Gib und nimm: Büchertausch in der Telefonzelle

Wohin mit dem Roman, wenn er ausgelesen ist? Wenn der Platz im Regal zuhause nicht mehr reicht, können öffentliche Räume eine Alternative sein. Es gibt inzwischen einige originelle Ideen.

Flöha/Lichtenwalde.

Den Hörer sucht man vergebens. Eine Telefonzelle der besonderen Art ist am Schloss Wildeck in Zschopau eröffnet worden. Im Prinzip besteht der winzige Raum direkt neben dem Spielplatz am Bärengarten nur aus einem riesigen Bücherregal, in dem Besucher nach Belieben stöbern dürfen und sollen. Die Bücher-Box funktioniert einfach: Wer ein Buch herausnimmt, stellt dafür ein anderes hinein.

Tauschbörsen für Bücherfreunde sind auch in Mittelsachsen auf dem Vormarsch. Ob nun als Wandregal, Schrank, in einer umgebauten Telefonzelle oder wie seit Mai in der Bibliothek der TU Bergakademie Freiberg als Kühlschrank - allerorts gilt die Regel: Wer eins gibt, darf eins nehmen. Die Auswahl reicht von Groschenromanen über Fachliteratur und Schulbücher bis hin zu Comics und Büchern, die Bibliotheken schon mal aussortiert hatten.


2011 startete der Kunst- und Kulturverein Frankenberg sein Angebot: ein Tauschregal in der Rathauspassage, jederzeit erreichbar. "Und das ist bis heute ein Selbstläufer", versichert Vereinschef Patrick Müller. "Probleme mit Vandalismus sind ganz selten, Nachschub haben wir genug. Es ist also gar kein Problem, wenn jemand nur ein Buch mitnimmt und keins zurücklässt."

Auch in Lichtenwalde kommen Leseratten auf ihre Kosten. Im Schlosspark parkt seit diesem Sommer ein Bücherwagen, bei dem Passanten Ausgelesenes abgeben und gegen neuen Lesestoff tauschen können. "Im Moment ist der Bücherwagen aber verschlossen, und alle Bücher werden für die kommende Saison neu sortiert und aufbereitet", sagt Patrizia Meyn, Geschäftsführerin der Augustusburg/Scharfenstein/Lichtenwalde Schlossbetriebe gGmbH. Das Modell "Gib und nimm" werde gut angenommen. Es seien auch schon viele neue Bücher hinzugekommen. "Daher werden wir den Bücherwagen zum Start der neuen Saison im kommenden Jahr wieder öffnen", kündigt die Schlosschefin an. Bis dahin sind alle Bücher trocken und sicher aufgehoben.

Was macht man aber mit 100 Büchern, für die daheim kein Platz mehr ist? Auf diese Frage hat Franziska Thiel die Lösung. Die in Frankenberg tätige Erzieherin gründete die Facebook-Gruppe "Bücherbörse Frankenberg/Umgebung". 24 Stunden später waren dort schon 42 Nutzer vereint. Und die Anzahl wächst stetig. "Die Gründung im Netzwerk war eher ein Zufall und spontan", erklärt Thiel. "Aber ich denke, dass wir über die Plattform im Internet noch etliche Bücher vor dem Weg in den Altpapiercontainer retten können."

Dass man ein Buch nicht einfach wegwirft, ist auch für Matthias Zwarg, Leiter des Buchprogramms von "Freie Presse", leicht erklärbar: "Weil Lesen bildet. Ein gutes Buch ziehe ich dem E-Book oder dem Bildschirm vor. Es gibt in Bibliotheken und Antiquariaten echte Schatzkisten, in denen ich oft fündig werde."

Einen öffentlichen Bücherschrank eröffneten etwa 2013 auch die EKM Entsorgungsdienste in Freiberg, 2016 folgte das Info-Zentrum im T9 in Mittweida. Seit einem Monat findet man Schmökerstoff auch in St. Michaelis bei Brand-Erbisdorf. Dort stehen die Bücher in einer Telefonzelle. Die gibt es randvoll mit Büchern auch in Naundorf bei Freiberg. Und am Bunten Haus in Freiberg. Letzteres auf eine Initiative der Stadtverwaltung, gestaltet von Nutzern des Jugendtreffs. Und es gibt Regeln: So sollten Bücher nicht älter als 30 Jahre und zeitgemäß sein.

"Schön, dass es jetzt auch in Zschopau einen öffentlichen Bücherschrank gibt", sagt Waltraud Krannich. Viele Menschen könnten sich so ein Buch teilen, ohne dass einer von ihnen es besitzen müsse, so die gebürtige Rübenauerin weiter. Die Diplom-Bibliothekarin und Di- plom-Journalistin arbeitet seit 1994 als freiberufliche Autorin. Demnächst soll ihr "Erzgebirgisches Wörterbuch" über west- und mittelerzgebirgische Mundart erscheinen. (mit anr/dahl)

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