"Mit Fakten kommt man nicht weiter"

Der Amerikanist Michael Butter über Verschwörungstheorien, die für sie empfängliche Zielgruppe und die Nutzlosigkeit von Gegenbeweisen

Chemnitz.

Einmal vom geheimen Kampf zwischen Gut und Böse überzeugt, sind Verschwörungstheoretiker oft kaum mehr für alternative Sichtweisen zugänglich. Das spielt den Populisten in die Karten, die gezielt solche Ideen verbreiten, um Stimmung gegen "die da oben" zu machen. Der Amerikanist Prof. Dr. Michael Butter forscht seit Jahren zu Verschwörungstheorien und ihrem politischen Einfluss. Luise Wolf hat mit ihm gesprochen.

"Freie Presse": Herr Butter, wie dringend müssen wir uns mit dem Zusammenhang von Verschwörungstheorien, Populismus und Internet befassen?

Michael Butter: Es ist dringend, weil Verschwörungstheorien wieder an Aufwind gewonnen haben. Durch das Internet sind Verschwörungstheorien sichtbarer geworden. Es gibt zwar keinen so großen Anstieg an Verschwörungstheorien selbst, aber einen Anstieg ihrer Anhänger, auch wenn der nicht so dramatisch ist, wie es manchmal scheint. Aber Verschwörungstheorien werden heute viel aktiver an populistische Parteiprogramme angeschlossen. Deshalb haben sie heute mehr politischen Einfluss als noch vor einigen Jahren.

Welche populistischen Bewegungen können Sie hier konkret benennen?

Im Grunde nutzen alle populistischen Bewegungen Verschwörungstheorien - man schaue sich Pegida in Deutschland an, die FPÖ in Österreich, den Front National in Frankreich oder die Anhänger Donald Trumps in den USA.

Welche Ideen von deren Ideen sind verschwörungstheoretisch?

Die Populisten sagen, die Eliten würden das einfache Volk nicht mehr vertreten, weil sie "anderen Herren" dienten, also weil sie Teil einer Verschwörung seien, "Marionetten" eines Komplottes oder Ähnliches. Diese Verschwörungstheorie kann man dann relativ beliebig mit Inhalten füllen. Zum Beispiel hat Donald Trump in seinem Wahlkampf behauptet, Hillary Clinton sei Teil einer Verschwörung, um die Souveränität der USA abzuschaffen. In Deutschland kursiert die Idee, die Flüchtlingsströme seien gelenkt, um Europa zu islamisieren, oder um einen Puffer zwischen Russland und den USA zu schaffen.

Wie kann man eine Verschwörungstheorie von einer seriösen unterscheiden?

Nur weil man ein offizielles Narrativ infrage stellt, ist man noch kein Verschwörungstheoretiker. Und wir sprechen da nicht umsonst von "Theorien", denn Verschwörungstheorien funktionieren durchaus ähnlich wie seriöse wissenschaftliche Theorien, indem sie versuchen, disparate Ereignisse aus der Vergangenheit zu erklären und Vorhersagen über die Zukunft zu treffen. Aber Verschwörungstheorien sind nicht falsifizierbar. Und sie gehen von einer Verschwörung und der Planmäßigkeit politischer Entwicklungen aus. Es ist die eine Sache zu sagen: "Die Presse hat sich geirrt". Eine andere Sache ist die Behauptung: "Die Presse lügt, weil sie Teil eines Komplottes ist". Ein Indiz für eine Verschwörungstheorie ist auch, dass sie sich auf relativ obskure Quellen bezieht und scheinbare Belege in falschen Zusammenhängen darstellt.

Manche Wissenschaftler meinen, dieser Unterschied sei nur ein gradueller ...

Ich kenne einige analytische Philosophen, die das so beurteilen. Im theoretischen Raum ist das sicherlich gar nicht so einfach zu unterscheiden. In der Praxis kann man die Dinge aber doch ganz gut auseinanderhalten. Im Grunde gibt es ganz wenige Verschwörungstheorien, die sich als wahr herausgestellt haben. Zwei Beispiele: Sicherlich war der Mord an John F. Kennedy ein Komplott, weil es sich als unwahrscheinlich erwiesen hat, dass nur ein einziger Attentäter daran beteiligt war. Und man weiß heute auch, dass die CIA 1953 geholfen hat, den iranischen Ministerpräsidenten Mohammed Mossadegh zu stürzen.

Versuchen sich Verschwörungsgläubige gegen Fakten zu immunisieren?

Ja. Selbst von offensichtlich schlüssigen Beweisen lassen sie sich meist nicht umstimmen. Denken Sie etwa an die Verschwörungstheorien über den 11. September. Wenn zwei Physiker meinen, die Türme seien gesprengt worden, sagt der Verschwörungstheoretiker: "Die sagen die Wahrheit". Wenn 200.000 Physiker sagen, die Türme konnten natürlich durch die Explosion der Flugzeuge einstürzen, dann sagt der Verschwörungstheoretiker: "Die lügen". Diese angeblichen Lügen werden wiederum zur Bestätigung der eigenen Theorie benutzt. Auch aus Studien wissen wir: Wenn überzeugte Verschwörungstheoretiker mit schlüssigen Gegenbeweisen konfrontiert werden, glauben sie danach noch stärker an ihre Verschwörungstheorie. Mit Fakten und Aufklärung kommt man bei dogmatischen Gläubigen also nicht weiter. Das kommt daher, dass diese Theorien eine wichtige Funktion für die Identität der Leute erfüllen. Rüttelt man an ihrem Gedankengebäude, rüttelt man auch an ihrer Identität, und das nimmt niemand gerne hin.
 

Aber wie dann?

Ich weiß es nicht. Es gibt noch kein Patentrezept gegen Verschwörungsgläubigkeit. Oft hilft es, einfach zuzuhören und nachzufragen, das Gegenüber nicht abzustempeln, um sich dann über Details auszutauschen und seriöses Wissen einzustreuen. Aber ob man das möchte, ist natürlich eine andere Frage - insbesondere, wenn Theorien antisemitische oder rassistische Ideen aufrufen. Zumindest Menschen, die noch zweifeln, kann man mit Aufklärung über mediale Strukturen und die Entstehung von Wissen allgemein erreichen - also etwa damit, wie sich der Blog einer Privatperson von einer seriösen Zeitung unterscheidet.

Wie können wir der Verbreitung von Verschwörungstheorien entgegenwirken?

Wir müssen aufklären: Was sind vertrauenswürdige Quellen? Wie überprüfen diese ihre Informationen? Wie sieht seriöses Argumentieren aus? Zweitens brauchen wir Geschichtswissen, damit Menschen erkennen, dass es unmöglich ist, historische Prozesse über lange Zeiträume hinweg so vorauszuplanen, wie viele Verschwörungstheorien es darstellen. Denn komplexe Systeme bringen immer wieder Effekte hervor, die niemand beabsichtigt hat. Man weiß, dass die CIA den Sturz des iranischen Ministerpräsidenten Mohammed Mossadegh 1953 forciert hat, was später die Bildung radikal-islamischer Bewegungen begünstigt hat. Es war aber sicherlich nicht der Plan der CIA, die Islamische Revolution von 1979 vorzubereiten. Geschichte lässt sich nicht kontrollieren.

Welche Funktionen erfüllen Verschwörungstheorien für ihre Gläubigen?

Es wird plötzlich vieles sinnhaft, das vorher keinen Sinn ergab. Außerdem kann man sich durch den Glauben aus der Masse herausheben, weil man sich ja als wissend versteht, wohingegen andere angeblich blind durch die Welt laufen. Verschwörungstheorien erlauben es auch, Schuldige zu identifizieren. Und sie schaffen kollektive Identitäten und Gemeinschaften, in denen Leute dieselben Texte lesen, dieselben Videos schauen, derselben Meinung sind.

Erzeugen Verschwörungstheorien so auch eine Sogwirkung?

Ja. Wenn man einmal die Prämissen dieses Denkens akzeptiert hat, lassen sie sich auf viele Bereiche und Diskurse übertragen. Oft verbinden Verschwörungstheorien ganz viele Einzeltheorien miteinander. Zu dem Sog trägt aber auch bei, dass sie oft schlicht gute Unterhaltung sind, tolle Geschichten.

Sollten wir uns dem energisch entgegensetzen - oder reagieren wir dabei oft über?

Manchmal sicherlich. Nicht alle Verschwörungstheorien sind gefährlich. Aber manche können schreckliche Auswirkungen haben. Der Nationalsozialismus hat es uns vor Augen geführt - er basierte auf der Theorie der jüdischen Weltverschwörung. Diese Theorien sind insbesondere dann gefährlich, wenn sie antisemitisch, rassistisch oder sexistisch sind und wenn sie sich gegen Minderheiten richten. Aktuell besteht aber auch die Gefahr, dass sie das Vertrauen in die Politik unterminieren, was dazu führt, dass ihre Anhänger sich aus der politischen Partizipation völlig verabschieden und nicht mehr wählen gehen oder diejenigen wählen, die sich als genuine Alternative präsentieren - die populistischen Parteien.

Sehen Sie eine Gefahr für die kommenden Wahlen in Deutschland?

Ich glaube, dass die Gefahr in Deutschland nicht so groß ist wie in anderen Ländern - aufgrund unserer Medienlandschaft und unseres Wahlrechtes. Aber ich befürchte auch, dass die AfD viele Stimmen erhalten wird. Dies könnte eine Regierungsbildung ohne die AfD erschweren, eine große Koalition müsste gebildet werden. Dies würde wiederum dazu führen, dass sich der negative Kreislauf beschleunigt; die AfD könnte dann argumentieren: "Seht, die stecken alle unter einer Decke!"

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9Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    0
    Freigeist14
    05.05.2017

    Beim NSU-Prozess weiß wohl mittlerweile jeder -außer der Münchener Staatsanwaltschaft-das gelogen,vertuscht und Beweise vernichtet werden.

  • 1
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    Blackadder
    05.05.2017

    ...und mit dem NSU wollen wir gar nicht erst anfangen. Da gibt es so viele Ungereimtheiten beim Verfassungsschutz...

  • 0
    0
    Freigeist14
    05.05.2017

    Eine Verschwörungstheorie soll ja auch sein,daß vielleicht andere Täter bei der Ermordung von Alfred Herrhausen und Karsten Rohwedder involviert waren.Alles auf eine 4.Generation der RAF zu schieben war recht bequem.

  • 2
    0
    Blackadder
    05.05.2017

    @524989: "Die Begriffe Verschwörungstheorie und Verschwörungstheoretiker sind in den letzten Jahren m.E. völlig überstrapaziert worden und zu Todschlagargumenten verkommen, gerade wenn eine sachliche Diskussion nicht gewünscht wird"

    Stimmt sicher, gilt aber auch andersrum: es kursieren so viele Falschmeldungen und Verschwörungsquatsch, dass es immer besser ist, bei sowas erstmal skeptisch zu sein. Sicher muss man der Regierung nicht immer glauben, das wäre dumm, aber man muss auch nicht grundsätzlich bei allem, was gesagt wird, Lügen unterstellen, wie das einige besorgte Bürger derzeit gerne machen. Da ist alles, was in der Zeitung steht Lügenpresse und alle Politiker lügen sowieso - eine differenzierte Auseinandersetzung geht anders.

  • 2
    0
    524989
    05.05.2017

    Mir war es wichtig auf die Diskrepanz hinzuweisen! Offensichtlich ist ja der Herr Butter der Meinung, dass an den "Verschwörungstheorien" zum Kennedy-Attentat was dran sein muss. Jegliche Deutung außerhalb des Warren-Reports wird ja nach wie vor genau als "Verschwörungstheorie" bezeichnet. Bis zum heutigen Tag ist die Alleintäterschaft Oswalds propagierte Lehrmeinung.

    Vgl. z.B.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Attentat_auf_John_F._Kennedy#Verschw.C3.B6rungstheorien
    http://www.faz.net/aktuell/wissen/das-kennedy-attentat-das-ende-der-verschwoerungstheorien-12665830.html

    Nun kommt ja Herr Butter zum Schluss, dass das Attentat "sicherlich ein Komplott" gewesen sei, weil sich die diesbezüglichen "Verschwörungstheorien" als wahr herausgestellt hätten. (siehe oben.) Ergo hängt er an dieser Stelle selber Verschwörungstheorien an, oder er unterstellt, dass wir diesbzgl. seit 1963 belogen wurden und immer noch belogen werden. Warten wir es ab, ob und was die Freigabe der Unterlagen bringen wird:

    https://www.heise.de/tp/news/Oliver-Stone-fordert-Obama-zur-Freigabe-gesperrter-JFK-Akten-auf-3496115.html

    Die Begriffe Verschwörungstheorie und Verschwörungstheoretiker sind in den letzten Jahren m.E. völlig überstrapaziert worden und zu Todschlagargumenten verkommen, gerade wenn eine sachliche Diskussion nicht gewünscht wird. Im Endeffekt wird damit eine absolute Staatsgläubigkeit propagiert. Mir gibt das zu denken. Die Geschichte der letzten 100 Jahre gibt genug Beispiele, wohin übereifrige Staatsgläubigkeit führen kann. Staatliche Meinungslenkung als "vertrauenswürdige Quelle" ersetzt keineswegs eine eigene Meinungsbildung.

  • 2
    2
    wotho
    05.05.2017

    Verschwörungstheorie, ein Totschlagargument, dessen Wortprägung von der CIA stammt, um unbequeme Wahrheitssucher schnell als unglaubhaft darstellen zu können. Hier sollte schon jeder mal aufhorchen. Natürlich entspricht nicht jede Theorie, von wem sie auch immer verbreitet wird, der Wahrheit, umgedreht gibt es aber mindestens genauso viele bewusst lancierte ?Wahrheitsmeldungen?, die der Ausgangspunkt von Kriegen waren, die sich später aber als falsch herausstellten. Herr Butter gibt sich keine Mühe, der Wahrheit wirklich auf den Grund zu gehen, er vertraut halt den Physikern, die es schon wissen müssen und nennt dabei eine aus dem Ärmel geschüttete Zahl von 200 000. Das ist absolut unseriös. Wenn mir Herr Butter sagen kann, warum das WT7 ohne äußeren Einfluss zusammengestürzt ist und auch der Nord- und Südturm mit nahezu Erdbeschleunigung zusammenfielen, könnte er schon einen kleinen Beitrag zur Aufklärung leisten. Denn auch seine 200 000 Professoren müssten eigentlich wissen, dass jede Etage des World Trade Centers einen Widerstand dar stellen, die den Zusammensturz abbremsen.
    Übrigens, was bedroht die Menschheit mehr, die bewusst verbreiteten Falschmeldungen der Medien, oder eine nicht zu erklärende Theorie, wo gestellte Fragen einfach nicht beantwortet werden, weil das Thema als Verschwörungstheorie abgestempelt wird?
    Herr Butter setzt bewusst auf Medien und verrät unfreiwillig, wie sie uns auch während der Wahl beeinflussen werden, er spricht von der Medienlandschaft in Deutschland. Er trägt damit bewusst oder unbewusst dazu bei, dass sich z.B. auch die Situation um Nordkorea zuspitzt. Hier verschweigen die Medien, dass die Militärmanöver immer in der Zeit stattfinden, wo Nordkorea jede Hand braucht, um die Ernte auszubringen. Man nimmt damit billigend in Kauf, die Menschen auszuhungern, da diese zur Verteidigung gebraucht und damit der Landwirtschaft nicht zur Verfügung stehen. Ist es dann nicht legitim nach Lösungen zu suchen, die eine so hohe Bindung von Menschen zur Verteidigung der eigenen Bevölkerung ausschließt?

  • 2
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    Blackadder
    05.05.2017

    @hkrems: Sehe ich genauso. Sicherlich machen verschwörungstheorien auch Spaß und wer hat nicht gerne den DaVinci Code gelesen oder auch mal eine Däniken "Doku" gesehen. Aber im Endeffekt glaube ich dennoch,dass viele Verschwörungstheorien, gerade die, die viele Menschen beinhalten oder über einen langen Zeitraum gelten, einfach haltlos sind, weil Menschen eben Menschen sind und nicht unfehlbar. Irgendwer verplappert sich immer oder macht einen Fehler oder versagt anderweitig. Und dann würde alles ans Licht kommen.

  • 4
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    hkremss
    05.05.2017

    @524989: Herr Butter ist der Meinung, dass das Kennedy Attentat 'sicherlich' ein Komplott war. Genau weiß er es auch nicht und er sagt auch nicht, wer dahinter steckt. Für sie ist es hingegen ein Fakt. Es gibt aber nicht 'die US-Regierung', die alles weiß und alle belügt, es gibt nur Menschen, die das tun oder getan haben. Seit den 60er Jahren waren sehr sehr viele verschiedene Menschen Teil der US-Regierung und wenn man die alle als Einheit und Ursprung aller Lügen betrachtet, dann befindet man sich bereits mitten in einer 'Verschwörung'. Dieses Jahr werden die letzten geheimen Dokumente der CIA zum Kennedy-Mord für die Öffentlichkeit freigegeben. Das wird sicherlich spannend und vielleicht etwas Erhellung bringen. Ich glaube aber nicht, dass die Geschehnisse der frühen 60er Jahre irgendeinen direkten Zusammenhang mit der Politik einer Regierung Bush, Clinton, Obama oder Trump hatten oder haben.

  • 4
    0
    524989
    04.05.2017

    Irgendwo stürzt grad mein Weltbild zusammen. Das Kennedy-Attentat war also nach Meinung des Herrn ein Komplott. Nach offizieller Lesart wird jede alternative Deutung des Attentats jenseits von Oswald als Verschwörungstheorie abgetan, wie dies überhaupt mittlerweile überhand genommen hat, kritische Äußerungen als Verschwörungstheorie pauschal zu diskreditieren. Jeder der mitdenkt muss hellhörig werden. Wenn uns die US-Regierung beim Kennedy-Attentat bis zum heutigen Tag belügt, warum sollte sie bei zeitpolitischen Aussagen vertrauenswürdiger sein?



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