Letzte Dinge zwischen Schwarz und Weiß

Der Plauener Kunstverein zeigt "Käthe Kollwitz unbequem". In der DDR kannte jedes Schulkind Bilder der 1945 in Moritzburg gestorbenen Künstlerin. Nun ist es Zeit für eine Neubetrachtung.

Plauen.

Was bleibt, wenn alle Hoffnung erloschen, das führte Käthe Kollwitz in ihren Grafiken zeit ihres Lebens so zupackend vor, dass es den Betrachter noch ein Jahrhundert später ergreift. Die Furcht und das Flehen im Angesicht der Letzten Dinge sprechen aus vielen der in Plauen gezeigten, hochkarätigen grafischen Arbeiten. Tod, Entsetzen, Schmerz schwingen in den Motiven wie ein Grundton mit.

Wie scheinbar wenig an äußerem Aufwand die Grafikerin, Malerin und Bildhauerin benötigte, um durchschlagenden Ausdruck, das Maximum an Expressivität zu erreichen, lässt sich beim Betrachten eines nur einen Handteller großen Blattes erahnen: "Betendes Mädchen", eine Nadelätzung, ein Frühwerk von 1892, ist zu Beginn des Rundgangs durch die Galerie im Kultur- und Kommunikationszentrum Malzhaus zu entdecken. In jenem Jahr hatte sie ihren Sohn Hans geboren. Sie lebte in Prenzlauer Berg in Berlin, damals ein Arbeiterbezirk, an dem Platz, der seit 1947 ihren Namen trägt. Das Blatt zeigt vor schwärzlichem Hintergrund eine sitzende junge Frau im Profil. Ihr Kopf ist geneigt, die Hände erhoben. Die Kleidung ein wässriges Grau, Gesicht und Hände leuchten weiß, wie von innen heraus. Beim zweiten Blick darauf sind die feinen Striche, die Schraffuren, die transparenten Farbflächen, die Komposition der schlichten, abstrahierten Formen zu erkennen. Mit diesem in der künstlerischen Ausführung überaus kostbaren Blatt ist sie bereits den Schritt heraus aus dem 19. Jahrhundert in die Moderne gegangen.

Die Wendung "Jede Gabe ist eine Aufgabe" wird Käthe Kollwitz zugeschrieben. Sie setzte sie sich ein für soziale Gerechtigkeit und Humanität, wendete sich nicht nur mit künstlerischen Mitteln gegen Armut, Not und Krieg. Ihr zweiter Sohn Peter, ein Freiwilliger im Ersten Weltkrieg, war 1914 gefallen. Sie wusste wie so viele in dieser Zeit und später auch, wohin Kriege führen. Sie arbeitete für die Internationale Arbeiterhilfe und unterstützte einen Aufruf des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes zu einer Zusammenarbeit von KPD und SPD.

Zu DDR-Zeiten war der Name Käthe Kollwitz allgegenwärtig. Schulen, Straßen und Plätze trugen ihn. In Schulbüchern waren ihre Arbeiten zu sehen, etwa das Gedenkblatt für Karl Liebknecht oder "Sturm" aus dem Zyklus "Ein Weberaufstand". Wem das damals zum Hals raushing, dem eröffnet die Ausstellung eine neue Chance, der Arbeit einer der bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhundert zu begegnen. Sie formulierte 1922 ihr Motto: "Ich will wirken in dieser Zeit, in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind." Dem wurde sie gerecht, wie die Ausstellung zeigt. Und das bleibt, so lange Not, Gewalt und noch Hoffnung in der Welt sind.

Der Kunstverein Plauen-Vogtland versteht die Ausstellung "Käthe Kollwitz unbequem" in Folge der 150. Wiederkehr des Geburtstages der Künstlerin, der 2017 gefeiert wurde. So deutete es Vereinschef Wilfried Hub zur Eröffnung an. Käthe Kollwitz hatte am 8. Juli 1867 im ostpreußischen Königsberg das Licht der Welt erblickt. Die Schau kam zustande in Zusammenarbeit mit dem Käthe-Kollwitz-Museum in Köln, das nach eigener Angabe seit der Eröffnung 1985 mehr als eine Million Besucher zählte und eine umfassende Sammlung der Werkbereiche der Künstlerin besitzt.

Zu sehen sind in Plauen die berühmten Zyklen "Ein Weberaufstand" (1893 - 1897) sowie "Bauernkrieg" (1902/03 - 1908). Einzelne Grafiken, Bekanntes und auch weniger Bekanntes, Selbstporträts, Akte, Studien und Vorarbeiten sind zu finden. Es werden auch die Richter-Mappe und die Mappe "Abschied und Tod" präsentiert. Diese Mappen aus den 20er-Jahren enthalten Lichtdrucke, deren Vorlagen die Künstlerin dafür ausgesucht haben soll und die sie als repräsentativ für ihr Schaffen empfand.

Mit der Radierfolge zum Weberaufstand, inspiriert von Gerhart Hauptmanns Drama und dem Geschehen der 1840er-Jahre, gelang Käthe Kollwitz bei der Großen Berliner Kunstausstellung 1898 der Durchbruch. 1906 erhielt sie den Villa-Romana-Preis, den ältesten Kunstpreis Deutschlands, 1919 wurde sie zur Professorin der Preußischen Akademie der Künste ernannt. Sie war die erste Frau, deren Mitgliedschaft erbeten wurde. 1933 wurde sie zum Austritt gezwungen und musste ihr Amt als Leiterin der Meisterklasse für Grafik aufgeben. Gestorben ist sie am 22. April 1945 in Moritzburg. Ihr Sterbehaus ist heute wieder öffentlich zugänglich.


Unbequeme Kunst 

Die Ausstellung ist bis 2. Dezember täglich außer montags von 13 bis 18 Uhr, an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 18 Uhr sowie nach telefonischer Anmeldung im Malzhaus Plauen zu sehen. Kontakt: Kunstverein Plauen-Vogtland, Alter Teich 7 - 9 in 08523 Plauen. Telefon: 03741 153232.

Begleitveranstaltungen: heute, 18.30 Uhr, "Die künstlerische Arbeit der Käthe Kollwitz mit Langzeitwirkung", Vortrag von Wolfgang Rudloff; 9. - 11. November, "Technik der Kaltnadelradierung, Workshop mit inesj.plauen; 2. Dezember, 18 Uhr, "Lange Käthe-Kollwitz-Nacht".

www.kaethe-kollwitz-unbequem.de

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