Ohne Mundschutz

Die Schriftstellerin Monika Maron liest als Ausgleich zu den Händelfestspielen aus ihren letzten, teils umstrittenen Büchern. Darf sie das?

Bad Lauchstädt.

Normalerweise wäre Bad Lauchstädt jetzt ein Zentrum der Händelfestspiele, zumal die Corona-Zwangspause dort für Goethes eigenes Theater zum Schönheits-Schlaf wurde: Die Gäste könnten über das Haus staunen - doch die Festspiele fallen aus wie so vieles. Theaterchef Rene Schmidt hat dem Gesundheitsamt für den Freitag aber seinen literarischen Salon mit Monika Maron abgehandelt, im Kursaal, ein paar Schritte vom Theater, vor 50 locker verteilten Zuhörern und von einer Lüftungspause unterbrochen. Für den musikalischen Teil sorgten Annegret Kuttner am Klavier und Peter Bruns mit einem Cello, auf dem schon Pablo Casals gespielt hat. Alles vom Feinsten bis zum ersatzweise für den vorgesehenen Geburtstagsempfang für Goethes Christiane (die in dem Saal mehrere paar Schuhe durchgetanzt hat) an jeden Gast verteilten Piccolo.

Monika Maron schreibt stattdessen. Zuletzt erschien ihr Roman "Munin oder Chaos im Kopf". Von ihren Begegnungen mit dem Zeitgeist kündet aber nicht nur, was in den letzten Jahrzehnten als Lesevergnügen zwischen zwei Buchdeckeln landete - ihr Name steht auch für die direkte Stellungnahme. Die 1941 geborene und 1988 vom Osten in den Westen übergesiedelte, seit 1993 in Berlin lebende Autorin hinterfragt mit Vorliebe vom vermeintlichen oder etablierten sogenannten Mainstream (auf Neusächsisch: "Meinungskorridor") Vorgegebenes.

Bei ihr entsteht daraus durchaus anregende Literatur oder aufregende Polemik, und sie waltet damit gleichsam ihres Amtes, ob man sich nun an ihre Seite stellen mag oder nicht: Da stehen immerhin schon Uwe Tellkamp oder Vera Lengsfeld, beispielsweise. In drei von vier Blöcken liest Maron aus ihrem Roman. Macht uns mit dezentem Humor mit jener Heldin bekannt, die sich vor dem stundenlangen Gesang, mit der eine Frau vom Balkon aus ihre Nachbarschaft terrorisiert, in den Schutz der Nacht flüchtet. Dort beginnt sie mit einer einbeinigen Krähe namens Munin ein Gespräch über Grundsatzfragen des Lebens. Tagsüber lässt sie sich auch auf die Versammlung jener Bürger ein, die die Frau am liebsten loswerden wollen - was deren "Betreuer" mit Verweis auf den besonderen Schutz für "Behinderte" zu verhindern weiß.

Damit landen wir mitten in den Aufgeregtheiten unserer Zeit - und zwischen Neu- und Altbaubewohnern, die sich schnell in einer Konfrontation verhaken, die für mehr steht als den Umgang mit Sangeskunst. Was und wie Maron liest, ist vergnüglich und ein Plädoyer dafür, selbst zu ergründen, was es mit dem Chaos im Kopf auf sich hat. Für ihren letzten Leseblock greift sie dann zu dem anderen Bändchen, das im Foyer feilgeboten wurde und las, was wohl einige der Gäste erwartet haben dürften: Text aus ihrem Essayband "Krumme Gestalten, vom Wind gebissen." Was wie ein Erstaunen bei der Morgenlektüre der Zeitung anhebt, weitet sich zum Rundumschlag gegen Genderisierung mit Blüten wie weiblichen Regisseurinnen oder männlichen Professorinnen - oder so ähnlich. Und sie artikuliert ihr Unbehagen über offene Fragen der Gegenwart wie den Umgang mit einem politischen Islam. Dass man darüber vermeintlich nicht reden könne, widerlegt aber bereits dieser literarische Abend im Dunstkreis Goethes. Noch dazu auf vergnügliche Weise. Auch dann, wenn man die regierende Kanzlerin besser findet als Maron es tut.

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