Tatortreinigerin: "Auch Messies sind tolle Menschen"

Janine Schweitzer über Verwahrlosung, Fassaden und warum sie von Messies gelernt hat, wieder zu lieben.

Chemnitz.

Wo viele auf dem Absatz kehrt machen würden, schreitet sie unerschrocken voran: Janine Schweitzer entrümpelt und säubert Wohnungen, die als solche kaum zu erkennen sind. In ihnen verwahrlosen Menschen, sogenannte Messies, die nichts wegwerfen können, oft nicht mal den Müll. Darüber hinaus ist Janine Schweitzer als Tatortreinigerin unterwegs. In ihrem Buch "Eine Frau räumt auf" beschreibt die 40-Jährige Fälle aus ihrem Arbeitsleben, zeigt aber auch Hintergründe der Messie-Problematik auf. Dabei wertet sie die Menschen nie ab: Respektvoll schreibt und spricht sie über ihre Kunden. Durch diese habe sie gelernt, Menschen wieder zu lieben - und zu erkennen, an welchen Problemen unsere Gesellschaft krankt. Mit Janine Schweitzer sprach Katharina Leuoth.

Freie Presse: Warum bewerten manche Menschen Müll als gut und werfen ihn nicht weg?

Janine Schweitzer: Weil sie zum Beispiel eine Wertbeimessungsstörung haben, wie das Experten nennen. Wir alle haben ja ein emotionales Defizit ...

... auch glückliche Menschen, die sich gut fühlen?

Ja, denn jeder hat mal irgendwie Schmerz oder Verlust erlebt. Wir versuchen, das unterschiedlich zu heilen. Manche machen das, indem sie Alkohol trinken oder Tabletten nehmen. Andere beginnen, Dinge zu horten. Da ist die bereits benutzte Serviette vielleicht doch noch mal zu was gut, lässt sich ein Zipfel von ihr noch nutzen. Deshalb wird sie nicht weggeschmissen. Das Aufheben vermittelt ein gutes Gefühl.

Es geht also die Fähigkeit, Dingen einen einigermaßen objektiven Wert zu geben, verloren?

Genau.

Sie kommen, wenn der Messie oder Angehörige ruft. Wieso räumen Sie anderen den Müll nach?

Mich macht meine Arbeit glücklich, weil man diesen Vorher-Nachher-Effekt sieht, das, was man geleistet hat. Und es macht mich glücklich, weil ich Menschen damit helfen kann. Auch wenn es mit dem Aufräumen nicht getan ist, Messies brauchen oft auch psychologische Hilfe.

Sie beschreiben zum Beispiel eine Frau, deren Wohnung quasi unbewohnbar war, weil sie keine Wäsche wusch, sondern bergweis neue Kleidung kaufte.

Ja, diese Frau war bildhübsch, total gepflegt. Als ich sie vor ihrer Tür sah, dachte ich: Nee, die kann kein Messie sein. Aber man sieht es den Menschen nicht an. Sie erzählte, dass sie auf Arbeit immer total perfekt und organisiert ist, aber zu Hause brach dieser Perfektionismus zusammen.

Sie hatte dann keine Kraft mehr?

Ja, das kann man so sagen. Sie hatte keine Waschmaschine, sie war unfähig, sich um Wäsche zu kümmern und häufte so Kleidung an.

Sie beschreiben auch den Fall eines Akademikers, der im Chaos lebte und nur in Pfandflaschen urinierte, die überall in seiner Wohnung standen. Wie kommt so ein Verhalten zustande?

Das Prinzip mit den Flaschen konnte ich sogar nachvollziehen: Wenn Sie die Toilette gesehen hätten, hätten Sie die auch gemieden. Die Toilette nutzte er sozusagen nur fürs große Geschäft, reinigte sie aber nicht. So sah das dann auch aus.

Aber wie beginnt denn so etwas?

Das kann ich Ihnen auch nicht zu 100 Prozent sagen. Es ist oft ein schleichender Prozess, eine Überforderung. Am Anfang hat man vielleicht keine Klobürste zur Hand, und beim nächsten Mal vielleicht auch noch nicht, und dann beginnt man, sich überfordert zu fühlen und dann geht das so weiter.

Wie schaffen Sie es, in solchen Wohnungen sauber zu machen?

Zum einen mit Disziplin. Ich sage: Das packen wir jetzt an! Zum anderen mit Schutzausrüstung. Manchmal haben wir Glück und nur mit Klamotten, Kartonagen oder Verpackungsmüll zu tun - es gibt ja ganz unterschiedliche Typen von Messies. In vielen Wohnungen aber schimmelt und tropft es überall. Dann nutzen wir Atemschutzmasken und stecken komplett im Schutzanzug. Der ist wie eine Barriere: Ich kann dann schreckliche Dinge sehen, es kommt aber nicht wirklich an mich ran.

Wie schaffen Sie es, Messies nicht abzuwerten?

Weil ich absolutes Verständnis habe. Mein Vater hatte eine leichte Sammeltendenz. Wenn es Haushaltsauflösungen gab, hat er geguckt, was man gebrauchen könnte, dann standen die Dinge bei uns rum. Und ich habe auch selbst Leid erfahren, ich weiß, welche Gefühlsebenen es gibt. Ich beispielsweise bin adipös.

Also übergewichtig.

Ja. Ich habe ein Problem, und ich versuche, es mit essen zu lösen. Das ist mein Fehler, und die Messies haben ihren Fehler. Trotzdem sind auch Messies tolle Menschen, ich fühle mich nicht in ihrer Unordnung, aber in ihrer Gegenwart wohl. Mit vielen quatsche ich erst mal lange.

Fühlen Sie sich wohl, weil es in dieser Gegenwart keinen gespielten Perfektionismus mehr gibt?

Ja, genau das ist der Punkt! Das ist, woran unsere Gesellschaft krankt. Dieses: mein Haus, mein Auto, meine Familie! Alles muss perfekt sein. Ich habe gelernt, dass das Fassade ist. Jene, die wie geleckt daher kommen, haben oft andere Probleme, die gehen vielleicht einmal im Monat zu einer Prostituierten, operieren als Chirurg betrunken ihre Patienten oder sind anderen gegenüber gewalttätig. Und wenn es das nicht ist: Irgendeine Macke hat jeder!

Aber wie wird man zum Messie?

Es gibt viele Hintergründe, manche Ältere waren Kriegskinder und können deshalb nichts wegschmeißen, manche wurden so erzogen, andere scheitern an ihren hohen Ansprüchen an eine saubere Wohnung und lähmen sich mit diesen Vorstellungen, bis sie es nicht mal schaffen, die Tasse in den Geschirrspüler zu räumen - sie wollen später den Riesenputz machen, verschieben ihn aber immer wieder. Ganz oft erfolgt der Ausbruch aber eben auch durch einen Schicksalsschlag, mit dem die Betroffenen nicht zurechtkommen. Bei mir war es der Tod meines Papas. Das hat mich aus der Bahn geworfen. Ich habe zwar nicht begonnen, Dinge zu horten, aber ich habe gefuttert. Dann starb meine Mutter, und vor sechs Jahren mein erstes Kind. Ich kann mich gut in andere Menschen einfühlen.

Belastet es Sie, nicht zu wissen, was aus den von Ihnen aufgeräumten Wohnungen wird? Vielleicht hortet der Messie wieder alles?

Eigentlich mache ich mir darüber keinen Kopf, aber ja, innerlich denke ich mir schon, das ist eine Arbeit für die Katz. Ich habe einmal mit einer Frau ausgemacht, dass sie mir nach einem Jahr sagt, was aus ihr geworden ist. Sie hat es geschafft, Ordnung zu halten. Aber ich möchte Leute nicht drängen, Rechenschaft abzulegen oder zu einer Therapie zu gehen. Sowieso bin ich der Typ Mensch: Ich komme und ich gehe.

Sie können also gut loslassen.

Ich bin die menschgewordene Definition des Loslassens! Das hat sicher auch mit Verlustängsten zu tun.

Sehen Sie durch Ihre Arbeit Menschen auf der Straße mit anderen Augen an?

Jein. Ich hatte früher Schwierigkeiten mit Menschen. Ich wollte nur meine Ruhe. Aber durch meine Arbeit habe ich tolle Leute kennengelernt. Messies sind normale Menschen, die einfach nur ein Problem haben. Und es geht durch alle Gesellschaftsschichten. Diese Menschen haben mich gelehrt, Menschen wieder zu lieben. Weil ich sehe, dass sie so wenig perfekt sind wie ich. Aber dafür fehlt in unserer Gesellschaft oft das Verständnis. Oft werden Menschen abgestempelt.

Sie sind ja auch als Tatortreinigerin unterwegs, wenn Menschen gestorben sind. Wenn Sie da, wie Sie es im Buch beschreiben, in einer Duschwanne voll Blut den Ausfluss ertasten, um herauszufinden, warum das Blut nicht abfließt, verfluchen Sie dann nicht doch Ihren Job?

Ja, aber nicht, weil ich mich ekle, sondern weil es nicht vorwärts geht.

Schauen Sie "Tatort"?

(lacht) Nein.

Und die Comedy-Serie "Der Tatortreiniger" mit Bjarne Mädel?

Da habe ich letztens einen Film auf Youtube geschaut. Es war saulustig! Ich finde es gut, sich dem Thema im Fernsehen mit Humor zu nähern. Sonst würde das keiner anschauen.

Als Tatortreinigerin haben Sie meist mit Unfällen und Suiziden zu tun, bisher ein mal mit Mord. Geht da das Herz schneller?

Wie der Mensch umgekommen ist, macht für mich keinen Unterschied. Ich bekomme am Anfang die Infos, und dann gehe ich an die Arbeit. Da ist am Anfang immer stärkeres Herzklopfen dabei, weil diese Arbeit doch sehr ungewöhnlich ist. Die Menschen sehen immer anders aus, der Geruch ist immer anders.

Sie scheinen Ihrem Buch nach aber kein Verständnis für Selbstmörder zu haben.

Ja? Da muss ich kurz überlegen.

Sie schreiben zum Beispiel, dass jedes Leben besser werden kann.

Sagen wir so: Ich finde Suizid tragisch. Und mir tun immer die Hinterbliebenen leid. Sie weinen und erzählen mir, dass sie sich nicht verabschieden konnten. Dieses Gefühl kann ich sehr gut nachvollziehen. Mein Vater und später meine Mutter sind einfach umgefallen und waren tot. Ich konnte mich nicht darauf einstellen, nicht Abschied nehmen.

Was bleibt Ihrer Meinung nach am Ende von uns?

Es bleibt die Erinnerung an uns. Ansonsten gehen wir so nackt, wie wir gekommen sind. Wir haben nur Lebenserfahrung gesammelt. Aber das Theater um Geld und Schein, das zählt dann nicht mehr.kl

Janine Schweitzer

Am 1. Januar 1980 wurde Janine Schweitzer in Berlin-Wedding geboren. Sie arbeitete als Briefträgerin und in der Telefonakquise, bevor sie sich zur Schädlingsbekämpferin ausbilden ließ. Heute ist sie mit ihrer Firma als Tatortreinigerin und Desinfektorin unterwegs und räumt auch in Messie-Haushalten auf. Sie lebt in Rheinland-Pfalz, ist verheiratet - ihr Mann arbeitet in ihrer Firma mit - und hat einen Sohn. Prägende Erlebnisse in ihrem Leben waren der Tod ihrer Eltern und ihres ersten Kindes.

In ihrem jetzt erschienenen ersten Buch "Eine Frau räumt auf" beschreibt sie Fälle aus ihrer Arbeit als Entrümplerin und Tatortreinigerin, geht auf psychologische Hintergründe des Messie-Syndroms ein und zitiert Experten. Sie gibt Quellen zum Weiterlesen und Kontaktmöglichkeiten für Hilfesuchende an und listet Ordnungstipps auf. Lesenswert!kl

www.tatortreinigung-schweitzer.de

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