Marianne Brandt: Die Erste

Die Chemnitzer Bauhaus-Künstlerin Marianne Brandt hat ein so beeindruckendes wie bedeutendes Werk hinterlassen. Davon ist in ihrer Geburtsstadt verhältnismäßig wenig zu spüren. Aber es gibt dort auch Menschen, die sich dessen bewusst sind und daran etwas ändern wollen.

Chemnitz.

Wer sich am Montag zum 125. Geburtstag von Marianne Brandt auf die Suche nach einer repräsentativen Würdigung der Bauhaus-Künstlerin, Gestalterin, Fotografin, Malerin und Bildhauerin in ihrer Geburtsstadt Chemnitz begab, hatte es schwer: Die Museen der Stadt zeigen kaum etwas von der ersten Frau in führender Bauhaus-Position. Da sind öffentlich zugängliche Studienräume im Elternhaus - und es gibt die Marianne-Brandt-Gesellschaft, die gelegentlich Vorträge oder Filmvorführungen im eher kleinen Kreis organisiert: Am Montag gab es eine kleine Feier, heute stellt die Kulturhistorikerin Anne-Kathrin Weise ihr Buch "Marianne Brandt - Wegbereiterin des Produktdesign" um 19 Uhr in der Villa Esche vor. Viel ist das nicht. Das sieht auch Formgestalter Karl Clauss Dietel so, der sich seit Jahrzehnten dafür einsetzt, dass die "wohl wichtigste Frau am Bauhaus", wie er sagt, und die bedeutendste Tochter der Stadt gewürdigt und im kulturellen Bewusstsein präsent ist: "Verbal bekennt man sich zu ihr, aber außer einem Straßennamen gibt es nicht viel."

Frédéric Bußmann, neuer Generaldirektor der Kunstsammlungen, will dies ändern. An der Zeit wäre es. Und lohnenswert allemal, widerspiegelt doch Brandts Leben und Werk auf ganz individuelle Weise Erfolge und Niederlagen Chemnitzer Geschichte, ist damit auch ein Spiegel deutscher und Welthistorie.

Marianne Liebe, so ihr Geburtsname, wurde 1893 in die Zeit des industriellen Aufschwungs von Chemnitz, Sachsen und Deutschland hineingeboren. Aufkommende Massenproduktion, der Kampf um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen in Großbetrieben, Internationalisierung der Wirtschaft und aller Lebensbereiche, die beginnende Moderne in der Kunst begleiteten ihre Kindheit und Jugend. Marianne Brandts Start am Bauhaus war zunächst gar nicht vielversprechend. 1981, zwei Jahre vor ihrem Tod, schreibt sie an die britische Gestalterin Isabelle Anscombe: "In Weimar, wo ich als Malerin lebte, trat ich in das Bauhaus ein, nachdem ich eine Ausstellung dort erarbeiteter Gegenstände gesehen hatte. ... Ich besuchte dort den üblichen Vorkurs, den Professor Laszlo Moholy-Nagy leitete und trat auf dessen Vorschlag in die ihm unterstehende Metallwerkstatt ein, nachdem ich keine besondere Neigung zur Weberei hatte und die Arbeit in der Tischlerei, die ich im Grunde gern aufgenommen hätte, zu schwer für meine Kräfte schien."

Das Bauhaus war zunächst eine Männerdomäne, und so erinnert sich Brandt um 1970 in ihrem "Brief an die junge Generation": "Zunächst wurde ich nicht eben freudig aufgenommen: Eine Frau gehörte nicht in die Metallwerkstatt. Man gestand mir das später zu und hat dieser Meinung Ausdruck zu verleihen gewusst, indem man mir vorwiegend langweilig-mühsame Arbeit auftrug." Doch sie setzt sich durch. Im Austausch mit anderen Bauhauskünstlern, vor allem dem Ungarn Moholy-Nagy, wird sie eine hervorragende Fotografin, wovon unter anderem zahlreiche Selbstporträts zeugen. Und sie gestaltet Fotomontagen, die denen von Hannah Höch ebenbürtig sind und die Veränderungen der Welt aus selbstbewusst weiblicher Sicht kommentieren. Vor allem aber wird sie eine geachtete Metallgestalterin, deren Produkte bis heute überzeugen. Über die Anfänge schreibt sie ebenfalls im "Brief an die junge Generation": "Als ich in die Metallwerkstatt hinüberwechselte, hatte man dort eben begonnen, zur Serie geeignete Gegenstände, wenn auch völlig handwerklich, zu produzieren. Die Aufgabe bestand darin, diese Dinge so zu gestalten, dass sie auch bei einer serienmäßigen Herstellung in arbeitssparender Weise allen praktischen und ästhetischen Anforderungen gerecht wurden und dabei doch weit billiger sein konnten als jede Einzelfertigung." Einige der von ihr entworfenen Leuchten, Aschenbecher und Teeservices werden noch heute als Klassiker angeboten - jedoch nicht billig, was nicht im Sinn der Künstlerin wäre, die ihr Leben lang bescheiden blieb: "Dass meine Entwürfe revolutionär seien, ist mir nie bewusst geworden." - Es muss eine glückliche Zeit gewesen sein: "In Weimar hörte ich Klee auf seiner Violine spielen, leider nur einmal! Kurt Schwitters in Weimar und in Dessau: 'Was trägst du dein Härchen wie einen Hut?' Die 'Sinfonie in Urlauten' oder 'Sie war schon immer ein gescheiteltes Mädchen gewesen'. Wer weiß es noch? Die Palucca begeisterte uns, wenn sie ihre neuesten Tänze brachte, und Béla Bartók!" Eine Zeit, die abrupt endete. Die Nazis verboten das Bauhaus, trieben Brandt in die innere Emigration nach Chemnitz, wo 1945 ihr Wohnhaus zerstört wurde. Die Familie zog um: "Von Frankenberg aus bin ich dann, erst täglich, bei unmöglichen Verkehrsverhältnissen nach Chemnitz gefahren um zu bergen, was noch möglich war. Später habe ich mir eine Kellerwohnung einigermaßen brauchbar eingerichtet und bin nur sonntags noch nach F. gefahren. (Diesen Tag benutzten dann die lieben Volksgenossen, um zu stehlen u. zu rauben, was nur irgend möglich war)."

Einer kurzen Phase der Offenheit nach dem Zweiten Weltkrieg in der sowjetischen Besatzungszone folgte die "Formalismusdebatte" in der DDR, der auch die Künstler des "sogenannten Bauhausstils", wie Walter Ulbricht es formulierte, zum Opfer fielen. Marianne Brandt lebte zurückgezogen in Chemnitz, vergessen hier wie da. "Es dauerte lange, bis der Westen akzeptierte, dass das Bauhaus im Osten entstanden war", sagt Dietel, der sich mit anderen künstlerischen Weggefährten wie Hans Brockhage Jahrzehnte lang um ihre Rehabilitierung bemühte. Marianne Brandt hat diese Anfänge noch erlebt. Aber sie wusste schon: "Die nach uns wollen ja auch noch etwas zu tun haben!"

Marianne Brandt

Mit dem Mädchennamen Liebe begann die Tochter aus einem wohlhabenden kunst- und kulturaffinen Chemnitzer Elternhaus ihre künstlerische Ausbildung 1911 in Weimar an einer privaten Kunstschule. Danach wurde sie an der Hochschule für Bildende Kunst in Weimar aufgenommen, studierte bei den Künstlern Fritz Mackensen und Robert Weise Malerei und später bei Richard Engelmann Bildhauerei. 1919 heiratete sie den norwegischen Maler Erik Brandt. 1920 unternahm sie eine einjährige Studienreise mit Aufenthalten in Paris und Südfrankreich. Ans Staatliche Bauhaus in Weimar wechselte sie 1923. Sie belegte den Vorkurs bei Josef Albers und László Moholy-Nagy und nahm Unterricht bei Paul Klee und Wassily Kandinsky.

Am Bauhaus in Dessau setzte sie ihre Ausbildung fort, dort ebenfalls in der Metallwerkstatt bei Moholy-Nagy. Bereits 1926 entwarf sie erste Beleuchtungskörper für das Dessauer Bauhausgebäude. Seit dem Sommersemester 1927 leitete sie die lichttechnischen Versuche in der Metallwerkstatt, die sie von Mai 1928 bis Juni 1929 leitete. Im September 1929 absolvierte sie das Bauhausdiplom Nr. 2 der Metallwerkstatt. Hier organisierte sie zusammen mit Hin Bredendieck 1928 und 1929 auch die Zusammenarbeit mit den Firmen Körting & Mathiesen AG in Leipzig und mit Schwintzer & Gräff in Berlin. Zudem entwarf sie unter anderem mit Hin Bredendieck Beleuchtungskörper für die Serienproduktion.

Ende 1929 verließ sie das Bauhaus. Im Architekturbüro von Walter Gropius arbeitete Brandt von Juli bis Dezember 1929. Dort war sie an der Inneneinrichtung der Ausstattung der Siedlung Karlsruhe-Dammerstock beteiligt. Danach leitete sie bis 1932 die Entwurfsabteilung der Metallwarenfabrik Ruppelwerk in Gotha. Von 1933 bis 1945 lebte sie in Chemnitz. 1939 wurde sie Mitglied der Reichskulturkammer. In die NSDAP trat sie nicht ein. Mart Stam berief sie 1949 als Dozentin an die Hochschule der Bildenden Künste in Dresden. 1951 bis 1954 arbeitete sie an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin-Weißensee. 1954 kehrte sie nach Chemnitz zurück und widmete sich dort der freien Kunst und dem Kunsthandwerk. 1983 starb sie in einem Pflegeheim in Kirchberg bei Zwickau. (tk)

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