Unkonventioneller «Tatort» verschreckt Publikum

Die neue "Tatort"-Saison startete am Sonntag mit Paukenschlag: Die Folge aus der Schweiz um ein Orchester hatte eine miese Quote wie selten - und erinnerte doch an einen Meister der Filmkunst.

BerlinWieder ein "Tatort", über den sich diskutieren lässt. Zumindest unter denen, die die Folge "Die Musik stirbt zuletzt" am vergangenen Sonntag überhaupt gesehen haben. Denn: Weite Teile des Fernsehpublikums zeigten dem Schweizer ARD-"Tatort" die kalte Schulter. Nur 4,79 Millionen Zuschauer verfolgten den Krimi. Zum Vergleich: Als bislang schwächster "Tatort"-Krimi in der jüngeren Vergangenheit galt der 130 Minuten lange Kinofilm "Off Duty" mit Til Schweiger am 8. Juli dieses Jahres, der 5,34 Millionen Zuschauer hatte. Den Minusrekord hält der Berliner "Tatort" mit dem Titel "Ein Hauch von Hollywood", der ausnahmsweise in einer Montagnacht im Sommer 1998 gezeigt wurde. Ihn sahen lediglich 1,11 Millionen Menschen. Ein guter "Tatort" dagegen erreicht in der Regel um die neun, auch über zehn Millionen Zuschauer.

Nun kann sich die geringe Quote vom vergangenen Sonntag auch damit erklären lassen, dass bei der Zeitrechnung der Fernsehmacher der Fernsehzuschauer nicht mehr hinterherkommt und glattweg verpasst, dass an einem 5. August mitten im Sommer die "Sommerpause" der Krimi-Reihe beendet wird. Von daher kann diese Quote auch in einem gnädigen Licht gesehen werden. Zumal sich bei dieser Folge die Macher an ein lohnenswertes Experiment wagten: Regisseur Dani Levy ließ sie in einer einzigen Kamerafahrt drehen, das heißt ohne Schnitt, ohne Pause, ohne Korrektur, ohne Perfektion zu schleifen. Und das kann auf den Zuschauer einen ungeahnten Sog ausüben.

Der Inhalt der Geschichte drehte sich - kurz gesagt - um ein Orchester mit jüdischen Musikern, das sich einem Sponsor gegenübersieht, dessen Weste nicht so weiß ist, wie sie auf den ersten Blick aussieht. Es geht um schönen Schein und verkommene Moral. Handlungshauptorte: ein Konzertsaal, sein Backstagebereich und der Eingangsbereich unter freiem Himmel. Es lässt sich darüber streiten, ob am Ende nachvollziehbar war, warum wer wie gehandelt hat. Die Geschichte war zwar durchaus plausibel zu Ende erzählt, aber ein gewisses Chaos zwischen Handelnden und Erzählsträngen lässt sich nicht leugnen. Doch dieses Chaos war gut für die Kameraführung an einem Stück. Der Kameramann, der alle Protagonisten einfangen muss, rennt ihnen teilweise hinterher, dass die Szenerie nur so wackelt, rückt den Darstellern von hinten auf die Pelle, bis man die Schuppen auf dem Jackett zu sehen glaubt, dreht sich um sie, zwängt sich durch Türen oder wird aus diesen hinausgeschoben. Und so nimmt die Kameraführung den Zuschauer zwangsläufig mit in diese Hektik im und um den Konzertsaal. Dazu wird der Zuschauer auch noch von einem Erzähler direkt angesprochen - manchen stört das, manchen nicht. Fakt aber ist: Solche Filme ohne Schnitt sieht man heute selten. Als ein Meisterwerk in ähnlicher Technik gilt Alfred Hitchcocks "Cocktail für eine Leiche".

Und so sagte am Montag auch ARD-Programmdirektor Volker Herres, dass angesichts des Stoffs, der Umsetzung und des experimentellen Ansatzes die Quote für den Krimi mitten in der Sommerhitze "ein sehr respektables Ergebnis" sei. Und die "Tatort"-Kritik beim Magazin "Spiegel" befand: großes Kino, 9 von
10 Punkten. (mit dpa)

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