Öder Osten

Der Roman "Mit der Faust in die Welt schlagen" kommt in Dresden als viel Text mit wenig Handlung auf die Bühne des Staatsschauspiels.

Dresden.

"Ist doch logisch, dass sich die alte DDR wehrt." Wütend schleudert der junge Mann seine Schlussfolgerung in den Saal, die die Quintessenz des Abends ist. Westdeutsche und "Marionetten-Ossis" hängen die sächsische Provinz ab, bereichern sich und holen "die" Ausländer ins Land. Das erfordere Widerstand, deshalb sei man noch lange kein Nazi. Was seit Jahren als Erklärung für Rechtsextremismus in Ostdeutschland gilt, ist nun auch von Dresdens Theaterbühne zu hören. Am Freitag hatte die Bühnenfassung von Lukas Rietschels Roman "Mit der Faust in die Welt schlagen" ihre Uraufführung. Leider ist es eine bloße Strichfassung geworden, fehlen Drama und Lebendigkeit auch weitestgehend in der Umsetzung durch Regisseurin Lisbeth Coltof.

Das Stück schildert das Aufwachsen der Brüder Philipp und Tobias zwischen 2000 und 2015 in Neschwitz - von der Einschulung und dem Bau des elterlichen Eigenheims bis zu Hochphase von Pegida. Die Menschen im kleinen Ort bei Bautzen fühlen sich abgehängt und vom Staat vernachlässigt. In Szenen zwischen Saufgelagen und den Seitensprüngen des Vaters geht es um Heimatfragen und Mutlosigkeit, ostdeutsche Identität und einfache Antworten von rechts. Der ältere Bruder Philipp zieht sich in sich selbst zurück, während Tobias Teil einer Naziclique wird. Als in der ehemaligen Grundschule eine Flüchtlingsunterkunft eingerichtet werden soll, schreitet er zur Tat.

Erdig braun ist die Bühne gehalten, links führt eine Rampe hinauf, in der Mitte ist ein Loch, das mal Pool, mal Baggersee, mal Leerstelle ist. Ansonsten ist der Raum frei und unverstellt fürs Spiel. Doch er wird lediglich zum zeitweiligen Herumrennen genutzt. Oft stehen die Darsteller nur herum. Dass Handlung und Figuren eher schablonenhaft sind, liegt an der Vorlage. Das Buch stieß auf mediale Resonanz, als es 2018 erschien. Alle schauten auf den Osten, ein junger Autor aus Görlitz muss doch da etwas zu sagen haben. Sein Versuch des Verstehens kommt nicht über das bald 30 Jahre alte Klischee hinaus, dass fehlende Perspektiven automatisch in rechtem Extremismus münden. Die bruchlose Darstellung im Buch wird auf der Bühne wiederholt.

Statt Perspektivenwechsel und Infragestellung erlebt das Publikum eine hilflose Figurenaufstellung. Rasanz im Spiel kommt immer nur in den Überblendungen vor, wenn zur nächsten Szene gewechselt wird. Hier können die Spieler mal kurz toben, physisch werden, mit Böllern schmeißen, planschen. Sobald die Szenen beginnen, ebbt die Lebendigkeit ab. Ursache ist keineswegs ein schlechtes Ensemble, was sie machen können, machen die sieben Akteure gut. Aber es ist kaum Raum fürs Spiel vorgesehen, weil der zugrunde liegende Text ein Roman ist. Wenig Dialogisches ist daher zu erleben, dafür innere Monologe, Beschreibungen statt Dargestelltem.

Damit krankt der Abend an etwas Zeittypischen im aktuellen Theater: Immer wieder ist bei Literaturadaptionen zu erleben, dass sie von dramatischem Spiel in eine Art statisches Aufsagetheater kippen. Regelmäßig nimmt die Regie den Text als Text zu ernst - bei einer Uraufführung ist das verständlich -, illustriert ihn, anstatt ihn zu dramatisieren. Aber ein Spieler, der erzählt, was er erlebt, ohne es gestisch und mimisch erlebbar zu machen, muss blass bleiben. Das ist neben dem Umstand, dass hier die Chance verpasst wurde, das wichtige Thema Identität Ost einmal differenziert zu beackern, schade. Die Frage, was das überhaupt sein sollen, "die" Ostdeutschen, wurde mit dem übergestülpten Klischee vorzeitig beendet. Ob es so etwas wie ostdeutsche Identität überhaupt gibt, wird von dem 1996 geborenen ostdeutschen Autor mit verständnisvollem "Ja" beantwortet. Statt diese Ost-West-Kiste aufzubrechen, andere Erfahrungsräume zu eröffnen, in denen man genauer schauen und unterscheiden kann, wird wieder die einfache Wir-und-die-Schere bedient.

Das ist schon das Problem des Romans. Fürs Theater hat die Inszenierung Potenzial verschenkt, indem sie nicht aus dem Potenzial der dramatischen Kunst schöpfte. Denn das Thema ist gerade für Jugendliche anschlussfähig, und man hätte ihnen die Kraft des Theaters vorführen können. So hinterlässt der Dresdner Abend jedoch den Eindruck, eine Abkürzung zur Buchlektüre zu sein, statt emotional zu packen und zu berühren, die Gemüter durchzuschütteln und gern auch mit Fragen im Kopf zu verabschieden.

Nächste Aufführungen

"Mit der Faust in die Welt schlagen" sind wieder am 18. und 27. September im Staatsschauspiel Dresden zu sehen.

www.staatsschauspiel-dresden.de

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