"Yerma" am Dresdner Staatsschauspiel: Gefangen im Rollenbild

Andreas Kriegenburg inszeniert am Staatsschauspiel Dresden Federico García Lorcas "Yerma". Doch was hat das Schicksal der Kinderlosen von einst mit dem Leben junger Frauen heute zu tun?

Dresden.

Immer und immer wieder das gleiche Bild: stichelnde, keifende Frauen, erst schwanger, dann Mütter, die ihre Babys wiegen. Sie stellen sich und ihre Kinder zur Schau, bedrängen dabei eine junge verheiratete Frau und wollen von ihr die Antwort auf nur eine Frage: "Yerma, wo ist dein Baby?" Folter für eine Frau, die sich nichts mehr wünscht als eine Geburt. Die Jahre vergehen, und die Geächtete (Deleila Piasko) bleibt kinderlos.

Nach "Bernarda Albas Haus" hat sich Regisseur Andreas Kriegenburg für das Staatsschauspiel Dresden mit "Yerma" erneut einen Stoff des Spaniers Federico García Lorca vorgenommen. Am Wochenende hatte das Stück Premiere. Für den Dichter, der seine Homosexualität im erzkatholischen Andalusien der 1920er-Jahre nicht ausleben konnte, ist die Figur Yerma sein Alter Ego. Sie leidet genau wie er an der Unfreiheit einer Zeit, die die Richtung des Lebens vorbestimmt und jeden, der andere Wege geht, verurteilt.

Als Aussätzige ist Yerma allein schuld an der Misere einer kinderlosen Ehe. Dabei will sie genau das nicht und gibt sich deshalb dem ungeliebten Mann, mit dem sie verheiratet wurde, hin. Dass sie dabei an den Schäfer Victor (Mathis Reinhardt) denkt, bleibt ihr Geheimnis. In ihrer kleinen Welt, in der Väter über die Ehemänner und Ehemänner über ihr Leben bestimmen, ist sie gefangen - trotz gelegentlicher Wutausbrüche und Streitereien mit ihrem Mann. Der nämlich will gar keine Kinder, sondern nur die Frau - für ihn "aufbewahrt" und jederzeit verfügbar im Haus.

Genau dieses Dilemma lässt Kriegenburg auf der Bühne zelebrieren. Er selbst hält dabei an den poetischen Bildern, Worten und Melodien des Dichters fest. Die Choreografie passt dazu: Melancholisch die eingespielte Musik, gleichförmig die alltäglichen Verrichtungen der Frauen. Zwei Stunden lang beschreibt der Regisseur das Rollenbild der Frauen mit einem zugegeben hervorragend agierenden Ensemble, allen voran Deleila Piasko, schwankend zwischen Verzweiflung, Hoffnung und hysterischen Ausbrüchen.

Dass auf der Bühne die weiblichen Rollen dominieren, liegt auf der Hand. Doch immer wiederkehrende Sätze und Szenen braucht es nicht. Denn das Bühnenbild (Harald Thor) bietet dafür Raum genug. Ein langer Tisch, an dessen einem Ende Yerma und am anderen ihr Mann Juan (Simon Werdelis) sitzt, beschreibt die Distanz ebenso gut, wie es die kleinen Quadrate eines großen Quaders tun, in denen die Frauen inmitten von Wäschebergen wie in einem Gefängnis sitzen, für den Haushalt sorgen und auf ihre Männer warten.

"Doch was heißt das für mich heute hier in Deutschland, wo Frauen ganz anders leben?" Die junge Frau, die sich das in der Pause fragt und darauf Antworten wünscht, ahnt da noch nicht, dass Kriegenburg zu Beginn des zweiten Teils zumindest ansatzweise einen Bezug zur Gegenwart wagt. Zum Verständnis beim Zuschauer trägt dieser Bruch aber nicht bei. Für Momente schlüpfen die Frauen in einer Szene aus ihrem grauen Alltag in kurze rote Kleider und schminken sich, lachen ungezwungen. Nur eine von ihnen zögert. Einmal noch bricht Kriegenburg mit der Vorlage. Nämlich dann, als er die Geisterbeschwörerin Dolores (Gina Calinoiu) sagen lässt, dass man sie mit ihrer rumänischen Herkunft bewusst für die Rolle ausgewählt hätte. Ein Bezug zu heutigem Denken? Ein Bruch? Ein Aufbegehren?

Es ist ein Flackern, mehr nicht. Denn bald folgen die Schauspieler wieder Federico García Lorca in eine Welt, in der Frauen Heilige beschwören, damit sie fruchtbar werden, in der Frauen entgegen ihrem Willen Konventionen einhalten, in der Frauen über andere Frauen wachen und urteilen. Einen Ausweg gibt es für Yerma nicht. In ihrer Verzweiflung bringt sie ihren Mann, der ihr keine Kinder schenkt, um.

Doch die Frage der Zuschauerin aus der Pause beantwortet Kriegenburg nicht. Was bedeutet Kinderlosigkeit heute? Wo stehen die Frauen in der Gesellschaft in einer Zeit, in der sich Völker und Traditionen vermischen? In einer Zeit, in der Frauen mancherorts noch immer wie Yerma leben. Parallelen von García Lorca zu heutigen Diskussionen lassen sich viele ziehen. Allein Kriegenburg ist dem Dichter und dessen Zeit mit zugegeben eindrücklichen Bildern und sich perfekt bewegenden Schauspielern zu sehr verfallen.

Das Stück

Yerma - der Name bedeutet "Die Brache". In Federico García Lorcas gleichnamiger Tragödie ist sie die Frau eines einfachen Bauern. Anfänglich glücklich verheiratet, droht sie über der vermeintlichen Schande, nicht schwanger zu sein, verrückt zu werden; Kinder gebären wird vorausgesetzt. Aber die Jahre gehen dahin. Ihr Wunsch nach Kindern und der Druck der Gesellschaft werden unerträglich. Ihr Mann Juan aber hat gar kein Interesse, eine Familie zu gründen. Zudem erlaubt der Ehrenkodex Yerma keinen Treuebruch. Ihre Verfasstheit und die Umstände zwingen sie schließlich zu einer unwiderruflichen Tat. Sie ermordet ihren Ehemann.

Nächste Aufführungen des Stücks "Yerma" am Staatsschauspiel Dresden stehen am Montag und am 3. Mai, jeweils 19.30 Uhr auf dem Spielplan. Kartentelefon: 0351/4913555. www.staatsschauspiel-dresden.de

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