Hoffnung auf Tauwetter in Michael Morgners Arbeiten in Glauchau

Die Galerie Art Gluchowe zeigt ältere Arbeiten von Michael Morgner, darunter sogar Bilder, mit denen sich der Künstler an der Farbe versuchte.

Glauchau.

Es ist fast rührend, diese neun Blätter zu betrachten: "Tauwetter" heißt eine Mappe von Michael Morgner aus den 1980er-Jahren, die jetzt, nicht nur zur Jahreszeit passend, wieder einmal vollständig in der Galerie Art Gluchowe in Glauchau zu sehen ist.

Radierungen, die auf eine stille Art den Winter als die triste, doch erwartungsfrohe Zeit vor dem Frühling zeigen: kleine, aufgewühlte Landschaften, schneebedeckte Felsen, deren Schwarz sich durch die weiße Haut schiebt. Risse, Aufbrüche - etwas Unstetes liegt in den Bildern, deren innere Dramatik nach außen drängt. Eigentlich sollten es in erster Linie Liebeserklärungen ans Erzgebirge sein, sagt Michael Morgner selbst, aber wenn es ihm auch zunächst um die Darstellung der Landschaft ging, hatten diese Blätter zum Thema "Tauwetter" in der Zeit ihrer Entstehung auch eine politische Dimension, konnten gesehen werden als eine Metapher zu dem erhofften, unter Michail Gorbatschow dann einsetzenden politischen Tauwetter, dem Ende des Kalten Krieges, der die Welt so lange hatte ängstlich frieren lassen. In ihrer Ästhetik deuten diese Radierungen auch schon den weiteren Weg Michael Morgners an: hin zu stärkerer Abstraktion, zur Reduzierung der Farben auf einen starken Kontrast zwischen dunklen Tönen, schwarz, braun, ocker, metallisch-glänzend, und dem Weiß der Leinwand, des Papiers.

Daneben sind Tuschlavagen (dabei wird die Tusche "ausgewaschen") und - selten gezeigt - Arbeiten, ebenfalls aus den 1980er-Jahren, zu sehen, in denen sich der Künstler noch einmal an die (Latex-)Farbe wagte. "Das waren die letzten Reste meines DDR-Blaus", sagt er zu den oft titellosen Bildern. Sie zeigen stille, störrische Landschaften, Wäldchen aus der unmittelbaren Umgebung des Künstlers in Einsiedel - manche habe der Sturm Kyrill inzwischen "gefällt", andere seien erwachsen geworden, weiß Morgner.

Aber es ging ihm wohl nie allein um Landschaften. Diese Arbeiten entstanden nach der Zeit mit der Künstlergruppe Clara Mosch, deren Mitglied Morgner gemeinsam mit Carlfriedrich Claus, Thomas Ranft, Dagmar Ranft-Schinke und Gregor-Torsten Schade (heute Kozik) war und die von 1977 bis 1982 bestand. Offensichtlich hatte sie ihr emanzipatorisches Potenzial ausgeschöpft, wollten und mussten die Künstler eigene Wege gehen. Eine gewisse Anerkennung hatten sie sich, national und international, erworben, damit auch einen gewissen Freiraum in der DDR. Doch die große Freiheit war ausgeblieben. Da wirken die winterlichen Landschaftsbilder von Michael Morgner fast wie ein Innehalten, ein Nachdenken darüber, was ihn zur Kunst treibt, was ihn inspiriert, was bleibt, bevor er sich fast ausschließlich den großen Menschheitsfragen, den existenziellen Leidens- und Schmerzensbildern zuwendet. Es bleibt eben auch die erzgebirgische Landschaft, die an sich schon die Wunden, Brüche und Risse zeigt, die das Leben in der DDR in die Biografien schlug.

"Ich habe", hat Michael Morgner einmal gesagt, "immer die seelischen Verletzungen des Menschen als das eigentlich Schändliche empfunden und darzustellen versucht." Dies liest sich auch aus seinen Landschaftsbildern, in denen Werden und Vergehen, Ruhe und Aufbruch auf subtile Weise vereint sind.

Mit dieser Ausstellung gelingt der Galerie Art Gluchowe 30 Jahre danach ein berührender Rückblick auf die Zeit unmittelbar vor der und um die Wende - als Hoffnung und Enttäuschung, Bleiben und Gehen dicht beieinanderlagen. Ein Grund für das Bleiben mag für viele oft auch die heimatliche Landschaft gewesen sein, das Vertraute, mit dem eigenen Leben Verwobene, dessen gesellschaftliche Verhältnisse ändern zu können dann doch die größere Herausforderung war. Dass Morgner diese Bilder gerade jetzt unter dem Titel "Winter" wieder zeigt, mag auch ein Hinweis darauf sein, wie er die Gegenwart empfindet. Die kleine Galerie bleibt damit ihrem Anspruch treu, neben einheimischen Künstlerinnen und Künstlern auch überregional bedeutsame Positionen zu zeigen. Nuria Quevedo, Hartwig Ebersbach, Johannes Heisig sind nur einige Beispiele, mit denen die kommunale Galerie über Glauchau hinaus auf sich aufmerksam machte. Mit den Winterbildern von Michael Morgner wird ihr das auch gelingen.

Die Ausstellung "Winter" mit Arbeiten von Michael Morgner ist bis 3. März in der Galerie Art Gluchowe in Glauchau zu sehen. Geöffnet ist dienstags bis freitags von 10.30 bis 12 und 13 bis 17 Uhr, samstags, sonntags und feiertags 14 bis 17 Uhr. www.artgluchowe.de

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