"Wartenauf Godot"-Premiere in Freiberg: Flucht aus Absurdistan

Mit der ersten Premiere der Spielzeit, Samuel Becketts"Wartenauf Godot", ist dem Mittelsächsischen Theater gleich ein großer Wurf gelungen. Umso schöner, da Beckett wohl Freiberg sogar besucht hat.

Freiberg.

Ein kleines Riesenrad dreht sich, die Lebensfahrt geht auf und ab. Ein Baum hängt verkehrt über dem Boden der Hinterbühne des Mittelsächsischen Theaters Freiberg - die Welt ist aus den Fugen. Der Mond will sich wie eine Scheibe sanft auf die Erde legen. Darunter sitzt das Publikum. Auf der Bühne liegt ein kleiner Junge, bis sie kommen: Wladimir und Estragon, zwei arme Landstreicher, Tramps, Flüchtlinge. Hier bei dem Baum sollen sie warten, auf Godot. Aber er kommt nicht. Nicht, wenn Estragon sich mühsam den Schuh auszieht. Nicht, wenn Wladimir fragt, ob sie sich nicht lieber trennen sollten. Nicht, wenn sie überlegen, sich haufzuhängen. Nicht, wenn sie einander umarmen. Stattdessen kommen Pozzo und Lucky. Pozzo, der Herr, führt Lucky, seinen Knecht, an der Leine. Pozzo ist reich, selbstzufrieden und etwas rassistisch, wenn er zu den beiden Wartenden sagt: "Sie sind auch nicht von hier." Und: "Sie sind aber doch menschliche Wesen." Und Lucky kann auf Befehl denken, aber, sagt er: "... leider leider aufgegeben unvollendet der Kopf der Kopf."

Becketts berühmtes, 1952 veröffentlichtes Stück "Warten auf Godot" markierte den Beginn einer neuen Theaterepoche, und lange galt es als "absurd" in dem Sinn, dass es sich nicht genau einer bestimmten Situation in seiner Zeit, der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, zuordnen lasse, dass es die ewige Absurdität menschlichen Lebens spiegele, dem wir nicht entfliehen können. In dem wir aber wohl auf Erlösung warten, auf Godot vielleicht, in dem das Wort "Gott" steckt - an den Beckett aber nicht gedacht hat.

Die Freiberger Inszenierung von Regisseur Ekkehardt Emig aber ist anders. Sie berücksichtigt, dass der französische Lehrer und Theaterenthusiast Pierre Temkine erst vor wenigen Jahren entdeckte, dass es in Becketts Werk doch versteckte, aber zahlreiche Anspielungen auf eine konkrete historische Situation für Wladimirs und Estragons Warten auf der mondbeschienenen Wiese vor der Stadt gibt. Danach werden die beiden zu jüdischen Flüchtlingen vor dem Faschismus, ganz nach der Antwort, die Beckett selbst auf die an ihn weitergegebene Frage von Bertolt Brecht "Wo waren Wladimir und Estragon im Zweiten Weltkrieg?" hatte: "Sie waren in der Résistance." Wie Beckett auch, der darum aber nie großes Aufheben machte.

Dieses Wissen macht das Stück nicht zum "Zeitstück", zumal Beckett viele Anspielungen aus der gültigen Fassung und den Übersetzungen tilgte. Aber so spielt das Ensemble im sparsamen, aber eindrucksvollen Bühnenbild von Hans Ellerfeld die Geschichte der beiden Heimatlosen nicht als nihilistische Groteske, sondern als warmherzige Tragödie aller, die nach einem sicheren Ort in der Welt suchen. Ralph Sählbrandt gibt Estragon einen mitfühlend melancholischen Optimismus, dem sich auch Wladimir nicht entziehen kann, kongenial zwischen Nähe und Distanz, im Sinne des Wortes, schwankend gespielt von Martin Ennulat. Robert Kapelle als Pozzo gibt dem "Bösen" ein Gesicht, hinter dem man die Last ahnt, die es bereiten kann, böse zu sein. Und der Slowake Peter Peniaska manifestiert in Luckys Monolog, dass Denken traurig macht - und härter, als man es sein will. Während der kleine Junge, gespielt von Matilda Schönherr, mit wenigen Gesten die Hoffnung ausstrahlt, die Wladimir und Estragon längst verloren zu haben glauben.

Vor allem aber spielt das Ensemble das Stück so gut, dass ihm auch manches Schwierige, Kryptische genommen wird, dass es als Szene aus dem wahren, aber ins Absurde entfremdeten Leben verstanden wird, das den Menschen nicht zu sich selbst und manchmal auch nicht zu seinesgleichen kommen lässt. Damit gewinnt das Stück - ohne jede direkte Anspielung oder zu leicht durchschaubare, belehrende Metapher - eine Aktualität, die mitfühlend und bestürzt macht. Das immer wieder kurze Aufflackern von Menschlichkeit, Wärme, Zuneigung, Solidarität trägt bis zum Ende, da Wladimir und Estragon ungesagt verstanden haben, dass sie ihr Leben selbst gestalten müssen, wenn es ein menschliches Leben werden soll. "Und wenn er kommt?" fragt Estragon. "Sind wir gerettet", antwortet Wladimir. "Also gehen wir?" fragt Estragon. Ob die Flucht aus Absurdistan gelingt, liegt trotzdem nicht allein in ihrer Hand.

Es gab sehr viel Applaus zur Premiere am Samstagabend. Zusätzlichen Reiz bekommt das Stück in Freiberg dadurch, dass aus Becketts Tagebüchern hervorgeht, dass er auf einer Reise durch Deutschland 1937 auch einige Stunden in der Bergstadt war. Für diese Inszenierung seines Stücks käme er aus dem Himmel vielleicht noch einmal zurück.

Weitere Aufführungen von "Warten auf Godot" im Theater Freiberg am 14. September, 8. und 15. Oktober, 10., 17. und 31. Januar 2020, 19.30 Uhr sowie 25. Februar, 14.30 Uhr und 1. März, 19 Uhr. In Döbeln am 16. November 19.30 Uhr, am 2. Februar 17 Uhr. Ticket-Hotline 03731 358235.

http://www.mittelsaechsisches-theater.de/

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