In der DDR gang und gäbe: Stoffbeutel sind gefragt!

War die Plastiktüte lange Zeit Sinnbild modernen Einkaufens, gilt sie heute als Umweltsünde. Dabei gibt es schon lange eine Alternative. Eine persönliche Betrachtung.

Sommer 1989. Ungarn hatte begonnen, den "Eisernen Vorhang" zu entschärfen und schrittweise abzubauen. Am 19. August nutzten etwa 600 DDR-Bürger das "Paneuropäische Picknick" an der Grenze zu Österreich zur Flucht. Ich hatte mich schon 1985 per Ausreiseantrag gen Westen aufgemacht und nun für diese Zeit ein Treffen mit meiner Tochter in Budapest vorbereitet - nach der Art, wie Menschen zusammenkommen konnten oder mussten, die in Deutschland einander nicht besuchen durften: Die Tochter war zu jung, um mich in der Bundesrepublik besuchen zu dürfen, ich erhielt als Ausgereister keine Einreisegenehmigung. So fuhr ich mit einem kleinen Wohnmobil von Stuttgart nach Budapest, die Tochter flog von Berlin-Schönefeld nach dort. Wir verlebten dann in Ungarn und Rumänien gemeinsame Tage, nicht ahnend, dass wir uns bald wieder ganz normal würden treffen können, wo auch immer auf dieser Welt.

Als ich mein 21-jähriges Mädchen am Flughafen abholte, trug ich Wertsachen, die ich nicht im geparkten Wohnmobil zurücklassen wollte, in einem großen orangenen Stoffbeutel. Er unterschied sich deutlich von den üblich kleinen, dünnen, meist im Küchenschürzen-Look designten Dederonbeuteln, die sich zur Portemonnaie-Größe gefaltet und mit Druckknopfverschluss versehen für die Hand- oder Anoraktasche eigneten. Man wollte ja immer vorbereitet sein, um unverhofft Gekauftes ("Erwischtes") nach Hause tragen zu können.

Mein Beutel, dessen Herkunft mir entfallen ist, bestand aus derbem Stoff, mit starken Fäden zusammengefügt und stabilen Henkeln versehen. Nichts für die Hosentasche, wohl aber, um viel und Schweres tragen zu können. Man sah ihm schon von Weitem an, dass er in diesem Sinne oft und lange gedient hatte.

Bevor ich freudig umarmt und geküsst wurde, handelte ich mir einen Rüffel ein.

"Mensch Vati, was willst du denn mit dem Beutel? Da lebst du nun im Westen und rennst immer noch mit dem hässlichen altmodischen Ding rum! Du bist doch kein Beuteltier!" Es war ihr sicherlich peinlich, dass ihr - nun quasi - Westvati nicht so schick daherkam, wie sich die Osttochter Westmenschen vorstellte. Mein - für einen jungen Menschen - damaliges sonderbares Verhalten hatte natürlich einen tieferen Grund.

Nicht, dass ich zu den frühen aktiven Umweltschützern gezählt, schon damals gewusst oder auch nur geahnt hätte, dass uns einmal zu viel Plastik um die Ohren fliegen und den Magen verderben könnte, weil es jetzt als Abfall im Meer als unpassendes Fischfutter und damit auf Umwegen auf unseren Tellern landet. Nein, Plastik oder, wie im Osten üblich, Plaste, gehörte zum Alltag wie Metalle, Stoffe und Holz. Und es war nicht das Material, das die Tragetüten aus Kunststoff so begehrlich machte. Es war ihre vornehmlich westliche Herkunft. In der DDR verkörperten sie ein alternatives Lebensgefühl. Bunt, mit den Logos und Werbeschriften westlicher Marken versehen, befeuerten sie ihre Nutzer in der Vorstellung, Teil dieser Welt zu sein. Oder wenigsten ihr nahe. Wenn schon keine Klamotten, Schuhe oder Kosmetik von drüben, dann doch wenigstens deren Plastetüten, in denen sich auch Alltägliches tragen ließ: Obst und Gemüse, Wasch- oder Badesachen, Bücher aus der Bibliothek oder der Buchhandlung, egal ob von Erwin Strittmatter oder Karl Marx.

Tüten dieser Herkunft wurden natürlich nicht weggeschmissen, sondern immer wieder verwendet, höchstens einmal getauscht. So gesehen leistete der Osten für den Westen einen frühen Umweltschutz in Sachen Plastik. Manche Familien mussten auf die ideologisch belastete Form eines Kleintransportes per West-Plastiktüte weitgehend oder total verzichten, weil sie über keine Westkontakte verfügten - wie unser Haushalt. Andere verkniffen sich das Tragen dieser Tüten, wie sie darauf verzichteten, Westfernsehen zu gucken. Tauchte in meiner Familie doch einmal solch ein "Tragelement" auf, wurde es toleriert, ohne dass jemand deswegen überschwängliche Glücksgefühle verspürte. Ich schon gar nicht. Ich liebte meinen großen praktischen Stoffbeutel mit einer, wie wir heute zu sagen pflegen, "nachhaltigen Nutzung".

Dieses Verhalten gründete auf meine Erziehung im Elternhaus und des weiteren sozialen Umfeldes, die sich recht früh in einer festen Überzeugung manifestierte: nichts wegwerfen, was noch gebraucht werden könnte, mit allem sparsam umgehen, nichts verschwenden. Und: Nützlichkeit geht vor Schönheit. Deshalb keine schicke Plastetüte, wenn es ein altgedienter Stoffbeutel auch noch tut. Westen hin - oder her. Als Kind in den 1950er-Jahren Ferien bei meinen Großeltern in Penig verbringend, lief ich mit einem Krug zum Milchwagen unten auf der Straße, der von einem Pony gezogen wurde. Dort schöpfte der Kutscher die Milch mit einem Neesel/Niesel (sächsisch, in Wörterbüchern nicht aufgeführt: 1- oder 0,5-Liter-Maß) aus einer Kanne. Großvater holte sein Bier gern in einem nahen Bierausschank - mit einem Krug. Die Eltern in Limbach-Oberfrohna kauften beides in Flaschen. Die leeren wurden natürlich zurückgebracht, unabhängig von der Höhe des Pfandgeldes. Es gehörte sich so.

Vater, Elektriker von Beruf und auch in anderen Gewerken zu Hause, hob alles auf, was versprach, noch einmal gebraucht werden zu können, von einer Schraube über Kabel und Bretter bis zu ausgebauten Fenstern. Natürlich befeuerte die allgemeine Materiallage "Wir hatten doch nichts" (Olaf Schubert) eine solche Sammlerwut. Ich meine aber, mein Vater hätte sich auch unter anderen wirtschaftlichen Umständen so verhalten, aus Achtung gegenüber allem, was von der Natur kommt oder von Menschenhand hergestellt wurde.

Andere Kinder und Jugendliche haben vielleicht gegen solches Sparen rebelliert. Ich machte es mir zu eigen. Nachhaltigen Ausdruck fand es beispielsweise im Sammeln von Geschenkpapier und Geschenkbändern. Ob zum Geburtstag oder zu Weihnachten: Alles, was ich eingeschlagen geschenkt bekam, wurde sorgfältig ausgewickelt, gefaltet und aufbewahrt - für die Geschenke, die meine Familienangehörigen bekamen. Mit dieser Masche bin ich bis heute bekannt und berüchtigt.

Da mich meine Eltern in Sachen Taschengeld recht kurzhielten, hielt ich nach Möglichkeiten Ausschau, mir schon früh eigenes Geld zu verdienen - etwa mit dem Sammeln von Altstoffen. Das wurde im volkswirtschaftlichen Maßstab betrieben, Schulklassen erfüllten damit Pionieraufträge, und ich machte es zu einer privaten Einnahmequelle. Über den einen Großvater, Fleischer, kam ich an Knochen, über den anderen, Tante-Emma-Laden-Betreiber, an die Pappe leerer Kartons und über die Mutter, Arbeiterin in einer Weberei, an leere, abgespulte Papierhülsen, die bei uns "Dudeln" hießen. Als ich dann später als Erwachsener im Osten und Westen hauptsächlich mit journalistischer Arbeit ausreichend verdiente, konnte ich auf derlei Nebenbeschäftigungen verzichten, zumal die genannten Quellen versiegt waren. Aber der Hang zur Sparsamkeit blieb wie der zur Nützlichkeit, der Stoffbeutel eingeschlossen.

Zum zweiten Advent 1989 durfte ich wieder in die DDR einreisen, zufälligerweise mit einem kleinen Wohnmobil. Von Stuttgart gekommen, holte ich meine Tochter in Ost-Berlin ab und fuhr mit ihr rüber nach Westberlin, zu ihrem ersten McDonald's-Besuch. Meinen immer noch nicht besser aussehenden orangenen Stoffbeutel hatte ich demonstrativ im Wohnmobil an einen Haken gehängt: "Sei bereit - immer bereit". Zum Einsatz kam er diesmal nicht, und meine Tochter enthielt sich jeden Kommentars. Sie akzeptierte, dass er nun mal zu mir gehörte.Irgendwann und irgendwo in Europa habe ich ihn später offensichtlich verloren. Ein schwerer Schlag.

Inzwischen seit 19 Jahren der Liebe wegen wieder in der Heimat lebend, tut es erneut ein ebenso stabiler, gelber Stoffbeutel, mit dem ich vor allem Getränke hole und leere Flaschen wegbringe. An seiner Seite verrichten mehrere kleine, natürlich auch aus Stoff, spezielle Dienste. Allen voran der meines Bäckers, mit dem ich die wunderbaren Brötchen nach DDR-Art hole. Ohne den Beutel schmeckten sie nur halb so gut, weil mich sonst ein schlechtes Gewissen plagte. Ich bin halt ein Beutelmensch -und das werden wir wohl bald alle sein, falls das von der Bundesregierung geplante Plastiktüten-Verbot im Handel kommen sollte - und somit der Einsicht die Pflicht zur Seite gestellt würde. Und ich bin plötzlich ungewollt neumodisch.

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