Leichtsinn und Klimawandel fordern Bergwacht wie nie

Bis Ende Oktober rückten Sachsens Bergretter fast 750-mal aus. In der Sächsischen Schweiz sind dieses Jahr 19 Tote zu beklagen.

Altenberg.

Die Bergwacht in Sachsen rechnet für 2019 mit einer Rekordanzahl von Einsätzen. Das sagte Hans-PeterHorna, der Landeschef der Bergretter, am Montag bei einer Übung an der Bobbahn Altenberg. Demnach gab es bis Ende Oktober bereits 741 Einsätze. Bis Jahresende dürften es noch deutlich mehr werden. "Die Skisaison geht ja jetzt erst los", sagte Nicole Porzig, Referentin für Katastrophenschutz im DRK-Landesverband Sachsen, zu dem die Bergwacht gehört. Zum Vergleich: 2017 rückte die Bergwacht 710-mal aus, 2018 dann 800-mal. In der Sächsischen Schweiz verzeichneten die Retter bei ihren Einsätzen 2019 bislang 19 Tote. Bei sieben davon handelte es sich um Kletterunfälle, beim Rest waren gesundheitliche Probleme oder Suizid die Ursache. "Sonst haben wir um die zehn Tote pro Jahr", sagte Achim Schrön, Chef der Bergwacht in der Sächsischen Schweiz. Während dort Unfälle beim Klettern und Wandern im Mittelpunkt stehen, fallen im Ost- und Westerzgebirge viele Einsätze in die Kategorie Wintersport. Dazu kämen dort Unfälle von Mountainbikern etwa in Schöneck oder Rabenberg.

Als Grund für den Anstieg nannte Horna mehr Touristen und Freizeitsportler in den hiesigen Mittelgebirgen, was automatisch zu mehr Einsätzen führe. Dazu habe schönes Wetter die Menschen vor die Tür gelockt. Auch immer mehr aktive Senioren machten sich bemerkbar. "Unsere Gebirge werden unterschätzt", sagte Schrön. "Bei uns geht es relativ schnell um 300, 400 Meter hoch. Da muten sich die Leute zu viel zu." Landeschef Horna rief Sportler und Wanderer dazu auf, sich angemessen zu verhalten. So solle man seine Fähigkeiten korrekt einschätzen, Wetterextreme einkalkulieren, bei längeren Touren das Ziel hinterlassen, Verbandszeug, Trinken, Telefon mitführen - und den gesunden Menschenverstand einschalten.

Sven Lorenz von der Bergwacht Klingenthal berichtete von einem Fall, der exemplarisch zeigt, wie manche sich und andere gefährden. Trotz Sperrung wegen Schneebruchs sei eine Frau im tiefen Winter mit zwei Kindern zum Langlauf aufgebrochen und habe sich bei einsetzender Dunkelheit verirrt. "Und dann soll ich meine Leute in den Wald schicken, wo Lebensgefahr herrscht", verdeutlichte Lorenz. "Da müssen einige Leute ihr Handeln überdenken." Frau und Kinder wurden gerettet, betonte er. Ebenso ein Mann, der in der Sächsischen Schweiz zu Fuß unterwegs war, obwohl er erst wenige Tage zuvor aus einer Herzklinik entlassen wurde, wie Schrön schildert. Neben individuellem Fehlverhalten beschäftigt aber auch der Klimawandel die Bergwacht immer mehr. Trockenheit und starke Regen- oder Schneefälle führen zu Sturzfluten und Schneebruch, lassen Hänge abrutschen. "Es gibt ganz neue Risikolagen", verdeutlichte Nicole Porzig. Wetterextreme der jüngsten Intensität und Häufigkeit seien neu. "Der Klimawandel ist ganz konkret bei uns angekommen", sagte sie - und forderte eine neue Risikoanalyse sowie eine bessere Ausstattung.

Mit 600 Mitgliedern, davon 380 aktiven Rettern, ist die Bergwacht Sachsen in den Gebieten Westerzgebirge/Vogtland, Osterzgebirge, Sächsische Schweiz und Zittauer Gebirge aktiv. Das Kletterrevier Wolkenstein, wo jüngst eine junge Frau in den Tod stürzte, gehört nicht zur Zuständigkeit der Bergretter.

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