Werner Tübke: Ein Fremder unter Fremden

Im Panoramamuseum Bad Frankenhausen sind frühe Zeichnungen und Gemälde von Werner Tübke, dem Schöpfer des Bauernkriegsmonumentalbildes, zu sehen. Sie deuten schon auf die Brüche im späteren Werk hin.

Bad Frankenhausen.

Sich selbst zeichnete Werner Tübke 1961 als hageren, aufmerksamen Wanderer im Stile der Goethe-Zeit. Usbekische "Rotarmisten" erscheinen wie junge revolutionäre Landadlige, die sich gegen den Zaren auflehnen. Die "russische Bäuerin" ist eine edle, ernste, strenge Frau vom Lande, die auch aus Albrecht Dürers Zeit stammen könnte. Der "Viehzuchtbrigadier Bodlenko" (1962) auf einem edlen Rappen, umgeben von ebenso edlen Hunden, wirkt wie der Vorarbeiter eines Großgrundbesitzers aus vorrevolutionären Zeiten.

Die Zeichnungen und Gemälde sind Ergebnis und Ertrag einer einjährigen Reise Werner Tübkes und seiner damaligen Frau Angelika in die Sowjetunion, die ihn nach Moskau, Leningrad, in den Kaukasus und nach Mittelasien führte. Zusammen mit Bildern weiterer Reisen in die Sowjetunion 1977 und in den 80er-Jahren und einigen anderen Gemälden sind sie zur Zeit im Panoramamuseum Bad Frankenhausen in der aufschlussreichen Sonderausstellung "Von Petersburg bis Samarkand - unter fremden Menschen"zu sehen. Anlass sind der 90. Geburtstag von Werner Tübke - er wurde am 30. Juli 1929 geboren und lebte bis 2004 - und der 30. Jahrestag der Museumseröffnung.

Vermittelt und organisiert hatte die erste Reise Alfred Kurella (1895 - 1975), kulturpolitischer Stalinist in der SED-Führung, der selbst einige Jahre im Kaukasus lebte. Trotz einiger Differenzen blieb Kurella bis zu seinem Tod ein Fürsprecher Tübkes und konnte die Folgen mancher ideologischen Kontroverse um den eigenwilligen Künstler mildern.

1961 hatte Werner Tübke turbulente Jahre hinter sich. Als Sohn einer Kaufmannsfamilie geboren, hatte er bereits ab 1940 privaten Zeichenunterricht genossen, war 1945/46 für einige Monate verhaftet, weil er zu Unrecht verdächtigt wurde, einen Anschlag auf sowjetische Soldaten verübt zu haben. Er studierte zuerst in Leipzig, später in Greifswald, war 1956/57 wissenschaftlicher Oberassistent an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig, wurde aus kunstpolitischen Gründen entlassen, hatte aber bald mit ersten großen Gemälden Erfolg. In dieser Zeit lernten sich Tübke und Kurella kennen, der dem Maler die Reise nach Osten empfahl, um "in diesem ganz anderen, optisch und materiell fremden, fast exotischen, menschlich aber sehr nahen Milieu zu leben und die großartige Gegenwart und Vergangenheit dieser Weltgegenden auf sich wirken zu lassen". Werner Tübke nahm das Angebot gern an - und beobachtete aufmerksam die "fremden Menschen", die ungewohnten Landschaften, bizarren Städte. Und er zeichnete genau und unermüdlich, was er sah. Viele dieser manchmal nur skizzierten, mit Anmerkungen für spätere Gemälde versehenen, manchmal vollendeten Porträts strahlen eine für Tübke ungewöhnliche Empathie und Sympathie mit den Menschen der materiell armen, aber an Geschichte und Kultur reichen Gegenden im Kaukasus, in Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan aus. Es ist förmlich zu spüren, wie ihn die Menschen und die neue Gesellschaftsordnung, der sie sich ausgesetzt sahen, faszinierten. Viele Jahre lang wird er von diesen Erlebnissen zehren, wird 1995 in einem Brief an den Kunstkritiker Eduard Beaucamp, einen seiner westdeutschen Verehrer, schreiben: " ... das eine Jahr Russland im richtigen Lebensalter war richtungsweisend ... Der Kontakt mit russischen Menschen in Dörfern in Russland, im Kaukasus, in Zentralasien an der chinesischen Grenze hat mich entscheidend geprägt. Fernweh, Heimatlosigkeit, Gottsuche, Armut, schwarze Bösartigkeit, feste Familienbindungen durch Generationen, perfekte euroasiatische Hochbildung und selbstverständliche Sprachkundigkeit = das ist schon etwas." Etwas, das Tübke fasziniert hat und das ihm doch fremd geblieben ist, wie die Gemälde erkennen lassen, die den Zeichnungen folgten. In den Malereien ist er nur noch sich selbst verpflichtet, überhöht, ikonisiert die realen Personen und Szenen zu großartigen bildnerischen Kompositionen - wie im "Bauernmarkt in Samarkand", auf dem es viel zu reden und wenig zu verkaufen gibt - denen oft die Wärme fehlt, die die Skizzen noch hatten. Vielleicht waren deshalb die Reaktionen auf den Ertrag der Reise, als die Bilder zum ersten Mal öffentlich gezeigt wurden, eher verhalten bis kritisch, wenn sie auch oft von den Vertretern des dogmatischen sozialistischen Realismus kamen.

Die teils figurenreichen Bildinszenierungen deuten jedoch schon auf spätere Werke, auf die Selbstinszenierungen und Selbststilisierungen, aber auch auf das 14 Meter hohe und 123 Meter lange Panoramagemälde zur "Frühbürgerlichen Revolution in Deutschland", das allein eine Reise nach Bad Frankenhausen lohnenswert macht und mit dem sich Werner Tübke auch selbst ein Denkmal setzte.

Jahre nach seinem ersten Besuch in der Sowjetunion, 1989, wird Tübke in seinen "Erinnerungen an Bad Frankenhausen" schreiben: "Ich möchte es eine zutiefst demokratische Position des Künstlers nennen: Er sollte an der Seite der Unterdrückten, Zukurzgekommenen, Ausgesetzten und Einsitzenden, der Kranken an Leib und Seele, der Verfolgten, Gequälten, der Einsamen, Müden, Hungernden, Armen, Gefolterten sein, sollte an sie denken, wenn er plant, sich Aufgaben stellt. Weltweit ist soviel Elend, Mangel und Perspektivlosigkeit, Sinnlosigkeit, auch, was wir immer wussten, zwischen Brest und Wladiwostok, Nowaja Semlja und Samarkand. ... Unsere Arbeit sollte vom Elend des Lebens reden, Schicksale bildhaft festmachen."

Genau dies hat er wohl mit den Bildern aus der Sowjetunion versucht - wie auch mit anderen Arbeiten. So sind in Bad Frankenhausen zum Beispiel Vorarbeiten zum und das als Auftragswerk des Armeemuseums der DDR in Potsdam entstandene Gemälde "Nationalkomitee Freies Deutschland" zu sehen. Interessant, wie akribisch Tübke ein Gemälde vorbereitete, teils aufwendig Figurenkonstellationen ausprobierte, um sich dann für eine zu entscheiden, die seinen Intentionen am nächsten am.

Tübke mochte an der Seite der Unterdrückten gestanden haben - und doch ist er ihnen in seinen Gemälden merkwürdig fremd geblieben, weil er bei aller Verehrung der figürlich-gegenständlichen altmeisterlichen Malerei dem wirklichen Leben aus Blut, Schweiß und Tränen fremd blieb. Es scheint, als malte er nie für die, auf deren Seite er stehen wollte, sondern immer nur für sich selbst und für die politischen und kulturellen Eliten, auf deren Seite er sich selbst sah, deren Zuspruch wie Kritik er brauchte und ernst nahm. Von denen er zwar mitunter angegriffen wurde, die ihn aber auch hofierten, wenn es etwa darum ging, dass er sein Lebenswerk, das Bauernkriegswandbild, vollenden konnte.

Tübke wollte die Malerei abseits der klassischen Moderne, abseits aller Ismen des 20. Jahrhunderts, erneuern, blieb aber ästhetisch der Tradition verhaftet, wie schon die frühen Arbeiten zeigen. Für seine handwerkliche Meisterschaft wie für seine Bildinszenierungen, die durchaus auch kritische Impulse gegen die DDR-Wirklichkeit setzten, wurde er verehrt, aber kaum geliebt.

So ist in Bad Frankenhausen ein Teil des Lebenswerks eines auf seine Art genialen Künstlers, aber eines Fremden unter Fremden zu besichtigen, das einmal mehr das Dilemma deutlich macht, in das die Kunst und die Menschen geraten, wenn sie sich allzu sehr auf Ideologien einlassen, denen die Grundlage im wirklichen Leben fehlt.

Die Ausstellung "Von Petersburg bis Samarkand - unter fremden Menschen" mit Arbeiten von Werner Tübke ist bis 3. November im Panoramamuseum Am Schlachtberg in Bad Frankenhausen zu sehen - geöffnet dienstags bis sonntags 10 bis 17, im August auch montags von 13 bis 17 Uhr. www.panorama-museum.de

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