch-kommunistische Trunkenheit" gab. Sein Resümee: "Die deutsche Revolution ist eben die deutsche, wenn auch Revolution."

Welche Fehler wurden gemacht?

Ich tue mich als Historiker schwer damit, im Rückblick mit dem erhobenen Zeigefinger daherzukommen. Die große Leistung der Sozialdemokraten Friedrich Ebert und Philipp Scheidemann war es, einen anfangs friedlichen, von Kompromissen und Deeskalation geprägten Systemwechsel mit Augenmaß herbeigeführt zu haben. Allerdings wurde der Elitenwechsel nicht konsequent genug angepackt - in der Beamtenschaft, in der Verwaltung oder beim Militär. Man hätte zumindest Führungspositionen durch republiktreue Kräfte ersetzen müssen.

Wie es Preußen getan hatte?

Ja. Der Freistaat erwies sich politisch stabiler als das Reich. Mit nur kurzen Unterbrechungen stellten die Sozialdemokraten mit Paul Hirsch und Otto Braun den Ministerpräsidenten. Vor allem die Innenminister Carl Severing und Albert Grzesinski trieben die Reform von Verwaltung und Polizei im republikanischen Sinne voran, sodass Preußen in der Weimarer Zeit als Bollwerk der Demokratie galt. Zudem hätte man im Reich die Militärreform stärker anpacken müssen. Die Reichswehr entwickelte sich zu einem Staat im Staate und zeigte sich insgesamt illoyal gegenüber der Republik. Es gab aber Chancen, eine republikanische Armee zu installieren.

Warum geschah das nicht?

Die Kooperation mit den alten Kräften war eng, weil das Gewaltmonopol des Staates mindestens bis Mitte 1919 - im Grunde bis zum gescheiterten Hitler-Putsch von 1923 - stark herausgefordert war. Friedrich Ebert, der starke Mann im Rat der Volksbeauftragten und späterer Reichspräsident, war auf das Militär angewiesen. Das lief aber schon im Januar 1919 bei der Niederschlagung des "Spartakus-Aufstandes" aus dem Ruder, von den Gewaltexzessen der nachfolgenden Märzkämpfe ganz zu schweigen. Die Mehrheitssozialdemokraten um Ebert und Scheidemann waren aber der Meinung, man brauche das Militär als verlässlichen und starken Partner, um die Ordnung im Land wiederherzustellen. Das war prinzipiell nachvollziehbar und erwies sich doch als verhängnisvoll.

Hat die Novemberrevolution immer noch ein Imageproblem?

Das war zwischenzeitlich sogar so groß, dass sie bis kurz vor dem 100-Jahres-Jubiläum als eine "vergessene Revolution" erschien. Eine Meistererzählung lässt sich kaum an sie knüpfen. Sie unumwunden zum glorreichen Beginn der deutschen Demokratie zu stilisieren, klappt ebenso wenig, wie sie auf Gewalt- und bald Diktaturgeschichte zu reduzieren. Die Novemberrevolution war kein Musterbeispiel der Demokratiegeschichte, aber sie musste auch nicht zwangsläufig scheitern. Es fehlte ihr in jedem Fall ein positiver Gründungsmythos. Schon 1919 war eine gewisse Katerstimmung festzustellen. Die Dolchstoßlegende, nach der das unbesiegte Heer im Krieg durch Verrat in der Heimat erledigt worden war, wurde begierig von nationalistisch gestimmten Republikgegnern aufgegriffen. Jede Menge Ressentiments hatten sich im Laufe der Jahrzehnte gegen die früheren "Reichsfeinde", die Sozialdemokraten, aufgestaut. Und von Links hieß es immer, die Revolution sei nicht weit genug gegangen.

Hat die Linke damals versagt?

Auf keinen Fall. Allerdings war die Linke innerlich zerrissen. Die Mehrheitssozialdemokratie (MSPD) sollte sich aber mit ihrem gemäßigten sozialdemokratisch-bürgerlichen Konsens durchsetzen. Bei der Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 ging die MSPD als stärkste Kraft hervor und bildete zusammen mit der Zentrumspartei und der Deutschen Demokratischen Partei die sogenannte Weimarer Koalition. Während die MSPD vor "russischen Verhältnissen" und Bolschewismus warnte, standen die Ultralinken für ein Rätesystem. Man darf aber auch nicht vergessen, dass es anfangs im Rat der Volksbeauftragten eine paritätische Zusammensetzung gab zwischen MSPD und USPD (Unabhängige SPD, Anm. der Red.). Dieses Bündnis war nie von Herzlichkeit geprägt, agierte aber bis zum Bruch Ende 1918 erfolgreich.

Wie war die Sicht der DDR auf die Novemberrevolution?

Ebert und Scheidemann galten als Verräter der Arbeiterbewegung. Gleichzeitig sah sich die DDR als Vollenderin der Revolution. Die Argumentation: Damals musste es scheitern, weil es eine bürgerliche Revolution war, mit nur zum Teil proletarischen Mitteln. Es konnte nicht gelingen, weil noch keine schlagkräftige kommunistische Kaderpartei existierte. Die unfertige Revolution wurde quasi erst durch die SED zum Erfolg geführt.

Welchen Platz hat die Revolution in der Erinnerungskultur?

In der alten Bundesrepublik galt die Abgrenzung von der Weimarer Republik wie von ihrem Gründungsakt anfangs als eine Art Staatsräson. Die linken 68er liebäugelten zwar kurz mit Räteideen. Es blieb aber bei Gedankenspielen. Später stand die Revolution abseits, weil man sich in Bonn spätestens ab den 1980er-Jahren nicht mehr als Provisorium betrachtete, sondern als vollendete Demokratie. Nach den Umbrüchen von 1989 und dem propagierten "Ende der Geschichte" hatte sich die Abkehr von 1918/19 wie von Revolutionen überhaupt noch verstärkt. Hinzu kam: Die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts hielt genügend andere Zäsuren bereit: 1933, 1945/49 oder 1989. In einer solch bruchreichen Geschichte hat es jede Zäsur schwer, erinnert zu werden. Sie wird ständig überschrieben, statt sich als Anknüpfungspunkt für Traditionsstiftung zu etablieren.

Was ist, wenn Deutschland heute eine Krise wie 1929 erlebt?

Da wäre mir ein wenig mulmig zumute. Weimar war ja - entgegen so mancher Annahme - keine wehrlose Republik, die nur zugesehen hat, wie sie von den Rändern her zerrieben wird. Es gab schon 1922 ein Republikschutzgesetz, ebenso Parteiverbote. Das sozialdemokratisch dominierte "Reichsbanner" trat der radikalen Straßengewalt entgegen. Der politische Wehrverband zum Schutz der demokratischen Republik wurde 1924 gegründet. Dann kam 1929 die Weltwirtschaftskrise, die voll auf die Lebensverhältnisse durchschlug. Das hat die Demokratie ins Straucheln gebracht. Ich mache mir Sorgen, wenn es mal bei uns zu einer ernsthaften, für jeden derart spürbaren Wirtschafts- und Finanzkrise kommen sollte. Da würde ich mir eine politische Bildung wünschen, der es gelingt, die Errungenschaft unseres demokratischen Systems überzeugend zu stärken.

Damals war die Dolchstoßlegende sehr wirkungsmächtig. Gibt es heute auch wieder solche zerstörerischen Mythen?

Ich sehe das als gefährlich an, was heute wieder unter dem Terminus "Lügenpresse" zum Ausdruck kommt. Gegen das etablierte, überwiegend seriöse System von Medienorganen hat sich ein nicht gerechtfertigtes Misstrauen herausgebildet. In den sozialen Netzwerken bildet sich immer stärker eine Einfluss gewinnende Gegenöffentlichkeit aus. Neue subversive Mediensysteme streuen bewusst Fake News. Diesen Strukturwandel der Öffentlichkeit sehe ich mit Sorge. Jede Stimme, jede Behauptung steht gleichberechtigt neben der anderen.

Ihre Hoffnung?

Es wird durch die Vielzahl der Netzangebote auch sehr kleinteilig. Es ist die Frage, wie sehr sich da noch Meinungsführereffekte herausbilden können. Lauter kleine, halbgare Verschwörungstheorien wären nicht so schlagkräftig wie damals die Dolchstoßlegende. Die war nicht zuletzt deshalb so wirksam, weil sie auf das Gefühl von nationaler Verletzung, Kriegsschuld und Not traf. Die Dolchstoßlegende war auch nicht ganz unplausibel: Das Deutsche Reich hatte den Krieg im Osten gewonnen und einen Diktatfrieden mit Russland geschlossen, die Armee mit ihrer letzten Offensive zumindest noch einige Teilerfolge - und vor allem: Es standen keine feindlichen Soldaten auf Reichsgebiet. Es war eine Propagandalüge, aber der Mythos erschien den Zeitgenossen damals nicht völlig absurd.

Alexander Gallus

Geboren 1972 in Berlin studierte er später Geschichte, Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre an der Freien Universität Berlin und in Oxford. Anschließend war er von 1995 bis 1998 Promotionsstipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes. Seit Herbst 2013 ist Gallus Inhaber der Professur Politische Theorie und Ideengeschichte an der TU Chemnitz. slo

 

 

Die Novemberrevolution 1918/19

Es begann alles mit einer Meuterei: Als die deutsche Seekriegsleitung unter Konteradmiral Adolf von Trotha am 24. Oktober 1918 den Befehl zum Auslaufen der Hochseeflotte gab, meuterten die Matrosen. Ihnen war bewusst, dass der Krieg verloren war. Sie wollten sich nicht in einem aussichtslosen Kampf gegen die Briten opfern. 1000 Matrosen wurden verhaftet, doch die Rebellion griff weiter um sich. Bei einem von vielen Protesten für die Freilassung der Inhaftierten erschoss eine Militärpatrouille am 3. November in Kiel sieben Demonstranten. Mit dem Tod der Kameraden war das Signal zum Aufstand gegeben; schon bald wehten auf den Schiffen rote Fahnen. Und die Kieler Arbeiter schlossen sich den Matrosen an. Am Abend des 4. November befand sich die Stadt in den Händen der Aufständischen, die den ersten Arbeiter- und Soldatenrat bildeten.

Die Streiks und Massendemonstrationen im ganzen Reich und der Druck der alliierten Siegermächte führten schließlich dazu, dass Reichskanzler Max von Baden die Abdankung des Kaisers bekanntgab. Er übergab die Regierungsgeschäfte den Mehrheitssozialdemokraten (MSPD).

Noch am selben Tag, dem 9. November 1918, rief MSPD-Politiker Philipp Scheidemann die demokratische Republik aus. Zwei Stunden proklamierte Karl Liebknecht vom kommunistischen Spartakusbund die sozialistische Republik. Die Vorentscheidung für die Wahlen zur Nationalversammlung und damit für die parlamentarische Demokratie fiel auf dem Reichsrätekongress im Dezember 1918. Dort stimmte nur eine Minderheit für die Einführung eines sozialistischen Rätesystems. Als Wahltermin für die Nationalversammlung wurde der 19. Januar 1919 festgelegt.

Bei den Wahlen wurde die MSPD erwartungsgemäß stärkste Kraft. Da Verhandlungen in Berlin aufgrund der Aufstände nicht stattfinden konnten, tagte die Nationalversammlung in Weimar. Friedrich Ebert (MSPD) wurde zum neuen Reichspräsidenten der Republik gewählt. Die Weimarer Republik war geboren. slo

Weitere Berichte zum Ende des Ersten Weltkrieges und zur Novemberrevolution im Deutschen Reich finden Sie in unserem Spezial "100 Jahre Novemberrevolution"

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