Träume im Spiel

ARD-Korrespondentin Birgit Virnich hat in Afrika Kinder getroffen, die Spielzeug aus Müll bauen. Sie hat die Spielzeuge und Geschichten dazu gesammelt. Sie sind nun in einer Ausstellung in Chemnitz zu Hause.

Sie ist zwischen Luxushotels und Lehmhütten, zwischen Märkten und Kirchen auf sie gestoßen. Auf den achtjährigen Joseph in Kenia an der Grenze zu Somalia. Auf die Söhne des Wachmanns Ewans Otieno in einem Slum der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Auf den Kindersoldaten "General Scarborough" in Liberia. Auf Alahaji Ibrahim in Nigeria, auf Jonas in Tansania, auf Mohamed im Tschad. Immer wieder hat sie in Afrika Kinder getroffen, die Passanten kleine Autos, Hubschrauber und Fantasiefiguren entgegenhalten. Spielzeug, das sie selbst gebaut haben. Aus dem, was sie finden - Kronkorken, Blechdosen, Plasteflaschen, Badelatschen, Draht, Pappe, Stoffreste. Sie basteln Spielzeug, um etwas zum Spielen zu haben. Oder um es zu verkaufen. Wenn sie auf Birgit Virnich trafen, hatten sie Glück. Sie ließ sich begeistern von der Kreativität und den Fertigkeiten der Kinder, kaufte ihnen Spielzeuge ab, fragte sie nach ihren Geschichten. So sammelte sie Spielzeug um Spielzeug, Geschichte um Geschichte. Bis sie eines Abends, es war in Nairobi, mit einer anderen Deutschen ins Plaudern und auf die Spielzeuge zu sprechen kam. Die beiden Frauen ahnten da noch nicht, dass sie die Spielzeuge sinnbildlich auf den Tisch des deutschen Bundespräsidenten legen und später nach Chemnitz geben würden.

Birgit Virnich ist Journalistin und Buchautorin, arbeitet unter anderem als Korrespondentin für die ARD und war dabei viel in Afrika unterwegs. Vor zehn Jahren wurde mit einem Teil der von ihr privat gesammelten Spielzeuge und Geschichten die Wanderausstellung "Global Players" eröffnet, die bis heute deutschlandweit in rund 20 Städten, darunter in Berlin, Hamburg und Köln gezeigt wurde. Die Idee dazu kam ihr mit Susanne Anger - als die beiden an jenem Abend in Nairobi ins Plaudern geraten waren. Anger ist Sprecherin der Initiative "Gemeinsam für Afrika", ein Zusammenschluss von Hilfsorganisationen, 2003 gegründet. "Durch den Kampf gegen den Terror und den Krieg im Irak geriet Afrika damals aus dem Blick der Öffentlichkeit. Die Initiative wollte dem entgegenwirken", erläutert Anger. Sie war gerade für die Organisation in Kenia unterwegs, als sie Birgit Virnich traf. Anger kann selbst auf eine beachtliche Sammlung von afrikanischen Spielzeugen verweisen, auf über 50 Stück komme sie mindestens, überschlägt sie im Kopf, zählt Autos, Fahrräder, Gabelstapler und Schildkröten auf. Auch sie war, wie Virnich, oft in Kriegs- und Krisengebieten Afrikas unterwegs, früher als Sprecherin des Roten Kreuzes. Das erste Spielzeug hatte sie drei Jungs an einer Tankstelle vor Goma, einer Großstadt im Kongo vor der Grenze zu Ruanda, abgekauft - ein aus Kondompackungen gebasteltes Flugzeug. Anger platzierte es in ihrem Wohnzimmer in Deutschland. Und initiierte unter dem Dach von "Gemeinsam für Afrika" die Ausstellung der von Virnich gesammelten Spielzeuge. Horst Köhler, damaliger Bundespräsident und Schirmherr von "Gemeinsam für Afrika", schrieb das Vorwort im Ausstellungskatalog. Dort wie auch in der Schau können die Geschichten zu den Kindern nachgelesen werden. Zu dem achtjährigen Joseph aus Kenia an der Grenze zu Somalia zum Beispiel.

Aus Ästen und Stoffresten hat er ein Kamel gebastelt, das ihn an die Kamele der Bibliothekarin erinnert. Die Tiere transportieren die Bücher auf ihren Rücken auch in die entlegenen Dörfer der Grenzregion. Die Bibliothekarin liest Joseph vor, am liebsten hört er Tiergeschichten. Er selbst kann nicht lesen. Viele Kilometer weiter, in einem Slum der Hauptstadt, lebt Wachmann Ewans Otieno. Kommt er früh von der Arbeit nach Hause, warten seine Söhne. Zusammen sammeln sie Kronkorken ein, die Kellner in den Kneipen für sie zurückgelegt haben. Daraus basteln sie für die Kinder im Slum Schlangen oder verkaufen sie. In der liberianischen Hauptstadt Monrovia hingegen traf Birgit Virnich den Kindersoldaten, der sich "General Scarborough" nennt und um die 15 Jahre alt ist. Aus Badelatschen hat er einen Hubschrauber gebaut, und würde damit gern vor dem Chaos seines Landes fliehen. Der zehnjährige Alahaji Ibrahim in Nigeria wiederum besucht - seitdem die staatliche Schule in seinem Dorf geschlossen ist - eine Koranschule. Er bastelt gern Autos zusammen. Mit seinem Opa, einem Schneider, hat er ein Auto aus Pappe zusammengenäht. Auch Jonas aus Morogoro in Tansania arbeitet mit den Schneidern in seiner Stadt zusammen: Sie schenken dem Achtjährigen Stoffreste, aus denen seine Mutter Fußbälle näht. Der zehnjährige Sudanese Mohamed dagegen lebt mit seinen Eltern in einem Flüchtlingslager im Tschad. Sie waren vor Milizen in der umkämpften Region Darfur geflohen. Die Milizen steckten Häuser in Mohameds Dorf in Brand, zerstörten Felder, töteten Menschen. Doch Mohamed vermisst seine Heimat. Aus Tomatenmarkdosen hat er einen Minibus gebastelt. Mit dem, sagt er, könnten er und seine Eltern zurück in die Heimat reisen, wenn dort wieder Frieden ist.

Was aus ihm und den anderen Kindern geworden ist, deren Geschichten Birgit Virnich vor Jahren aufgeschrieben hat, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Es bleibe aber die Erinnerung an sie als "Global Players" - weil sie Autos, Hubschrauber und Flugzeuge bastelten, mit denen sie Grenzen überwinden wollten, und weil sie dabei, sagt Anger, mit Müll aus der globalisierten Welt hantierten. Der wiederum in Form der Spielzeuge in die Ausstellung nach Deutschland wanderte. Für die suchten die Ausstellungsmacher nun nach einem dauerhaften Ort - und fanden ihn in Chemnitz beim Solaris-Förderzentrum für Jugend und Umwelt, einem Träger der freien Jugendhilfe der Stadt. Im Solaris-Turm an der Neefestraße ist die Ausstellung derzeit als Dauerleihgabe zu sehen. Sie fließt auch in die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ein, zum Beispiel in Arbeitsgruppen, in denen es um das Upcycling geht, also darum, wie aus Abfällen Neues entstehen kann. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen war ein Grund, die Ausstellung nach Chemnitz zu geben, sagt Susanne Anger. Vor allem Gruppen aus Kindergärten und Schulen sowie Großeltern mit ihren Enkeln besuchten die Ausstellung bisher, sagt Božena Schiemann von Solaris. "Für mich ist Afrika eigentlich weit weg, aber wenn ich das Spielzeug anschaue, dann fühlt es sich gar nicht mehr so fremd an", sagt sie.

Zwar entstehen viele Spielzeuge aus der Not heraus. Nicht zuletzt sammelt die Initiative "Gemeinsam für Afrika" Spenden, um akutes Leid durch Kriege, Krisen und Katastrophen zu mindern oder um Projekte zur Selbsthilfe anzuschieben. Aber der Initiative gehe es auch darum, so Anger, ein genaueres Bild von Afrika zu vermitteln. "Viele Menschen verbinden Afrika bis heute nur mit Krieg und Hunger. Aber dieser Kontinent ist viel weiter." Gerade weil - wie es die Kinder zeigten - viele Menschen aus der Not eine Tugend machten. "So gibt es etwa in Tansania, Kenia, Mosambik und Nigeria längst mobile Bezahlsysteme über Handys, weil in den Dörfern keine Bankfilialen existieren", so Anger. Überhaupt: Das Festnetzzeitalter zum Telefonieren wurde vielerorts aus technischen und finanziellen Gründen übersprungen, Mobiltelefone sind gang und gäbe. Auch werde an manchen Schulen längst mit Tablets gearbeitet. Es gibt Blogger und Influencer, es gibt Universitäten und Forschungszentren. Eine Soap-Film-Industrie in Nigeria. Modedesign aus Simbabwe und Südafrika. "Und im Parlament in Ruanda sitzen mehr Frauen als Männer", zählt Anger auf. Es sind Schlaglichter, die zeigen, dass Afrika mehr als Krieg und Hunger ist. Dass die Menschen, so Anger, "mit Fröhlichkeit, Offenheit und Mut vielen Widrigkeiten trotzen".

Horst Köhler hatte damals in den Ausstellungskatalog geschrieben: "Die Ausstellung zeigt einer größeren deutschen Öffentlichkeit nicht nur, was in den Kindern steckt. Der Schaffensreichtum und der Optimismus dieser Kinder zeigen darüber hinaus, was in dem Kontinent Afrika steckt."

Die Ausstellung "Global Players" ist vorerst bis Ende des Jahres in der zweiten Etage im Solaris-Turm in Chemnitz, Neefestraße 88, montags bis freitags von 8 bis 17 Uhr zu sehen. Eintritt frei. Kontakt: 0371 4959970.

www.solaris-fzu.de

www.gemeinsam-fuer-afrika.de

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