Mit letzter Konsequenz

Es sind Bilder, die erschrecken oder süchtig machen: Rupprecht Geiger hat der Malerei die Farbe zurückgegeben, vor allem einen ganz besonderen Farbton - "Pinc kommt!" ins Museum Gunzenhauser.

Chemnitz.

Man muss die Farbe Rot in all ihren Tönungen nicht mögen - aber entziehen kann man sich ihr nicht. Am Ende ist Rupprecht Geiger dort angekommen, wo alle Malerei beginnt: bei der Farbe.

Seine Farbe ist Rot. "Rot: die Farbe der Potenz. Rot ist geballte Energie und manifestiert sich im Glutrot der untergehenden Sonne. Die Macht der roten Farbe: Eine geistige Kraft ist sie... Rote Farbe sehen, fühlen, hören, erfrischt, macht stark - gibt dir Kraft", schrieb der Künstler in ein rotes Notizbuch, das ihm der Schriftsteller Heinrich Böll geschenkt hatte. Rot ist auch die Farbe der Macht, und es ist faszinierend zu sehen, wie viele Facetten, Formen, Farbtönungen Rupprecht Geiger dieser einen Farbe gegeben hat, die ihr die Kraft lassen, aber der Macht ausweichen.

Es war ein langer Weg, bis Geiger zum Ursprung der Malerei fand. Wunderbar nachzuvollziehen ist er in der Retrospektive seines Werks im Museum Gunzenhauser in Chemnitz. Geboren 1908 in München als Sohn des Malers und Grafikers Willi Geiger, studierte er zunächst Architektur, absolvierte nebenbei eine Maurerlehre, arbeitete in Architekturbüros. Er ist ein Gegner des Nationalsozialismus und des Krieges, wird trotzdem 1940 zum Wehrdienst eingezogen. An der Ostfront, in Russland wird er Zeuge der Grausamkeit des Krieges, beschreibt das Grauen, aber auch die Schönheit des Landes in seinen Tagebüchern. Später darf er als "Kriegsmaler" arbeiten - einige der Ergebnisse, kleine Landschaftsbilder, sind in der Ausstellung zu sehen.

Auch diese Erlebnisse führten Rupprecht Geiger dazu, sich nach dem Krieg radikal von der figürlich-gegenständlich-vereinnahmbaren Kunst abzuwenden. Es ist, als hätte Geiger die These des Philosophen Theodor W. Adorno, "nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch", radikal auf die Malerei angewandt. Er näherte sich immer mehr abstrakten Formen, zunächst noch mit Anklängen an Gegenständliches, bald aber völlig losgelöst davon. Geiger experimentiert schon um 1948 mit "irregulären Formaten", Gemälden, die nicht dem klassischen rechtwinkligen Tafelbild folgen, ist damit einer der Pioniere auf diesem Gebiet. Er wird Mitbegründer der die westdeutsche Kunstlandschaft mit prägenden Künstlergruppe ZEN 49, zu der unter anderem auch Willi Baumeister und Fritz Winter gehörten. Bald spürt Geiger in seinen Bildern nur noch der Wirkung von Farben nach, die er in abstrakten Formen ineinander, gegeneinander, miteinander in Beziehung setzt oder sie auch ganz ausspart: rot, blau, gelb, weiß, reine Leinwand; gemalt, gesprüht, gespritzt, gespachtelt. Seine Bilder haben meist keine Titel, werden nur noch fortlaufend nummeriert und lediglich auf der Rückseite signiert, um den Eindruck auf der Vorderseite nicht zu stören. Er malt "Metaphernzahlen" aus Linie, Kreis, Rechteck, die dem mathematisch konkreten Zahlenwert eine künstlerisch-emotionale Dimension geben. Zu sehen ist in der außergewöhnlichen Ausstellung, die in Kooperation mit dem Schauwerk Sindelfingen und dem Archiv Geiger der Enkelin des Malers entstand, auch jenes legendäre Bild "190 A" aus dem Jahr 1953, in dem erstmals das (heute verblasste) Pink eines Lippenstiftes auftauchte, dem Rupprecht Geiger später noch viele Bilder und Installationen widmen sollte.

Die ungebremste Macht der Farbe in Rupprecht Geigers teilweise sehr großformatigen Bildern kann erschrecken, verstören, aber sie kann auch süchtig machen, sich dieser Gewalt auszusetzen, hinzugeben, sich in sie einzufühlen, ihr nachzuspüren. Deshalb ist es eine gute Idee des Museums, im Begleitprogramm der Ausstellung auch Yoga-Kurse in dem Raum, in dem mit "Pinc kommt!" das größte bisher im Museum Gunzenhauser gezeigte Bild hängt, anzubieten.

Rupprecht Geiger hat bis ins hohe Alter - er starb am 6. Dezember 2009 - die Farbe erforscht - mit letzter Konsequenz. Viele Jahre lang konnte er nicht von seiner Kunst leben, später war er berühmt und hoch geehrt. "Die Erkenntnis, dass die Farbe in der Malerei das primäre Element ist, müsste zu ihrer Neuentdeckung führen", schrieb er schon 1950 in sein Tagebuch. Geiger hat die Farbe neu entdeckt wie kaum ein anderer im 20. Jahrhundert. Diese Konsequenz nachvollziehbar zu machen - auch als Beispiel für jede Art humanistischer Konsequenz - ist das Verdienst der Ausstellung.

Die Ausstellung "Pinc kommt!" im Museum Gunzenhauser ist bis 3. März zu sehen. Geöffnet ist dienstags bis sonntags und feiertags 11 bis 18 Uhr, mittwochs 14 bis 21 Uhr, am 24.12. und 31.12. ist geschlossen.

www.kunstsammlungen-chemnitz.de

 

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