Kunst in der Warteschleife

Zwar sind Ausstellungen derzeit geschlossen, doch die Kunstsammlungen Chemnitz gehören zu jenen Häusern, die ihre aktuellen Schauen auf Instagram sichtbar machen. Den Eindruck im Museum kann und soll der Internetauftritt aber nicht ersetzen.

Chemnitz.

Schleifen, Knoten, Fäden, Stoffe, Teppiche beherrschen die beiden Ausstellungen in den Kunstsammlungen Chemnitz, die während des derzeitigen Lockdowns nicht eröffnet werden konnten. "Und nun warten die Sachen händeringend darauf, gesehen zu werden", sagt ebenso händeringend Sabine Maria Schmidt, Kuratorin der "Musterung", einer hochkarätig international besetzten Schau über "Pop und Politik in der zeitgenössischen Textilkunst".

Sie korrespondiert mit dem "Yeux de Paon", dem Auge des Pfauen, einer mehrteiligen Rauminstallation von Olaf Nicolai, die auf die Tradition der Textilindustrie in Chemnitz Bezug nimmt und von Antje Neumann-Golle kuratiert wurde. Gerade diese beiden Ausstellungen machen anschaulich, dass das Internet den tatsächlichen Museumsbesuch nur sehr unvollkommen ersetzen kann. "Wir sind auf Instagram sehr aktiv", beschreibt Sabine Maria Schmidt, Facebook und ein Blog sollen in den nächsten Wochen auch intensiver bespielt werden. Sie verweist aber auch darauf, dass die Internetauftritte einen erheblichen Arbeitsaufwand bedeuten - "das ist, als ob man eine zusätzliche Ausstellung gestaltet" - und es solle auch nicht "alles im Netz verpuffen". Deshalb steht in den Instagram-Filmen auch schon mal eine Leiter vor den Bildern und lässt nur unvollkommene Einblicke zu. Immer in der Hoffnung auf eine Wiederöffnung der Museen in absehbarer Zeit.

Dann könnten Besucherinnen und Besucher sich vom Glanz der von der Crimmitschauer Seidenmanufaktur mit Pfauenaugen bedruckten Stoffe überzeugen, mit denen Olaf Nicolai an ein zu DDR-Zeiten beliebtes Motiv auf bulgarischer Keramik erinnert. Durch minimale Unregelmäßigkeiten in der Musterung entstehen Bezüge zu Handwerk und Industrie. Ebenso mit einer klickenden Diaschau, die die Geschichte der traditionsreichen Textilfabriken Goeritz mit Ereignissen der lokalen wie überregionalen Geschichte verbindet: Kriege, Friedensschlüsse, Arbeitskämpfe, Stephan Hermlins Auszeichnung mit dem Heinrich-Heine-Preis, Publizist Addi Jacobi tauchen da auf. Überstrahlt von einem leuchtenden Zitat Charles Darwins, der dem Pfau bescheinigte, er wirke mit seiner langen Schleppe eher wie ein Dandy als ein Krieger, aber manchmal lasse er sich auf heftige Kämpfe ein. Schönheit will verteidigt sein.

Aber all dies wird von den "tragisch-klassischen Physiognomien" des Honoré Daumier beobachtet, eine bedeutende Grafik-Serie, die der Unternehmer Erich Goeritz den Kunstsammlungen schenkte - eine Verbindung, die sich "Olaf Nicolai ausdrücklich gewünscht" hat, so Antje Neumann-Golle und ergänzt: "Das ist nicht alles digital vermittelbar."

Genau so wenig wie die Haptik der verschiedenen Stoffe, Felle, Untergründe, textilen Materialien, die die 20 Künstlerinnen und Künstler für ihre fast 70 Beiträge zur "Musterung" verwendet haben. Schon die erste Arbeit, eine von dem Aachener Tim Berresheim entworfene, computergenerierte Wandtapete scheint zwar etwas Textiles abzubilden, hat aber mit der Stofflichkeit tatsächlicher Textilien nichts zu tun. Es deutet damit schon an, wie weit der Begriff "Textilkunst" hier gefasst wurde. Auch die Fotos von Oliver Sieber bilden Textiles als Sinnbild von Gruppenzugehörigkeiten in Jugendkulturen nur ab. Die Französin Laure Prouvost verbindet klassische textile Bilder mit multimedialen Elementen wie Videos, die den Geschichten ihrer Teppiche eine weitere Geschichte hinzufügen. Alexandra Bircken nutzt Textilien aus dem Alltagsleben für ihre Installationen, zum Beispiel Motorradanzüge, die nach Unfällen im Internet verkauft wurden. Die Künstlerin zerschneidet die Anzüge und setzt damit Körper und Bekleidung in ein merkwürdig spannendes, bedrückendes Verhältnis, das menschlicher Fragilität einen ganz besonderen Ausdruck verleiht. Andere Künstler wie Sara Sizer, Helen Mirra, Erika Hock und Tobias Hartmann spielen eher mit Strukturen, teils minimalen Veränderungen textiler Oberflächen, besonderen Fäden, Texturen.

Deutlichere politische Bezüge haben die Arbeiten der in England lebenden russischen Künstlerin Yelena Popova. Ihre Wandteppiche erinnern an die Grafik russischer Avantgardisten, setzen sich ebenso wie eine raumgreifende Installation mit der Nutzung der Kernenergie auseinander. Erfrischend und manchmal erschreckend frech sind die Arbeiten der in Köln lebenden polnischen Künstlerin Magdalena Kita. Mit erotischen Frauenmotiven bemalte Tierfelle (aus dem Second-Hand-Laden) und für Männer gedachte Handtücher mit ebenso ziemlich eindeutigen erotischen Darstellungen spielen mit Geschlechterbildern und ihren Verkrampfungen. Ebenso humorvoll, aber leichter kommt Roland Stratmanns Patchwork-Nashorn daher, dem viele Kleider passen.

Mit popkultureller Ästhetik setzt sich kritisch und oft hintergründig die Berliner Künstlerin Rosemarie Trockel auseinander. Mit teilweise schier endlosen Strickarbeiten, nach ihren Worten "ironischen Stücken gezähmter Weiblichkeit und häuslichen Fleißes", hatte die Konzeptkünstlerin schon in der 80er-Jahren auf sich aufmerksam gemacht. Engagiert ist sie auch außerhalb der Kunst, hat gerade, wie auch Tim Berresheim und der bei den "Gegenwarten" in Chemnitz vertretene Micha Kuball, neben Künstlern wie Gerhard Richter und Markus Lüpertz Werke für die Aktion "Notgeld für Obdachlose, Flüchtlinge und Kinder" einer Kölner Hilfsorganisation gespendet.

Die Ausstellung setzt sehenswert und originell, optisch eindrucksvoll, aber nicht immer leicht zugänglich, die Tradition der klassischen Textilsammlung des Chemnitzer Museums fort. Aber wie klassische Textilien wirken auch diese Arbeiten in der Realität eindringlicher als auf dem Bildschirm. Sabine Maria Schmidt: "Deshalb ist es wichtig, dass Museen offene Orte bleiben - mit ihrer ganz eigenen Ästhetik, ihrer Langsamkeit. Wir hatten Corona bei der Ausstellung ja schon mitgedacht."

 

kunstsammlungen-chemnitz.de

 

00 Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.