Kanon und Kanonen

In diesen Tagen gedenkt die Musikwelt des 125. Todestags von Peter Tschaikowski. Der Mann, der den Versuch unternahm, russische und westeuropäische Musik auf einen Nenner zu bringen, ist von den Konzertpodien nicht mehr wegzudenken. Eine Bestandsaufnahme.

Rätselhafte Todesfälle geben immer Dampf für die Gerüchteküche und Nahrung für Spekulationen. Und dass Peter Illjitsch Tschaikowski am 6. November 1893, wenige Tage nach der von ihm geleiteten Uraufführung seiner Sinfonie Nr. 6, "Pathétique", unerwartet starb, konnte da keine Ausnahme bilden. Einen musikalischen Seelen-Striptease dieser Größenordnung hatte man bis dahin im Russischen Reich nicht erlebt. Allenfalls in Österreich-Ungarn, wo Gustav Mahler bereits 1889 mit seiner 1.Sinfonie sein Innerstes dermaßen nach außen gekehrt hatte. Aber der sollte danach noch 22 Jahre leben.

Die Cholera grassierte im St. Petersburg der Tage um Tschaikowskis Tod. Hatte er versehentlich unabgekochtes Wasser getrunken? Oder gar mit Absicht? Hatte den 53-Jährigen, wie manche Biografen behaupten, ein "Ehrengericht" aus Ex-Kommilitonen der Rechtsschule, an der er studiert hatte, zum Suizid durch Arsen aufgefordert, weil sie einen Homosexuellen wie ihn nicht mehr in ihren Reihen dulden wollten?

Es wird sich nie endgültig klären lassen. Fakt ist: Die Werke Peter Tschaikowskis haben sich bereits zu dessen Lebzeiten ihren festen Platz in den Konzertsälen erobert - und verteidigen ihn seither mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit.

Deswegen ist es vielleicht gar nicht verwunderlich, dass es auf dem Tonträgermarkt zum 125. Todestag des Meisters aus dem westrussischen Wotkinsk relativ ruhig geblieben ist. Er ist eben ohnehin omnipräsent, in den wichtigen Teilkanons der klassischen Musik mit seinen Werken unangefochten vertreten. Ja, mit seiner Ballettmusik war er gar selbst genrebildend und hat das musikalische Tanztheater als Kunstform nach dessen Anfängen in Frankreich endgültig von der Rolle als Anhängsel der Oper in Funktion der durch Tanz überbrückten Pause für die Sänger emanzipiert. Erstaunlich genug, dass er "Spätzünder" war, der nach Klavierunterricht in der Kindheit auf Betreiben der Eltern zunächst "was Ordentliches" lernte: Nach einer Jura-Ausbildung trat er in den Staatsdienst ein. Auf Dauer befriedigte ihn das nicht, sodass er zum Befremden seiner Verwandtschaft 1861 mit 21 Jahren den lukrativen Beamtenjob sausen ließ und ein Musikstudium aufnahm. Der Rest ist Geschichte. Was aus dieser Geschichte sollte man kennen? - Ein Überblick ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

 

Sinfonik: Sechs Sinfonien hat Peter Tschaikowski vollendet. Hörenswert sind sie alle und lassen eine Entwicklung von stark russisch geprägter Melodik und Harmonik zu mehr westeuropäischem Romantikstil erkennen. Nr. 4 bis 6 sind deutlich populärer als die ersten drei, die aber wiederum unterbewertet sind. Speziell die Nr. 1, "Winterträume", aus der Feder des 26-Jährigen zeigt viele heitere Momente und erscheint in ihrem Optimismus fast als Gegenstück zur letzten, Nr. 6, der "Pathétique", des 53-Jährigen. Die ist dank ihrer Normbrüche so interessant wie originell: Weder am Anfang noch am Ende steht ein gescheites Allegro, der 2. Satz im seltsamen 5/4-Takt, der irritierende 3. Satz, dieser groteske Marsch, der schon Schostakowitsch ahnen lässt, und ein Finale von ausufernder Larmoyanz. Dabei bleibt die 6. höchst zugänglich und auch für Einsteiger attraktiv, ebenso wie die 5., die in ähnlich düsterem Weltschmerz beginnt, ihn aber beherzt niederringt.

Die 6. Sinfonie ist ein Hauptwerk, von Arturo Toscanini und dem NBC Orchestra kam eine Referenzaufnahme.

 

 

Programmsinfonik: In diesem Genre hat Tschaikowski qualitativ höchst Unterschiedliches zuwege gebracht. Da wäre etwa die einstündige "Manfred"-Sinfonie nach einer Dichtung von Lord Byron, in der Naturbeschreibung und seelisches Innenleben zu dramatischen Bildern verschmelzen. Eigentlich hatte sich Tschaikowski gescheut, der Anregung seines Kollegen Milij Balakirew nachzukommen, dieses Werk zu komponieren. Meinte er doch, diesem schon durch den von ihm verehrten Robert Schumann musikalisch besetzten Stoff nichts mehr hinzufügen zu können. Erheblich plakativer ist dagegen die Ouverture solennelle "1812", ein opulenter Viertelstünder zur 70-Jahr-Feier des Sieges der Zarenarmee über die Truppen Napoleons. Der Komponist arbeitet hier, wie in "Battaglien", mit musikalischen Schlachtenbeschreibungen aus der Renaissance, mit traditionellem Melodiematerial der Kontrahenten. In diesem Fall steht ein russisch-orthodoxer Choral gegen die Marseillaise. Tschaikowski erweist sich hier einmal mehr als Meister der Jonglage mit widerstreitenden Motiven. - Und als Mann mit verrückten Ideen, der als buchstäblichen Knalleffekt sogar Kanonen abfeuern lässt. Ersatzweise erklingt ein Gerät, das im Theater deren Klang simulieren kann. Minderer Güte ist sein "Capriccio Italien". Schon zeitgenössische Kritiker sahen darin nicht wirklich Kunst. Es ist kitschigstes Ansichtskarten-Italien, das deutschen Hörern gewisser Jahrgänge noch zusätzlich der Raubbau vergällt, der an dem Werk getrieben wurde: Schlagersänger Freddy Breck klaute sich 1973 das Hauptthema daraus für seine Schnulze "Bianca", und das Auftakt-Trompetensignal nutzte die NPD 1980 in ihrem TV-Spot zur Bundestagswahl. Schlimmer geht's fast nicht mehr. Dafür kann Tschaikowski nichts. Es ist gleichwohl kein Verlust, das Werk nicht zu kennen. Wenn schon Italien, dann lieber in Form seiner Fantasie-Ouvertüre "Romeo und Julia", die in ihrer Dramatik und emotionalen Fülle Wagners "Liebestod" aus dem "Tristan" nahekommt.

Die Ouverture Solennelle "1812" gibt es auch in einer beeindruckenden Aufnahme mit Chor und echten Kanonen .

 

 

Instrumentalkonzerte: Da ist zuerst das 1. Klavierkonzert zu nennen, das für sein Genre das darstellt, was für das der Sinfonie Beethovens Fünfte ist. Von Tschaikowskis frühem Lehrer Nikolai Rubinstein wurde es für unspielbar, wertlos und zusammenhanglos gehalten. Sein Siegeszug durch die Konzertsäle spricht dagegen. Auch war es das erste klassische Werk, das sich auf LP über eine Million Mal verkaufte - mit dem US-Pianisten Van Cliburn, der 1958 - mitten im Kalten Krieg! - die erste Auflage des Internationalen Tschaikowski-Wettbewerbs in Moskau gewann. Aber Ordnungszahl 1 indiziert: Da ist noch mehr. In der Tat steht das 2. Klavierkonzert tief im Schatten des 1. Zu Unrecht, sprüht es doch vor Ideen und Witz. Derweil könnte das 3., fragmentarisch gebliebene Klavierkonzert mit seinen diskret modernen Anklängen auch das Nullte von Prokofjew sein. Mindestens so populär wie das 1. ist Tschaikowskis Violinkonzert, ein Virtuosen-Kracher erster Güte.

Das 1. Klavierkonzert mit Van Cliburn und Kiril Kondrashin war der erste große weltweite Klassik-LP-Bestseller.

 

 

Ballett: Wie viele Ballette hat Tschaikowski eigentlich geschrieben? Ja, es waren wirklich nur die drei! "Schwanensee", "Dornröschen" und "Der Nussknacker"! Drei Würfe, drei Treffer! Ein Hattrick, durchsetzt mit wunderschönen, für manchen Geschmack vielleicht zu zuckrigen Melodien, mit denen der Meister allerdings eindrucksvoll gezeigt hat, was für ein genialer Instrumentator er war und wie er es verstand, Außermusikalisches in Töne zu fassen. Den Ballettkomponisten hört man freilich auch in genrefremden Werken heraus, so im federleichten Walzer aus seiner Streicherserenade.

Und sonst? Opern, Klavier- und Kammermusik, Lieder, Chöre, Geistliche Vokalwerke - es gibt kein Genre, in dem Tschaikowski keine Meisterwerke hinterlassen hat. Der Platz reicht nicht, um alles auch nur halbwegs angemessen zu würdigen. Nur soviel: Es gibt jede Menge zu entdecken. Auch nach 125 Jahren.

Die Suite aus "Schwanensee", hier mit Herbert von Karajan am Pult, gehört zu den Evergreens der Ballettmusik.

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