Unverzeihlich respektlos

Die Semperoper startet mit Gioachino Rossinis "Reise nach Reims" in die neue Saison - mit einem kapitalen Fehlgriff.

Dresden.

Mit der Wiederbelebung vergessener oder verloren geglaubter Partituren schmückt sich jedes Opernhaus gern. Nicht immer erweist diese sich jedoch als berechtigt. Zumal, wenn der Urheber sein Stück selbst als Gelegenheitswerk betrachtet hat. So war es auch bei Gioachino Rossini, der 1825 zur Krönung des französischen Königs KarlX. seine "Reise nach Reims" als letzte italienischsprachige Oper komponierte, um dem Herrscher zu huldigen und seine besten Sänger zu präsentieren. Warum über den nicht unwesentlichen Fakt hinweggegangen wird, dass er sein Stück danach sogar selbst zurückzog, um die (übrigens grandiose) Musik für seine französischen Stücke zu recyceln, bleibt seit der Wiederentdeckung 1984 ein Rätsel.

Schließlich liegt die dramaturgische Schwäche schon allein darin, dass es sich nicht um eine Handlungsoper im eigentlichen Sinne handelt - Rossini nannte sein Gelegenheitswerk nicht umsonst eine "szenische Kantate". Denn es passiert nichts weiter, als dass Adlige verschiedener Nationalitäten in einer Nobelherberge auf die Abreise nach Reims warten, wo sie eben der Krönung des französischen Königs beiwohnen möchten. Als sie erfahren, dass die Reise ausfallen muss, laben sie sich am Bankett und verhandeln nebenbei ein paar Liebesaffären. Das Ganze dauert belcantowürdige knappe drei Stunden und ließ schon damals den König gähnen.

Semperopernintendant Peter Theiler programmierte "Die Reise nach Reims" schon in seiner Nürnberger Zeit mit Regisseurin Laura Scozzi, die nun auch in Dresden die Eröffnungspremiere der Saison inszeniert. Ihr Konzept, die dünne Story in der EU-Kommission anzusiedeln und die Adligen zu deren Mitgliedern zu erklären, die bei allen nationalen Unterschieden doch endlich "in Vielfalt geeint" sein wollen, scheitert vollständig am Mangel an innerer Logik. Ihren Anspruch, die europäische Idee propagieren und auf deren beständige Bedrohung hinweisen zu wollen, was sogar nach der Pause mit Beethovens spontan beklatschten konzertanter "Ode an die Freude" untermauert wird, torpediert Scozzi von Beginn an selbst: Sie reitet vor allem auf dem verbreiteten Klischee herum, die Abgeordneten bedienten vornehmlich privat geleitete Interessen. Zugleich stellt die Regisseurin ihre eigene grenzenlose Naivität zur Schau. Die Kostüm- und Schlipsträger in Brüssel halten bei ihr am meisten von der Idee, sich selbst zu bereichern - und sei es am Büfett. Diesen Akteuren die europäische Verständigung anzuvertrauen, wäre wohl eher ein großer Fehler. So hinken Scozzis Vergleiche grundlegend und überall.

Dafür ist der Ausstattungsaufwand auf einer der Last offenbar nicht gewachsenen, bei jeder Bewegung hörbar knarzenden Drehbühne gigantisch. Gläserne Flure und Aufzüge, ein Büro mit natürlich kaputtem Kopierer und ein üppig bestuhlter Konferenzsaal bestimmen das Bild, das per Gangway auch mal zum Flughafen wird. Weil wir doch so gern Frieden möchten, zieht ein Zauberkünstler eine weiße Taube nach der anderen aus der zusammengefalteten Europafahne, als Gräfin Corinna als blau gewandete Europa von ihren Idealen singt, was Elena Gorshunova sehr schön macht. Auch die Maske hat alle Hände voll zu tun: Alle europäischen Herrscher inklusive eines böse-muskulösen Putin (der in der EU eigentlich nichts zu suchen hat, aber auch das ist egal) tauchen als winkende Komparsen auf und wieder ab. Sie haben nur die Funktion, das fernsehverwöhnte Publikum "abzuholen", wie es so schön dumm heißt. Auch der größte Opernmuffel kann damit behaupten: Ich habe mich amüsiert, die Fratzen kannte ich doch! So verursacht die temporeiche Slapstick-Inszenierung viele schnelle Lacher, aber sie zielen eher auf die Oberflächlichkeit der Euroskeptiker, die sich bestätigt fühlen dürfen. In die Tiefe geht hier gar nichts.

Das ist doppelt ärgerlich, weil die Regie nicht nur kontinuierlich sich selbst widerspricht, sondern auch wenig Rücksicht auf die grandiose Musik nimmt, deren buchstäbliche Langatmigkeit dem Belcanto nun mal eigen ist. Offensichtlich fürchtet Scozzi nichts so sehr wie Langeweile, und so pflastert sie fast jede der wunderbaren Gesangsnummern - nur das beglückende A-cappella-Concertato für 14 Stimmen bleibt unangetastet - mit möglichst parallelen Aktionen zu. Das lenkt nicht nur das Publikum von der Musik ab, sondern auch die 17 Solisten. Liefert sich etwa Edgardo Rocha als russischer Graf von Libenskof mit Maria Kataeva als seiner polnischen Geliebten ein hoch kompliziertes Duett, muss er diesen Konflikt mit ihr im Fernsehstudio debattieren, simultan übersetzt vom ach so witzigen Gebärdendolmetscher. Natürlich konzentriert sich die Aufmerksamkeit ganz TV-gemäß auf dessen Aktionismus, während die Gesangspartien Nebensache bleiben. Abgesehen vom fehlerhaften Konzept ist diese inszenatorische Respektlosigkeit der Musik gegenüber unverzeihlich.

Das ist umso bedauerlicher, als Francesco Lanzillotta am Pult der wiederum famosen Sächsischen Staatskapelle ohnehin alle Hände voll zu tun hat, Bühne und Graben zusammenzuhalten. Kein Wunder, dass ihm dies nicht immer gelingt. Dafür fördert seine charmante Italianità bei der schwerblütigen Strauss- und Wagnerwunderharfe, zu deren Lieblingsrepertoire Rossinis bedingungslos sängeraffine Musik nun nicht gerade gehört, eine erstaunliche Leichtigkeit zutage - die Staatskapelle kann auch so flirrend und frisch klingen, dass sie völlig berechtigt den uneingeschränkten Jubel am Schluss verdient.

Der ist im Prinzip auch bei den Solisten gut angelegt, auch wenn gerade die Tenöre zuweilen silbrigen Belcantoglanz und semperwürdige Durchschlagskraft vermissen lassen. Da ist an manchen Stellen noch Luft nach oben. Das wiederum weiß der hervorragend präsente Staatsopernchor mühelos auszugleichen. Und wer wollte es auch den Solisten verdenken, dass sie nicht immer bei der Sache sind, die sie am besten können: singen.

Weitere Vorstellungen der Oper "Die Reise nach Reims" in der Dresdner Semperoper am 3., 20. und 25. Oktober sowie 4. November, 19 Uhr, am 6. Oktober, 14 Uhr und am 9. Oktober, 19.30 Uhr. Kartentelefon 0351 4911705. www.semperoper.de

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