Und was wird mit den Festivals?

Kein Sommerwochenende, an dem nicht irgendwo eine große Open-Air- Veranstaltung stattfindet: Normalerweise! Doch aktuell ist die Branche wie gelähmt: Niemand glaubt, dass der Sommer wie geplant stattfinden kann, aber jeder hofft, dass so viel wie möglich davon doch noch zu retten ist.

Chemnitz.

Nach dem am Wochenende beschlossenen Kontaktverbot und der immer weiter um sich greifenden Covid19-Pandemie gibt es kaum eine Vorstellung, die absurder erscheint, als sich mit mehreren tausend Menschen dicht gedrängt vor eine Bühne auf einem Festival zu stellen: Ob Stadtfest oder Rock am Ring, ob Open-Air-Rave im Wald oder Wave-Gothik-Treffen - welche Folgen der Virus für die Open-Air-Saison bringt, kann aktuell niemand mit Gewissheit sagen, doch spätestens mit der Absage der 50. Auflage des englischen Großfestivals Glastonbury letzte Woche macht sich allmählich Unruhe breit: Mit jährlich über 200.000 Besuchern gehört es weltweit zu den wichtigsten Open-Air Großevents der Popkultur. Was heißt es also, wenn die Veranstalter jetzt einschätzen, die Durchführung der für Juni geplanten Großveranstaltung wäre ein zu großes Risiko, da man dazu in mehreren Monaten Arbeit auf engstem Raum die Infrastruktur für die Besuchermenge aufbauen müsse - das sei unmöglich zu organisieren, ohne Menschenleben zu gefährden. In der Pressemitteilung der Betreiber heißt es außerdem: "Diese Absage wird schwerwiegende finanzielle Auswirkungen haben - nicht nur für uns, sondern auch für die Lieferanten, Händler, lokalen Landbesitzer und unsere Gemeinde des Festivals." Dass die Festival-Saison im Sommer so stattfinden kann wie in jedem Jahr, glaubt wohl mittlerweile niemand mehr. Die bange Frage bei Fans, Künstlern und Veranstaltern ist jedoch: Was ist eventuell zu retten? Und was muss definitiv gestrichen werden?

In Deutschland finden jedes Jahr zwischen Mai und September etwa 1600 Großveranstaltungen unter freiem Himmel statt. Die Festivalbranche ist dabei längst ein wichtiger Wirtschaftszweig geworden: Rund zwei Milliarden Euro werden mit den Veranstaltungen jährlich umgesetzt. "Unter dieser Betrachtung sind allerdings auch alle möglichen Stadtfeste oder Orgelfestspiele geführt. Unter dem Begriff 'Musikfestival' fallen schätzungsweise 500 Veranstaltungen", sagt Jonas Seetge, Sprecher des Arbeitskreises "Festivalkombinat" der Live-Musik-Kommission und ehemaliger Programmgestalter des Kosmonaut-Festivals. Seetge verbrachte die letzten Wochen durchgehend am Telefon und vor der Kamera seines Laptops, denn er verdient in mehreren Instanzen sein Geld im Veranstaltungsgewerbe. Als Freiberufler ist er etwa verantwortlich für die Programmgestaltung des "Puls Open Air" bei Geltendorf in Bayern. Als Teil des "Festivalkombinats" berät er in einem neu gegründeten Krisenstab Ministerien über Maßnahmen, die einer ganzen Branche das Leben retten sollen. Denn im schlimmsten anzunehmenden Fall könnte es in diesem Sommer kein einziges Konzert unter freiem Himmel geben: "Dann bricht ein elementarer Teil der Kulturszene weg. Der Markt ist natürlich sehr unterschiedlich und es ist schwierig, eine für alle geltende Aussage zu treffen. Aber egal ob privatwirtschaftlich oder von Vereinen organisiert - viele Festivals könnten so ein Szenario nicht überleben."

Doch wie in vielen anderen Branchen kann von Planungssicherheit keine Rede sein, wenn sich die Nachrichten beinahe täglich überschlagen. Ein Festival zu organisieren, das ist mittlerweile ein Job für 365 Tage: Nicht selten werden bereits bei der laufenden Veranstaltung die ersten Absprachen für die Auflage im nächsten Jahr getroffen. Viele unterschiedliche Gewerke, Firmen und Menschen sind zu koordinieren und Verträge oftmals schon im Vorjahr abgeschlossen worden. Und: Je größer das Festival, umso komplexer und verzweigter die daran hängenden Verpflichtungen, vor allem, was das Programm angeht: Internationale Headliner, in den meisten Fällen die Garanten für ausreichend Publikum, spielen so gut wie nie exklusive Festival-Shows - diese sind meist in zusammenhängende Festival-Touren quer durch Europa eingebunden. Bedeutet: Ein fertiges Programm lässt sich nicht einfach auf ein anderes Datum verschieben, sondern muss in so einem Fall neu erstellt werden.

Bisher gibt es unter den deutschen Festivals keine offiziellen Absagen. Viele Fans haben bereits ihre Karten, um die restlichen würde traditionell gerade jetzt gebuhlt werde - doch wegen Corona ist alles auf Standby, offensive Werbung für einen Kartenvorverkauf ist in der aktuellen Lage nicht drin. Größere Vertreter wie "Deichbrand", "Splash!" oder "Rocco Del Schlacko" geben sich daher in Internet-Kampagnen unter dem Hashtag "#festivalstandunited" solidarisch untereinander sowie mit dem Publikum - und vermeiden strikt Spekulationen über drohende Absagen: "Indem wir unsere Festivals diesen Sommer durchführen, können wir ein wichtiger Teil im Kampf ums Überleben einer ganzen Industrie sein. Wir schulden es der Gemeinschaft, der Musik, der Kunst und der Kultur, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen", heißt es in einer offiziellen Erklärung. Dass sich konkurrierende Veranstalter hier zusammentun, zeigt das Problem relativ gut auf: Wenn ein Festival fällt, dürfte es sofort ein paar andere mit sich reißen: Niemand würde jetzt annehmen, dass eine Veranstaltung stattfindet, nachdem die eine Woche zuvor bereits abgesagt wurde. Denn ein großer Teil der Veranstaltungen ist teilweise programmatisch, infrastrukturell oder sogar firmenübergreifend miteinander verbunden. Wenn das weltweite Tournee-Geschäft bis zum Sommer nicht wieder seinen normalen Betrieb aufgenommen hat, wird es zusätzlich Absagen von internationalen Bands und Künstler*Innen hageln, die im aktuell abgeschotteten Europa ohnehin gar nicht oder nur mit sehr vielen Strapazen reisen können. Das trifft letztlich auch jede Menge Dienstleister wie Technikverleihe, Bus- und Autovermietungen und unzählige Selbstständige, die in der Veranstaltungsbranche arbeiten. In der Wertschöpfungskette der Industrie sieht Seetge die Festivals als letztes Glied - und somit auch stark gefährdet. "Ich will mich nicht unbedingt zu einer Zahl hinreißen lassen, aber am Ende des Sommers könnte es durchaus sein, dass die Hälfte der Festivals in Deutschland nicht mehr existiert, viele Künstler*Innen sagen, ich kann nicht weiter meine Musik machen, und Künstleragenturen ihre Mitarbeiter*Innen nicht mehr bezahlen können. Das ist aber klar der absolute Worst Case." Ob nun politische Hilfspakete diese Entwicklungen aufhalten können oder die Lösung aus der Industrie selbst kommt, lässt sich aktuell noch nicht sagen. (mit tim)


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