Graublaues Verhängnis in "Aida": Krieg frisst Liebe

Andreas Rosar hat die Kolossal-Oper "Aida" für das Theater Plauen-Zwickau mit Aufwand aber ohne Pharaonen-Schnickschnack inszeniert. Die Premiere glückte erst nach Startschwierigkeiten.

Plauen.

Eine metallisch glänzende Orthese am linken Arm, in der empor gereckten, rechten Faust ein Kalaschnikow-Sturmgewehr, bekannt als AK-47: Radamès, der Führer des altägyptischen Heeres, erscheint in Andreas Rosars Inszenierung als ein biomechanischer Krieger.

Der Bezwinger der Äthiopier ist viel mehr Tötungsmaschine, weniger Mensch. Die lustvolle, nicht standesgemäße Liebe zur Sklavin Aida, die Tochter des Königs der Feinde, erscheint in dem Kontext als Störung im staatsräsonalen Betriebssystem. Die Differenz zur Doktrin vom hassenswerten Feind führt zur Aussonderung. Die Logik des Krieges frisst die Liebe - und die Liebenden gleich mit. Rosar fand eine zeitgemäße, kitschfreie und intellektuell anregende Sicht auf Giuseppe Verdis Pharaonen-Oper "Aida". Das Warten auf die vollszenische Premiere hat sich damit gelohnt.

Die erste Aufführung mit allem Drum und Dran war wegen erkrankter Sänger mehrere Male verschoben worden. Dafür offerierten die Theaterleute den Freunden der italienischen Oper im Plauener Theater eine konzertante Variante. Die kleine Form hatte bereits viel Beifall gefunden. Mit Bravo- und Jubelrufen und langem Applaus wurde nun auch die vollständige Fassung belohnt. Der gewaltige musikalische Apparat sprengte bei der Premiere fast das Bühnengehäuse: Die atemberaubend hochklassige Solistenschar beeindruckte sowohl gesanglich wie auch gestalterisch zutiefst. Gesungen wird in italienischer Sprache. Deutsche Obertitel erleichtern das Textverständnis. Marija Mitić in der Titelpartie verkörpert ihre Figur der ahnungsvoll verzweifelt Liebenden mit großer Bühnenpräsenz wie auch Wonjong Lee als Radamès. Johanna Brault ist als Pharaonentochter Amneris die biestige Dritte im Beziehungsclash. Auch die weiteren Solisten bestechen durch stimmliche Brillanz und stark emotionale Ausstrahlung. Maurice Giancarlo Avitabile hat die Partie des Pharao übernommen. Frank Blees gibt den gnadenlosen Oberpriester Ramfis, Alik Abdukayumov einen kraftstrotzenden König der Äthiopier. Christina Maria Heuel ist eine Oberpriesterin, André Gass ein Bote.

Leo Siberski sorgt als musikalischer Leiter bei aller Opulenz der Vorlage für einen angenehm transparenten Orchesterklang. Er legt Wert auf präzise Rhythmik, Differenziertheit und Steigerungen am rechten Fleck. Das Philharmonische Orchester, zusätzliche Musiker des Vogtlandkonservatoriums unter der Leitung des Direktors Jörg Leitz, der Opern-, Extra- und Aida-Projektchor folgen ihm darin. Schüler der Konservatorien in Plauen und Zwickau sowie der Musikschule Vogtland lassen beim Hit der Oper, dem Triumphmarsch der siegreichen Ägypter, effektvoll die legendären Aida-Trompeten erschallen.

Fabian Lüdicke verpackt das alles in eine blaugraue Welt, der das Verhängnis scheinbar wie die Luft zum Atmen innewohnt. Die Kostüme von Ágnes Hamvas erinnern an die schlichte Sachlichkeit der 1930er-Jahre. Raphael Howein liefert dazu Videosequenzen, die beispielsweise marschierende Soldaten zeigen und auch die Handlung verfremdet illustrierten.

Weitere Vorstellungen von "Aida" im Vogtlandtheater Plauen am 8. Juni, 19.30 Uhr; 10. Juni, 18 Uhr, jeweils im Vogtland-Theater in Plauen. Kartentelefon: 03741 28134847 und 03741 28134848. www.theater-plauen-zwickau.de

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