"Warum erzählt ihr mir das?"

Hollywood-Star John Malkovich über seinen neuen Film "Bird Box" auf Netflix, die Informationsflut der heutigen Zeit und seine Sicht auf die Welt

Im neuen Thriller "Bird Box" von Oscar-Preisträgerin Susanne Bier zwingt eine unbekannte Kraft Menschen weltweit in den Freitod. Der Film ist seit Ende Dezember auf Netflix verfügbar. Neben Sandra Bullock brilliert Hollywood-Star John Malkovich in der Rolle des Douglas, unter dessen Dach sich eine ethnisch bunt gemischte Gruppe Überlebender versammelt. Douglas entscheidet, wem man Einlass gewährt und wem der sichere Tod droht. André Wesche fragte John Malkovich, welche Gefahren er in der heutigen Gesellschaft fürchtet - und der Schauspieler antwortet mit ziemlich vielen Fragen seinerseits. Dabei zeigt sich: Viel Vertrauen in die Welt hat Malkovich eher nicht. Und mit Informationen steht er ein bisschen auf Kriegsfuß.

Freie Presse: Herr Malkovich, Filme wie "Bird Box" sind häufig eine Metapher für aktuelle soziale und politische Probleme. Inwiefern sehen Sie den Film unter diesem Aspekt?

John Malkovich: Tatsächlich scheint das Skript etwas anzusprechen, was momentan vielen Menschen Kopfzerbrechen bereitet. Es sind Fragen wie: Was ist eine Gemeinschaft? Breitet sich unsere Gesellschaft aus oder zieht sie sich vielmehr zurück? Und wie können wir verhindern, dass sie auseinanderbricht? Diese Ungewissheiten treiben derzeit Menschen überall auf der Welt um. Vor allem aber in der westlichen Welt, zum Beispiel in Amerika, Kanada, Zentralamerika, Mexiko, Deutschland, Skandinavien, Spanien, Frankreich. Und fast jede Nation würde unterschiedlich auf diese Fragen antworten, vor allem auf Grund der eigenen Kultur. Außerdem wird sich die Reaktion eines Landes von vor zwei Jahren deutlich von der heutigen unterscheiden. Ein Teil des Films zeigt exemplarisch die Reise einer Gemeinschaft. Nur wenige Menschen überstehen diese Reise, um ihre Gesellschaft neu zu entdecken.

Das Ensemble im Film muss mehrmals darüber entscheiden, wem die Tür geöffnet wird und wem nicht. Auch diese Frage ist sehr aktuell.

Ja. In der anfänglichen Kommune scheint die Figur, die von B. D. Wong gespielt wird, in die Gemeinschaft zu passen und sich um sie zu kümmern. Andere hingegen denken nicht einmal über Gemeinschaft nach. Manche Menschen heißen Außenstehende willkommen, andere nicht. Manchmal stellen sich diese Instinkte als begründet heraus, aber manchmal tun sie es nicht. Das ist sehr interessant. Ich denke, dass man momentan selbst den Personen nicht traut, die der eigenen Gemeinschaft angehören. Wer offen eine Meinung vertritt, wird von seinen Mitmenschen gehasst, die das Gegenteil denken. Dann ist das Ganze schon keine Gemeinschaft mehr. Die Gesellschaft löst sich auf. Das ist das Interessante an "Bird Box": Der Film reflektiert, was in der Welt geschieht.

Wie gelingt es Ihnen, einen so undurchsichtigen Charakter wie Douglas so sympathisch zu machen?

Vielleicht mögen Zuschauer Film-Charaktere, die es wagen, zu ihren Entscheidungen zu stehen. Womöglich mögen sie sogar im echten Leben Leute, die aussprechen, was ihnen durch den Kopf geht. Ich denke, je mehr sich der Empörungsmob echauffiert, desto mehr wird seine Botschaft ignoriert. Ist Douglas paranoid oder rückständig? Ich weiß es nicht. Ist er Alkoholiker? Wahrscheinlich schon. Hat er ein Wutproblem? Ja, kann sein. Hegt er ein Misstrauen gegenüber anderen Menschen, das schon zum Krankhaften neigt? Vielleicht. Aber vielleicht mögen Leute Menschen, die ihre Gedanken frei aussprechen. Gedanken wie: Deine wirklich herzerwärmende Idee ist einfach bescheuert. Man kann genau nachvollziehen, warum sie das denken. Ich kann nicht genau sagen, was Douglas sympathisch macht. Ich denke nicht, dass er eine niederträchtige Person ist. Er ist jemand mit einem gesunden Maß an Angst, Wut und Misstrauen. Manchmal auch aus gutem Grund.

Was ist nach Ihrer Meinung die wahre, zerstörerische Kraft unserer Zeit?

Information. Ich sehe die Welt so: Ich sitze in meinem Haus. Jemand klopft an die Tür und bittet mich, eine Petition zu unterschreiben. Er sagt, dass alle diese Bäume in meiner Umgebung krank sind und wir etwas dagegen unternehmen müssen. Eine Seite wird sagen, die Bäume werden es überstehen. Wir besprühen sie einfach mit etwas Organischem, Nachhaltigem und möglichst Glutenfreiem und dann leben sie ewig. Die andere Seite sagt, man muss sie abholzen und verbrennen, weil sich die Krankheit sonst verbreitet. Und dann frage ich: Entschuldigen Sie, wer ist denn nun der Botaniker? Vor einigen Jahren gab es da einen sehr schönen Roman. Ich habe darüber nachgedacht, ihn zu verfilmen. Er wurde von Ted Mooney geschrieben und heißt "Easy Travel to other Planets". Ein Thema, das im Buch behandelt wurde, hieß "Informationskrankheit". Wir bekommen täglich neue "wissenschaftliche" Informationen. Erst heißt es, Schokolade ist gut für dich. Dann ist sie wieder schlecht. Ich warte nur auf eine Studie, die behauptet, man müsse dauerhaft betrunken sein und mindestens drei Packungen ungefilterte Zigaretten am Tag rauchen, damit man alt wird. Ich bin mir absolut sicher, dass das kommen wird.

Welchen Fragen müssen wir uns also stellen?

Es wird behauptet, dass eine Person böse ist. Diese Person ist korrupt, diese ist schrecklich, diese ist ein Genie, diese wird die Welt retten. Und so weiter, und sofort. Es ist schwierig zu sagen, was davon stimmt - falls überhaupt etwas stimmt. Die Frage, die sich mir dann immer stellt und die ich die Medien nur allzu gern fragen würde, ist: Warum erzählt ihr mir das? Für mich ist das die wichtigste Frage überhaupt. Nicht "was" erzählt ihr mir, sondern "warum" erzählt ihr mir das? Und wisst ihr überhaupt wirklich etwas darüber? Verstehen Sie, was ich meine? Wie ist es eigentlich um die Qualität der Informationen bestellt, auf denen wir unsere Entscheidungen begründen? Wissen wir heute mehr? Ich weiß es nicht. In den 60ern, 70ern und 80ern hatte ich das Gefühl, dass ich glauben könnte, was man mir erzählt. Zurückblickend war das nicht der Fall. Manche Dinge waren vielleicht wahr, aber ich weiß nicht, wie viel. Und glauben Sie mir: Ich bin weit davon entfernt, paranoid zu sein. Kann ich einer Hotelbewertung im Internet vertrauen? Hat die Person überhaupt Zeit in diesem Haus verbracht? Oder wurde die Bewertung vom Hotelbesitzer verfasst oder von einer dafür bezahlten Person? Als ich jung war, standen solche Bewertungen in der Zeitung. Und warum sollte man denken, dass sie nicht der Wahrheit entsprachen? Wenn es in der "New York Times", dem "Wall Street Journal" oder in der "Süddeutschen" stand, dann dachte man sich: Okay, das klingt gut. Oder auch schlecht. Aber wie kann man das heute noch wissen? Das ist eine Art Informationskrankheit.

Aber wie trennt man die Spreu vom Weizen?

Es ist sehr merkwürdig für mich, dass man immer von "sozialen Medien" spricht, wo sie doch so offensichtlich gesellschaftsfeindlich sind. In meiner Rede zur High-School-Abschlussfeier meines Sohnes habe ich gesagt: Seid vorsichtig, woher ihr eure Informationen bezieht! Natürlich kann eine durchschnittliche Person kaum eine Behauptung bestätigen oder widerlegen. Glücklicher- oder unglücklicherweise hat es auch ein paar Vorteile. Man ist gezwungen, auf Basis der eigenen Erfahrungen zu handeln, nicht nach den Erfahrungen anderer. Ich kann anderen irgendwie vertrauen, aber ich muss mich immer fragen, warum sie mir das erzählen. Wollen sie nur ihre Tugendhaftigkeit herauskehren? Denn diesem Trend folgen die meisten. Oder sind sie freie Denker? Ich denke, dass es nicht viele von denen gibt. Ist man wirklich ein freier Denker, wenn man glaubt, dass unsere Zeit sehr vielversprechend ist und keine schreckliche Zeit für freie Denker? Und welche Dinge lohnt es sich gar nicht erst anzupacken, weil der Empörungsmob sonst wieder jammert?

Aber will man nicht auch manchmal einfach nur Dinge glauben?

Es gibt viele Dinge - einige davon sind bestimmt ziemlich bescheuert -, die ich gerne glauben würde. Aber es wäre nicht klug, das zu tun. Es ist wie in dieser Anmerkung, die oft Zhou Enlai zugesprochen wird. Er war von 1949 bis 1976 Premierminister der Volksrepublik China. Als er nach dem Ausgang der Französischen Revolution gefragt wurde, antwortete er, dass es selbst jetzt, einige hundert Jahre danach, noch zu früh sei, um darauf eine Antwort zu geben. Eine wahre Legende. Sie spiegelt wider, was ich über die meisten aktuellen Dinge denke. Wirklich? Wer hat dir das erzählt? Hast du es gelesen? Verfolgst du das regelmäßig? Und glaubst du das wirklich oder willst du das nur glauben? Denn das ist ein himmelweiter Unterschied.

Blicken Sie optimistisch in die Zukunft?

Nein. Aber ich habe auch keine pessimistische Einstellung. Mit anderen Worten: Ich weiß es nicht. Werden die Menschen es lernen, Technologien so einzusetzen, dass sie den Menschen helfen? Womöglich. Denke ich, dass sie das bis zur heutigen Zeit getan haben? Ja, teilweise. Aber bin ich aus einem besonderen Grund entschieden optimistisch? Nein. Unglücklicherweise lehrt uns die Geschichte, dass Menschen zu allem fähig sind. Und nicht nur das. Sie sind auch dazu in der Lage, all ihre Fehler wieder und wieder zu wiederholen. Da ist es natürlich schwierig, zum internationalen Klub der Optimisten zu gehören. Die Geschichte hat für uns ein paar unschöne Überraschungen bereitgehalten. Und nicht nur in Deutschland, sondern in den meisten Ländern. Das Leben vieler Menschen wurde durch alle möglichen Neuerungen elendig. Ist auch das etwas besser geworden? Ich denke durchaus, dass sich vieles verbessert hat. Aber glaube ich auch, dass es wieder schlimmer werden könnte? Oh ja, ohne jeden Zweifel.

Von der Schulzeit an auf der Theaterbühne unterwegs

John Gavin Malkovich kam am 9. Dezember 1953 in der Stadt Christopher im Franklin County (Illinois) zur Welt. Seine Großeltern väterlicherseits stammten aus Kroatien, seine Mutter hatte deutsche, französische und britische Wurzeln. Vater
Daniel Leon Malkovich war Chef der Umweltschutzbehörde. Außerdem gab er ein Umweltschutzmagazin heraus, an dem auch Mutter Joe Anne mitwirkte, die ihrerseits eine Tageszeitung besaß. John hat einen älteren Bruder und drei jüngere Schwestern.

Schon an der Benton Consolidated High School spielte Malkovich regelmäßig in Theater- und Musicalaufführungen mit, darüber hinaus sang er in einem Gospelchor. Er studierte an der Eastern Illinois University sowie an der Illinois State University und schloss das Fach "Theater" erfolgreich ab. Der Künstler gehört zu den Gründungsmitgliedern der renommierten "Steppenwolf Theatre Company" aus Chicago (1976). Zwei Jahre später huschte er in Robert Altmans Film "Eine Hochzeit" kurz durchs Bild. Gleich für seine erste größere Kinorolle als im Krieg erblindeter "Mr. Will" in Robert Bentons "Ein Platz im Herzen" (1984) heimste Malkovich diverse Ehrungen bis hin zur Oscar-Nominierung ein.

Es folgten Filmklassiker wie "Tod eines Handlungsreisenden" (von Volker Schlöndorff), "Das Reich der Sonne" (Steven Spielberg) oder "Gefährliche Liebschaften" (Stephen Frears). Mit den Actionfilmen "Con Air" und "R.E.D." oder der Musketier-Variante "Der Mann mit der eisernen Maske" zeigte sich der Schauspieler auch offen für das kommerzielle Kino.

1999 ehrte Hollywood den großen Darsteller mit einer bizarren Komödie: In "Being John Malkovich" entdeckt John Cusack eine kleine Tür, die in Malkovichs Kopf führt und dem Besucher erlaubt, die Welt durch dessen Augen zu sehen. Mit "Der Obrist und die Tänzerin" gab der Amerikaner 2002 sein Regiedebüt.

Längere Zeit lebte John Malkovich in Frankreich, heute wohnt er in der Umgebung von Boston. Er ist mit der Regieassistentin Nicoletta Peyran liiert und entwirft Kleidung für sein eigenes Modelabel "Mrs. Mudd". aws

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