Wende, Brüche und Geschichten

Das Festival "Aufstand der Geschichten" ist am Samstag in Chemnitz eröffnet worden - zuerst im Schauspielhaus mit einer ausverkauften Premiere des Figurentheaters, dann im Archäologiemuseum.

Chemnitz.

November 2018, fast 30 Jahre nach der Wende: Die Mauer ist länger weg, als sie da war, die Welt dreht sich gefühlt immer schneller, aber die Wende, der große Bruch in den ostdeutschen Biografien, hallt noch immer nach, derzeit vielleicht lauter als zuvor.

Von solchen Brüchen - von Umbrüchen, Zusammenbrüchen, Einbrüchen, Aufbrüchen im gesellschaftlichen und zeithistorischem Gefüge - erzählt das Festival "Aufstand der Geschichten", das seit Samstag in Chemnitz läuft. Dabei werden die Ereignisse von heute auf die Umbruchgeschichten von gestern bezogen, und die alten, abgegriffenen, vielleicht missbrauchten Geschichten anders, neu erzählt, vorrangig mit Theaterinszenierungen, aber auch mit Vorträgen, Filmvorführungen und performativen Stadtspaziergängen.

Eröffnet wurde das Festival zunächst mit der Premiere des Theaterstücks "Aufstand der Dinge" im Figurentheater des Chemnitzer Schauspielhauses. Mit der Wende wurden zwar blühende Landschaften versprochen, aber brüchige Landschaften hinterlassen. Einerseits wurde den Ostdeutschen lang ersehnte und friedlich erkämpfte Freiheit geschenkt, andererseits wurden Betriebe abgewickelt, Produktionen eingestellt, Mitarbeiter entlassen, Lebens- und Identifikationsgrundlagen abgerissen. Genau davon erzählen die Hauptfiguren im Figurentheaterstück des Berliner Regisseurs und Autors Mirko Winkel. Nur, dass die Hauptfiguren hier Alltagsgegenstände und Konsumgüter sind, die in der DDR, hauptsächlich aber in Karl-Marx-Stadt, produziert und genutzt und dann einfach vergessen wurden - Wendeverlierer wie die legendär laute Tischschleuder und der Kofferföhn also. Beim "Aufstand der Dinge" bekommen sie eine letzte große Bühne, kommen endlich zu Wort, auch wenn die meisten von ihnen gar nicht reden können. So wird das Materielle menschlich gemacht, und man empfindet umgehend Mitleid für die auf dem Abstellgleis gelandeten Produkte wie den Klapphocker KH77, den Treppenhocker mit dem genial funktionalen Design. Dieser wurde im VEB Numerik in Glösa hergestellt, wo eigentlich Starkstromanlagen gefertigt wurden: Über 2000 Mitarbeiter hatte der Betrieb bis zur Wende, danach 23.

Die Dinge erzählen gemeinsam mit den beiden Schauspielerinnen Mona Krueger und Claudia Acker von der Stasi, von der Treuhand, vom schlechten Westfernsehen-Empfang - ein Stück Geschichte, das man wohl in der DNA hat, das man auswendig kann, wenn man vor 1990 geboren wurde, aber nicht, wenn man wesentlich jünger ist. Der "Aufstand der Dinge" ist deshalb ein Stück für Kinder: Es vermittelt Wissen über die DDR, spielerisch und interaktiv, auf erfrischende Art. Wie jedes gute Kinderbuch auch ist es aber gleichzeitig auch ein Stück für Erwachsene: Ein bisschen lustig, ein bisschen traurig, ein bisschen Ostalgie, dabei aber nie pathetisch.

Der zweite, quasi feierliche Teil der Eröffnung von "Aufstand der Geschichten" fand später im Foyer des gut besuchten Sächsischen Museums für Archäologie statt, gemeinsam mit der Eröffnung von "Pochen - Tage des Aufbruchs", einer multimedialen Kunstbiennale rund um das Thema Wismut.

Beide Festivals erzählen auf unterschiedliche Art und Weise über die Region und ihre gesellschaftlichen und sozialen Brüche - "Geschichten", heute auch gern Narrative genannt, ist das große Wort des Abends. Familienministerin Franziska Giffey ist zu Gast, der Soziologe Armin Nassehi und Stefan Heym, der als Puppe kurzfristig Wiederauferstandene, moderiert die Veranstaltung. Immer wieder geht es dabei auch um die Ereignisse im August in Chemnitz, vielleicht ein bisschen zu oft, denn beide Festivals sind unabhängig davon entstanden, sind unabhängig davon gesellschaftspolitisch, und der Zeitstrahl, auf dem wir uns bewegen, zeigt immer nur in die Zukunft, auch in Chemnitz.

Giffey erzählt über ihren Sohn: "Die Dinge sind nicht das, was sie sind, sondern das, was man über sie erzählt", habe er neulich erklärt, ein Satz aus einer "Dreifragezeichen"-Geschichte. Das lässt sich wunderbar auf Chemnitz übertragen, findet sie: "Chemnitz ist nicht das, was es ist, sondern was wir darüber erzählen".

aufstand-der-geschichten.de

 

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1Kommentare
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  • 3
    1
    acals
    05.11.2018

    Der Artikel geht charmant ueber einen kleinen weiteren Aspekt hinweg: Aktuell haengen in der Stadt Plakate wie in besten Wahlkampfzeiten. Es gibt hier auch nur eine Liste, und das Kreuz ist auch schon gemacht worden. Gegenkandidaten: Fehlanzeige. Opposition: Gibt es nicht. Bei der Wahl vor '89 wurde dann ja auch nur gefaltet und eingeworfen, angekreuzt war ja schon.

    Das braucht dann schon etwas laenger den Kindern zu erklaeren was sie im Grundschulalter kaum verstehen, und was fuer sie noch keine Bedeutung hat.

    "Die Dinge sind nicht das, was sie sind, sondern das, was man über sie erzählt"

    Nein, da widerspreche ich: Es ist praezise dargestellt was war - das Unmuendigmachen eines ganzen Volkes. Unterdrueckung ist sprichwoertlich plakativ bestens dargestellt. Ein Lob dafuer.



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