Gesichter der Arbeit

Bilder aus dem Arbeits- alltag der DDR kennt man von der Staatspropaganda oder Verfall-Fotos nach der Wende. Das Industriemuseum Chemnitz wagt mit der Sonderschau "Untergegangene Arbeitswelten" nun einen realistischeren Blick auf Menschen, ihre Berufe - und ein verloren gegangenes Verhältnis zur Arbeit.

Chemnitz.

Wer weiß noch, wie die Hauer im VEB Steinkohlewerk Oelsnitz/Erzgebirge mit dem Drucklufthammer unter Tage arbeiteten? Wer erinnert sich noch an die "Montage einer Zweiständertischmaschine" im VEB Fritz Heckert 1958? In der aktuellen Sonderausstellung im Chemnitzer Industriemuseum kann man es sehen, denn Wolfgang G. Schröter hat es auf Film gebannt.

Geboren 1928 in Wolfen, kam er als Hilfsarbeiter in der damaligen Agfa-Filmfabrik der Stadt mit der Fotografie in Berührung. Von 1949 bis 1953 studierte er an der damaligen Akademie (heute Hochschule) für Grafik und Buchkunst in Leipzig künstlerische Farbfotografie, arbeitete zunächst freischaffend für die Auslandszeitschrift "Deutsche Demokratische Republik im Aufbau", später für die Zeitschrift "Freie Welt". Er übernahm Werbeaufträge für die VEB Carl Zeiss Jena und Filmfabrik Wolfen, beschäftigte sich auch international beachtet mit experimenteller Farbfotografie, hatte Lehraufträge an der HGB und der Sektion Journalistik der Leipziger Universität. Unter seinen mehr als 50.000 Aufnahmen sind zahlreiche Fotos aus der Industrie, aus großen und kleinen Fabriken, auch im ehemaligen Bezirk Karl-Marx-Stadt. Mehr als 100 von ihnen zeigt das Industriemuseum.

Darunter sind Aufnahmen aus dem VEB Automobilwerke Sachsenring in Zwickau: Eine Frau macht sich an rot und weiß glänzenden Trabant 501 auf einer frühen Montagestraße, 1958, zu schaffen. Nur der alte, fleckige Steinfußboden darunter deutet an, dass der Aufbau der Automobilproduktion nach dem Zweiten Weltkrieg nicht leicht war und die Autobauer mit Kompromissen leben mussten. Zu sehen ist, dass auch Frauen hart arbeiteten - so auf einem Foto aus dem Jahr 1959 aus dem VEB Schwermaschinenbau Leipzig. Der Stolz auf die eigene Arbeit ist zu sehen: Der Blaufärber Paul Petzold (einer der wenigen mit Namen genannten Porträtierten) betrachtet stolz die in seiner kleinen Privatfirma bedruckten Stoffe. Ein Schmelzer sticht den Stahl ab im VEB Stahl- und Walzwerk Gröditz. Im Fritz-Heckert-Werk sind Arbeiter während eines Treffens der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft beim Erfahrungsaustausch. Die Regale in einer HO-Verkaufsstelle in Oelsnitz sind 1955 prall gefüllt - stille Erinnerung an die Extraversorgung der Bergleute. In einem riesigen Speisesaal versammelt sich die Belegschaft gemeinsam zum Essen. In einem Forschungslabor muss eine Katze in einem Glaskolben ausharren. Die Porzellanmanufaktur in Meißen ist schon vor 50 Jahren ein etwas schickeres Unternehmen. Ansonsten sind die Arbeitsplätze zweckmäßig, nicht schön.

Diese Fotos sind keine offensichtlichen Propaganda-Aufnahmen. Vielleicht wurden die Arbeitsplätze für den Fotografen etwas besser aufgeräumt, und Schröter hat sich auch nicht die Spinde mit den Porträts der Freundinnen oder der Akte aus dem Magazin ausgesucht. Manchmal deutet eine etwas chaotische Materiallagerung im Hintergrund an, dass die Arbeit in der DDR nicht leicht war und die Planwirtschaft ständig mit ungeplanten Zwischenfällen zu kämpfen hatte. Aber die Arbeiterinnen und Arbeiter, die Ingenieure und Angestellten posieren auch nicht für den Fotografen - sie haben sich nicht in Schale geworfen, sie schauen nicht fröhlicher in die Kamera, als sie es tatsächlich waren. Oft wirken sie nicht einmal wie die Hauptpersonen in den Bildern.

Was diese Fotos vor allem zeigen, ist die Selbstverständlichkeit der Arbeit - nicht nur als Mittel zum Zweck, zum Geldverdienen. Für all diese Menschen war Arbeit ein fast natürlicher Bestandteil des Lebens, der ihnen tagtäglich bewies, dass sie gebraucht wurden, dass ihre Arbeit vielleicht nicht besonders gut bezahlt, aber geachtet wurde. Dass sie keine Angst um diese Arbeit haben musste, dass sie sie zum Teil einer Gemeinschaft machten. Dass man die damals allgegenwärtige "Lehre" von Karl Marx auch ganz simpel mit "Mehr Freizeit für alle" übersetzen konnte, war ihnen ganz sicher nicht bewusst. Mochte die Arbeit auch nicht weniger entfremdet und fremdbestimmt sein als im Kapitalismus, so war sie doch etwas, das die Menschen in diesem ihrem kleinen Land etwas gleicher machte und das ihnen Sicherheit gab. Und das sieht man ihnen auf diesen Fotos an.

Die meisten der in den 1950er bis 70er Jahren von Wolfgang G. Schröter porträtierten Menschen bei der Arbeit werden die Wende noch erlebt haben, und vielleicht haben sie auch noch erleben müssen, wie ihre "Arbeitswelten" tatsächlich untergingen. Um manchen dieser und auch nicht fotografierter Arbeitsplätze war es nicht schade - sie würden gesundheitlichen und ökologischen Anforderungen von heute nicht genügen. Aber mit ihnen ist auch das Gefühl der selbstverständlichen und noch gar nicht romantisch verklärten Gemeinschaft und Sicherheit der Menschen verschwunden, das diese 50, 60 Jahre alten Fotos ausstrahlen. Keiner hat dies besser beschrieben als der polnische Autor Andrzej Stasiuk in "Hinter der Blechwand": "Sie wollten ihre Ruhe haben. Vielleicht ein besseres Auto, einen größeren Fernseher ... Ein bisschen besser hätte es schon werden dürfen. Aber Gott behüte - anders. Ich konnte sie gut verstehen. Sie wollten nicht für etwas bezahlen, das sie nicht bestellt hatten. Sie rochen den Braten, und statt Freiheit hätten sie lieber Gleichheit gehabt."

Die Ausstellung

"Untergegangene Arbeitswelten" sind im Industriemuseum Chemnitz bis 4. August zu sehen. Geöffnet ist dienstags bis freitags von 9 bis 17 Uhr sowie sams-, sonn- und feiertags von 10 bis 17 Uhr.

saechsisches-industriemuseum.com

 

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    1
    Freigeist14
    22.05.2019

    Diese Fotos stammen aus einer Zeit .als man noch stolz war "Arbeiter " zu sein und ein Gemeinschaftsgefühl der Kitt der Gesellschaft war .Fand damals eine Überhöhung und Verklärung statt wurde daraus eine Entwertung ,die sich heute im Akademisierungswahn und im Facharbeitermangel niederschlägt .Der "Arbeiter " kommt z.B . im TV als Hauptrolle oder Vorbild schlicht nicht vor oder wird allgemein als überschaubar und AFD-affin überzeichnet .



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