Sensationelle Landeier

Sie klingen humorvoll, unerhört virtuos, dabei ergreifend emotional, hart, poppig, schräg - und beackern viele Stile zugleich: Tiny Moving Parts sind die Konsensband der Stunde!

Ablenkung droht offenbar wenig im 3000-Seelen-Kaff Benson, irgendwo im US-Bundesstaat Minnesota: Da kann man schonmal in nur einem Jahr ein neues Album raushauen, obwohl man mit "Swell" einen quasi noch aktuellen Durchbrecher am Start hat. Mit diesem Album hatte sich das amerikanische Familientrio Tiny Moving Parts im letzten Jahr bei vielen Gitarrenmusikfreunden einen soliden Lieblingsband-Status erspielt, die Platte gilt zwischen Indierock, Mathcore, Punkrock und Emo bereits als Meilenstein.

Ist es da nicht gewagt, nach einer Handvoll Monaten mit "Breathe" direkt einen Nachfolger herauszubringen? Aber die Chevalier-Brüder und ihr Cousin Mattheisen nehmen diese Hürde fast schon erschreckend lässig mit ihrem Landeier-Retro-Charme, der irgendwie aus den 70ern kommt, dabei aber so frisch ins Hier und Heute ploppt, dass die Tiny Moving Parts einfach nur ganz weit vorn klingen.

Aber von vorn: Als das Trio 2013 sein Debüt "This Couch Is Long & Full Of Friendship" veröffentlichte, stach es bestenfalls leicht bemerkenswert aus der Insidermasse der Screamo-Bands heraus. Konnte man sich gut zwischen TWIABP & IANLATD und Sorority Noise in den Schrank stellen. Auf den Folgeplatten entwickelte sich das Trio aber immer mehr zum eindrucksvollen Mix aus Pop, Screamo und - Primus. Das Hardcore-Geschrei wurde runtergedimmt, der Hook-Faktor hochgefahren, und trotzdem ist da immer noch Platz für die verrückten Tapping-Einlagen von Säger Dylan, der auf seiner Telecaster immer wieder Einlagen zwischen Banjo und Tool reinmogelt. Nerd-Musik also, die aber dank großartiger, unfassbar lockerer Songs verschachtelte Tiefe mit großer Mainstream-Zugänglichkeit koppelt. Auf "Swell" war es vor allem der Superhit "Caution", der die Tiny Moving Parts im Langzeitgedächtnis verankerte - auf dem Nachfolger "Breathe", der mit so einem singulären Brecher nicht aufwartet, ist es eine Art Hit-Kaskade: Der Indie-Schwinger "Medicine", "Icicles", die kleine Riesenballade "Vertebrae" und das versponnene "Polar Bear" sind der coolste Emo-Rock seit dem Ende von My Chemical Romance. Das Album ist vorsichtig poppiger, schafft es aber mit einem lausbübigen Charme, großer Offenheit und einer unaufdringlichen Melancholie, Punkrocker und Emos einander in die Arme zu treiben. Einfach zum Liebhaben!

Im Konzert:  Tiny Moving Parts spielen unter anderem am 5. Oktober im Felsenkeller Leipzig und am 6. Oktober im Bi Nuur Berlin.

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