Liebe in Zeiten des Wandels

Der neue Roman von Alex Capus ist da. Er heißt "Königskinder" und handelt von einer Liebesgeschichte im Spiegel der Jahrhunderte. Wer "Léon und Louise" mochte, der wird auch dieses Werk des Schweizers verschlingen.

Chemnitz.

Als das Paar Max und Tina in ihrem roten Toyota Carolla eingeschneit auf einem Alpenpass ausharren müssen, erzählt Max zum Zeitvertreib bis zur Rettung eine Geschichte, die genau dort vor mehr als 200 Jahren ihren Anfang nahm. Es ist die Zeit kurz vor der Französischen Revolution. Jakob ist ein Knecht aus dem Greyerzerland. Als Waise lebt er in seiner Melkhütte einsam in den Bergen. Er kennt sich aus mit Kühen und Gemsen, aber nicht mit Menschen. Die trifft er nur, wenn er die Kühe im Herbst ins Tal zurückbringt.

Als er sich in Marie-Françoise, Tochter eines reichen Bauern, verliebt, ist dieser entsetzt. Auf keinen Fall wird er seine Tochter diesem einfältigen und verschrobenen Almhirten geben. Doch auch er kann das Schicksal nicht aufhalten. Der Junge geht zum Kriegsdienst an der Küste. Später wird er als Kuh-Experte an den Hof Ludwigs XVI. gerufen.

Meisterhaft verwebt der Schweizer Bestsellerautor Alex Capus das Abenteuer des armen Kuhhirten und der reichen Bauerntochter mit Max' und Tinas Nacht in den Bergen. Es ist ein hinreißendes Spiel zwischen den Jahrhunderten. Capus erweist sich wieder einmal als begnadeter Erzähler, der seine Figuren geradezu liebevoll zeichnet. Ob es Jakob und Marie-Françoise jemals gegeben hat? Das lässt der Autor offen.

Bei Max und Tina dürften Capus-Leser hellhörig werden. Es ist nämlich das häufig streitende Paar aus seinem letzten Bestseller "Das Leben ist gut". Über die kleinen Dinge zanken sie sich unablässig, aber in den großen Dingen verstehen sie sich blind. Zu den kleinen Sachen gehört zum Beispiel die Frage, wann man den Scheibenwischer am Auto anmachen sollte. Bei richtigem Schneetreiben oder doch schon bei dem leichtesten Schneegestöber? Feststeht, dass die beiden die gut sichtbare Absperrung hinauf auf den Jaunpass besser nicht umfahren hätten.

Max erzählt gegen die Stunden im Auto an, Tina hört zu, schlummert oder bohrt nach. Geht da etwa was zwischen Prinzessin Elisabeth und Jakob? Elisabeth, die Schwester von König Ludwig XVI., lebt als gelangweilte Prinzessin im Schloss Versailles. Sie unterschreibt ihre Briefe schon mal mit dem Zusatz "la Folle", die Verrückte. Sie ist eine tollkühne Reiterin, quasi die Pippi Langstrumpf der Bourbonen.

Brillant wie Capus den Alltag im Schloss Versailles beschreibt, das heute bei Paris-Touristen als der Inbegriff von Pracht und Schönheit gilt. Elisabeth hingegen ist genervt von den gepuderten Hofschranzen, den Gecken und Speichelleckern. "Wohin man auch sieht, wo man auch geht oder steht, rund um die Uhr wimmelt es im Schloss von müßiggängerischen, nichtsnutzigen Claqueuren, überall unterwürfige Lakaien, selbstgefällige Galane, läufige Hunde und kaltgeile Kokotten. An jeder Ecke lauern geschminkte, parfümierte Blutsauger und Lustknaben", schreibt Capus. Man kann es auch lesen als eine Zustandsbeschreibung der Adelsgesellschaft in Frankreich kurz vor der Revolution.

Max erzählt weiter: "Es gibt kein Entrinnen aus dem Schloss, das du dir übrigens wie ein gewaltiges, heruntergekommenes Kreuzfahrtschiff vorstellen musst. Das Schiff ist schon ziemlich in die Jahre gekommen, es leckt und ächzt an allen Enden und die Passagiere langweilen sich furchtbar, und doch geht niemand an Land, und niemand steigt zu. Hin und wieder wird ein Kind geboren, oder jemand stirbt an Karies, Syphilis oder Altersschwäche. Aber das Schiff geht nirgends vor Anker und macht niemals fest, sondern dümpelt endlos vor sich hin ohne Ziel und ohne Antrieb." Selten sind die Verhältnisse um 1789 so kunstvoll und zugleich drastisch beschrieben worden wie in "Königskinder". Es sind die besten Passagen des ganzen Buches. Spötter könnten meinen, so manch genervter Passagier auf Kreuzfahrtschiffen von heute könnte Ähnliches denke wie Prinzessin Elisabeth Ende des 18. Jahrhunderts in ihrem goldenen Käfig.

Die lässt unweit des Schlosses gegen die Langeweile einen Muster-Bauernhof errichten, eine Art Freilicht-Puppenstube mit Kühen. Die aber geben kaum Milch, sodass sie nach Hilfe aus dem Berner Oberland ruft. Jakob ist dafür genau der Richtige. Ein Kuhflüsterer, dem die Leitkuh so vertraut, dass sie sich zum Schlafen in seine Nähe legt. Der Gerufene macht sich auf dem Weg von der Schweiz nach Paris. Auf der alten Heerstraße hält er es nicht aus - der Schlamm, der Gestank, die vielen Reisenden. Er nimmt Umwege in Kauf, um wieder in der sauberen Natur zu sein. Doch kaum ist er in der Nähe von Versailles angekommen holen ihnen der Gestank und das Elend ein. Capus beschreibt das Schloss am Vorabend der Revolution als einen geradezu elenden Ort mit Tausenden Bewohnern, von denen sich einer nach dem anderen klammheimlich aus dem Staub macht.

Jakob bleibt - und findet schließlich sein Glück. Denn in Versailles ist man so gerührt von Jakobs tiefer Traurigkeit, dass man auch seine Angebetete nach Paris holen lässt.

Capus beschreibt das Leben von Jakob und Marie-Françoise als große Liebe, als Anker in unsicheren Zeiten. Sie werden zu Prinzessin Elisabeths "Königskindern", die den Wirren der Revolution in der Zweisamkeit trotzen. Kunstvoll wechselt Capus zwischen Szenarien sowie verschiedenen Schauplätzen und Konstellationen hin und her. Max und Tina finden sich übrigens am nächsten Morgen auf einer Polizeiwache wieder. Sie hätten die Absperrung eben nicht umfahren sollen ...


Das Buch Alex Capus: "Königskinder", Hanser Verlag, 176 Seiten, 21 Euro.

 

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