Sanfter Erkunder der russischen Welt

Vor 200 Jahren wurde der russische Schriftsteller Iwan Turgenjew geboren. Er hatte den großen Literaten seines Landes manches voraus. Das berührt bis heute.

Chemnitz.

Wer ihn einmal gelesen hat, der wird ihn nicht vergessen. Er ist nicht nur einer aus dem Sextett der großen russischen Literatur des 19. Jahrhunderts: Gogol, Tolstoi, Dostojewski, Tschechow, Leskow und eben Iwan Turgenjew. Er ist nicht nur ein Autor, der durch seine Literatur die sozialen Gegensätze im alten Russland anprangerte, sondern er ist, wie seine Zeitgenossen und auch die heutigen Leser erfahren, ein Poet der Prosa. Vor 200 Jahren wurde Turgenjew geboren.

In seinem Werk kommen Bilder der Landschaft und des Volkslebens mit ganz verschiedenen Menschen und ihren Eigenarten zusammen. Nabokov nannte diese Prosa "Öl und Honig" - und wirklich, der Leser bewegt sich in der Natur des alten Russland, zwischen Birkenwäldern und Schwemmwiesen, Steppen und Sümpfen. Dazwischen die Lehmhütten der Leibeigenen und die weiß gekalkten Gutshäuser. All das war ja selbst erfahren, selbst erlebt in seiner Kindheit.

Iwan Sergejewitsch Turgenjew wurde am 9. November 1818 auf dem väterlichen Gut Spasskoje-Ludowinowo im Gebiet Orjol geboren. Die Familie besaß mehrere tausend Leibeigene, der Vater war Offizier. Er erfuhr die Bildung der reichen Gutsbesitzerschicht, Privatlehrer, Pensionat in Moskau, später Studium in St. Petersburg, dann in Deutschland. Baden-Baden und Paris werden für die zweite Lebenshälfte seine Lebensorte; Freundschaften mit Kollegen wie Theodor Storm oder Gustave Flaubert und vor allem die Liebe zur Sängerin Pauline Viardot zu wesentlichen Erfahrungen des Autors.

Begonnen hat er als Schriftsteller mit Gedichten. Und dann erschien 1847 in der progressiven Zeitschrift "Sovremenik" ein Prosatext, dem weitere folgen sollten, eine Geschichte aus seinem großen "russisches Buch über die Russen", er nannte es selbst einmal das "Bleibende" aus seinem Werk. Mittlerweile gibt es ein Dutzend Übersetzungen dieser 25 Geschichten und Skizzen allein ins Deutsche. Bei Hanser in der Reihe seiner Klassiker ist soeben eine Neuübersetzung von Vera Bischitzky erschienen, die auf beeindruckende Weise die Originalität des Erzählers auch in der deutschen Übertragung sichtbar macht. Turgenjew gab der Prosasammlung den Titel "Aufzeichungen eines Jägers".

Der Erzähler ist ein Gutsbesitzer, der durch die Provinz wandert, mal in einem Gutshaus übernachtet, mal in einem Heuschober. Es sind Geschehnisse, die unzweifelhaft autobiografisch sind. Der Leser wandert mit ihm durch die russischen Wälder und Wiesen, aber zugleich auch durch die gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Jagd ist nur ein Vorwand, um die zaristische Zensur zu täuschen.

Der Titel diente damit auch der Genehmigung durch die Zensurstelle. Turgenjew wird des Öfteren die Maßregelungen der Zensoren erfahren. Wegen eines Textes über Gogol wird er verhaftet und nach einem Monat im Gefängnis auf sein Gut verbannt. Aus solchen Verhältnissen sind auch diese Texte entstanden und zu verstehen. Es sind die Aufzeichnungen eines Menschen, der die vielfältigen, traurigen und auch komischen Lebenssituationen im zaristischen Russland erkundet und beschreibt. Das Besondere an Turgenjews Aufzeichnungen ist ihr leiser, scheinbar beiläufiger Ton, der die Schrecknisse des Lebens auf dem Lande trägt. Nicht die anklagende, polternde Polemik Leskows oder Dostojewskis schildert die Verhältnisse der verschiedenen Schichten, sondern die leise Trauer und Verwunderung. Was soll man machen, wie kann man die Wirklichkeit ändern, diese Fragen, unausgesprochen, werden zum Zentrum von Turgenjews Texten.

Und was sich hier in den kürzeren Prosastücken zeigt, es spiegelt sich auch in seinen sechs Romanen. Bewunderungswürdig, dass eine große Zahl seiner Texte nicht in Russland, sondern in den Zeiten in Deutschland und Frankreich entstand. Turgenjews Stärke ist nicht die Erfindung der erzählerischen Elemente, sondern die poetische Aufbereitung der Geschichten und Menschen aus seiner Wirklichkeit.

Ja, wer ihn einmal gelesen hat, er wird ihn nicht vergessen.

Buchtipp Iwan Turgenjew: "Aufzeichnungen eines Jägers". Neu übersetzt von Vera Bischitzky. Hanser. 2018. 38 Euro.

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