So funktioniert Jazz

Mit der hintersinnigen Dekonstruktion von Popgassenhauern wurde der Pianist Ethan Iverson bekannt - nun schlägt er ein neues Kapitel auf.

Das war vor zwei Jahren eine der enttäuschendsten Nachrichten der Jazz-Szene: Nach knapp zwei Jahrzehnten verlässt Pianist Ethan Iverson das Klaviertrio The Bad Plus. Aber Jazz muss in Bewegung bleiben, und irgendwann hatte es wahrscheinlich anders weitergehen müssen. Jedenfalls für einen so kreativen Geist wie Ethan Iverson. Mit Mark Turner, einem der faszinierendsten Tenorsaxofonisten unserer Zeit, hat er dann die unverhofft milde Duoplatte "Temporary Kings" aufgenommen und im Trio mit Kontrabass-Altmeister Ron Carter und Schlagzeuger Nasheet Waits das traditionelle Klaviertrio ein wenig anders durchdekliniert. Und wie nebenbei unterhält Iverson mit seinem Blog "Do the Math" noch eine der intelligentesten Plattformen zum Austausch über aktuelle Jazzentwicklungen.

Mit seinem neuen Quartett blickt Iverson nun zurück in die frühen Jahre der Moderne, als traditionell geradeaus gespielt wurde. So funktioniert Jazz, möchte man sich über die Gesamtspielzeit dieser wundervollen Live-CD vor sich hin freuen und wäre gern dabei gewesen an diesen Abenden im Club. Es gibt ein Programm weithin bekannter Standards, zu denen Bandleader Iverson zwei Eigenkompositionen im bluesigen alten Stil addiert.

Doch ergibt es bei solchen Granden dann eben doch nicht das übliche Geschäft, wenn sie sich solche Stoffe vornehmen wie Gershwins "The Man I Love" oder "I Can't Get Started", wie "Sentimental Journey", "All The Things You Are", "I Remember You" oder "I'm Getting Sentimental Over You". Diese Band macht sie allesamt zu Preziosen durch Spielfreude, Neudeutung und Anverwandlung. Trompeter Harrell überträgt seine Seele auf die Melodien, kann sich in tiefer Emotionalität in Balladen versenken oder uptempo losgehen. Sein Ton schillert blechern, growlt, packt temposcharf zu, kommt auf den Punkt und funkelt von dort aus weiter.

Dazu steht die Rhythmus-Sektion felsenfest und spannt ein sicheres Netz: Alles funktioniert in dieser beeindruckenden Liveperformance- Jazzlehrstunde, denn für Tom Harrell ist Ethan Iverson der ideale Partner. Er ist in dieser Tradition zu Hause und kann sie pianistisch ausleuchten im Bandkontext und als Solist. Und er hat dieses gleichermaßen Poetische wie Schelmische, dieses sparsam Hintersinnige, Abgezockte, über das man einfach nur staunen kann. Was für ein Pianist! Genau auf der klug austarierten Schnittstelle von Ökonomie und Virtuosität pendelt er seine Chorusse ein, dass man nicht genug davon bekommen kann. Genau wie von Tom Harrell in dieser idealen Band. That's Jazz!

Ein Video zum Stück "Common Practice" des Ethan Iverson Quartet:

 

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