Symptome der Leidenschaft

Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel über Unkorrektheit, Eigentum, den Mond und sein neues Album

Chemnitz.

Der mehrfach ausgezeichnete Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel hat nicht nur mit Stars wie Tom Morello (Rage Against The Machine) oder Billy Bragg gearbeitet oder Werke von Woody Guthrie ins Deutsche übersetzt: Er nimmt auch fast jedes Jahr eine neue eigene CD auf. Sein neuestes Werk heißt "Wo liegt das Ende dieser Welt?". Offiziell erscheint die Platte am 7. Dezember, doch bereits am Wochenende stellt Wenzel sie mit seiner Band in Chemnitz erstmals im Konzert vor. Matthias Zwarg hat zuvor mit dem Künstler gesprochen.

Freie Presse: Herr Wenzel, "Wir wärmten uns an einer längst vergess'nen Utopie", heißt es im ersten Lied Ihres neuen Albums. Welche meinen Sie?

Hans-Eckardt Wenzel: Es ist die Utopie vom Träumen, von der Fähigkeit, das Unmögliche zu denken.

Liegt das "am System", wie es in einem anderen Stück heißt?

Ja, das ist schon systemimmanent. Wir beschäftigen uns oft nur mit Symptomen, verbannen zum Beispiel Dieselautos aus den Städten, denken aber nicht daran und tun nichts dagegen, dass die Umwelt anderweitig in viel größerem Maße geschädigt wird.

Viele Ihrer Stücke sind Liebeslieder. Was ist das Schöne und das Tragische an der Liebe für Sie?

Die Liebe ist das Einzige, was uns gegen den Tod wappnet, auf den wir alle zugehen. In der Liebe ist dies auf-gehoben, da sind wir für einen Mo-ment unsterblich. Es ist die Aufgabe der Poesie, uns Liebe zu bewahren und uns gegen den Tod zu schützen.

Wie "küssen sich Geigen" und wie küsst man unkorrekt?

Das Küssen der Geigen ist natürlich das sanfte Streichen des Bogens auf den Saiten. Wie man unkorrekt küsst, das will ich hier nicht sagen. Das ist privat, deshalb ist es ja unkorrekt. Es hat mit Leidenschaft zu tun. Alles Korrekte ist leidenschaftslos.

In einem anderen Lied heißt es: "Nur der Mond mit seinem Licht, der zerteilt die Erde nicht." Um den Mond geht es in vielen Wenzel-Liedern. Hat er für Sie mehr Anziehungskraft als die Sonne?

Ja, der Mond ist uns näher als die Sonne, er beleuchtet uns die Nacht, für den Mond sind wir alle gleich. Das rührt sicher schon aus der Romantik her. Ich hab das Lied geschrieben, als ich in einem Flüchtlingslager am Mittelmeer war und dort den Mond sah - und ich dachte: Das ist derselbe Mond, der über uns scheint.

Auch auf dieser Platte gibt es wieder ein Seemannslied. "Kein Land in Sicht", heißt es darin, und "Lustlos schippern wir umher / und die Heuer ist ein Dreck / den Millionären gehört das Meer / und das ganze Oberdeck." Und selbst der Steuermann kennt die Richtung nicht. Wenn Sie die Richtung bestimmen dürften - welche wäre es?

Man muss die Frage nach den Eigentumsverhältnissen stellen. Vielleicht nicht so radikal, wie es die Bolschewisten getan haben. Aber heute kommen etwa Kinder von Milliardären mit einem unermesslichen Reichtum auf die Welt und andere Kinder mit gar nichts - und diese Unterschiede werden nur noch zunehmen. Ohne eine Änderung der Eigentumsverhältnisse wird sich die Welt nicht ändern.

In einem Lied singen sie vom "schweren Sinn". Macht es Ihnen den Sinn schwer, demnächst in Chemnitz zu spielen, nach all dem, was hier im Sommer geschehen ist?

Nein, im Gegenteil. Zu Sachsen hatte ich schon immer ein etwas gespaltenes Verhältnis, aber gerade jetzt komm ich gern hierher. Ich möchte den Menschen Mut machen, die sich gegen Nazis und rechte Populisten stellen.

Ein Lied auf Ihrer neuen Platte ist ein Blues ...

Es ist fast ein Blues - mit einem vertrackten Rhythmus, damit man es nicht merkt ...

... und den Ihre Band wie immer hervorragend spielt. Gibt es in musikalischer Hinsicht noch Träume, die Sie sich gern noch erfüllen würden?

Da ist noch einiges. Ich habe viele Lieder in der Schublade. Und so eine Art Schauspieler-Oper würde ich zum Beispiel gern schreiben.

Am Ende der Platte heißt es: "Das letzte Lied hat keine Taschen". War Wenzels letztes Lied schon einmal in Sicht, haben Sie schon mal ans Aufgeben gedacht, nachdem Sie nun seit Jahrzehnten gegen die Dummheit singen, dafür, dass die Welt ein wenig besser wird?

Nein, ans Aufgeben denke ich nicht. Klar gibt es immer mal Momente, in denen man denkt, dass es wenig Sinn hat - aber, wie heißt es bei Brecht: "Wer gebraucht wird, ist nicht frei". Deshalb muss man weitermachen.

Im Konzert Wenzel & Band stellen die neue CD "Wo liegt das Ende dieser Welt?" am Samstag 20 Uhr, in der Markuskirche Chemnitz vor. Karten zum Preis von 25,20 Euro gibt es an der Abendkasse.

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