Tante Emma ist zurück

In ländlichen Regionen gibt es wieder kleine Läden, die Lebensmittel und Dienstleistungen anbieten. Für die Betreiber ist es aber ein täglicher Überlebenskampf.

Chemnitz. Im kleinen Bürgerladen im restaurierten Bahnhof von Scharfenstein riecht es noch ganz neu. Logisch. Der Laden hat erst seit Ende Mai geöffnet und ist damit der jüngste Dorfladen in Südwestsachsen. "Erst im Februar wurde unser Projekt, unter der Leitung einer Genossenschaft Einkaufsmärkte zu eröffnen, vorgestellt", sagte Chefin Sissy Grübler. Das kam an: Zur Gründungsversammlung zeichneten 176 Genossenschaftler 452 Anteile im Wert von 22.600 Euro gegen. Mittlerweile sind es 318 Genossenschaftler und mehr als 800 eingelöste Anteile. "Um finanziell auf sicheren Beinen zu stehen, waren mindestens 300 Mitglieder und ein Anteilsvolumen von 40.000 Euro nötig", sagte Grübler.

In den Regalen stehen vornehmlich sächsische Produkte: Russisch Brot aus Dresden, Spreewälder Gurken, Wurzener Kuko-Reis oder Eierlikör aus Eppendorf. Das ist keine Ostalgie, sondern der Wunsch der Bürger im Ort. Die Preise liegen fünf bis zehn Prozent über denen der großen Supermärkte. Dafür gibt es hier frische Ware und, wenn möglich, den Verzicht auf Plastikverpackung. Mit einem modernen Bistro gleich nebenan hat die Genossenschaft noch ein zweites Standbein. Hier gibt es Angebote für Frühstück und Mittag. Im August soll der zweite Laden im Venusberger Gasthof eröffnen. Neben Grübler werden vier Verkäuferinnen beschäftigt.

Die beiden Läden im Erzgebirge zeigen einen neuen Trend. "Tante-Emma-Läden erleben in ländlichen Regionen eine Renaissance - in neuem Gewand und anderen Funktionen", sagt der Experte für Stadtentwicklung, Hardo Kendschek. "Das heißt: Einkaufen plus ein bisschen Post, Sparkasse, ein Stehtischcafé und Bürgertreff."

So ähnlich ist es im kleinen Supermarkt in Falkenau. Das Geschäft wurde 2009 eröffnete, weil es in Falkenau damals kein Lebensmittelgeschäft mehr gab. Aktuell zählt die Ladengenossenschaft 406 Mitglieder. Sie versucht alles anzubieten, was es im Dorf nicht mehr gibt. Man kann im Laden Lotto spielen, Briefe aufgeben, einen Catering-Service buchen oder sein Auto anmelden. Das klingt alles recht gut. "Man kann das Modell aber nicht so einfach übertragen", meint der Vorsitzende der Genossenschaft "Unser Laden", Thilo Walter. Voraussetzung sei eine Mindestanzahl oder eine hohe Anzahl älterer und nicht mehr mobiler Einwohner. Sonst funktioniert es nicht. Ein Supermarktbetreiber hat es einfacher: Er bemisst seine Investition nach Einwohnerzahl, Einkommen und Bevölkerungsentwicklung und baut dann logistisch effizient. Die kleinen Nahversorger hingegen setzen auf bestehende Immobilen und die Einwohner.

Doch das ist zumeist eine Rechnung mit vielen Fragezeichen. Nach Ansicht der IHK Chemnitz wünschen sich zwar viele Einwohner in ländlichen Regionen einen Nahversorger im Ort. Doch weil es dort teurer ist, wird der Großeinkauf nach wie vor in Supermärkten und Discountern erledigt. Ältere Menschen fahren mit Kindern oder Nachbarn dorthin. "Die Einwohner müssen jedoch umdenken und nicht nur einen Laden fordern, sondern ihn dann auch gut nutzen", sagte IHK-Handelsexperte Bert Rothe. Das Kaufverhalten nach der Eröffnung solcher Läden stelle sich jedoch oft ganz anders dar. Kein Laden könnte überleben, wenn die Einwohner gelegentlich ausgegangene Milch, Butter oder Mehl dort einkaufen.

Und die IHK rechnet das Potenzial des Ladens in Scharfenstein vor: Der zu Drehbach gehörende Ortsteil zählt 10.000 Einwohner. Gemessen an Einkommen und Kaufgewohnheiten gibt jeder Einwohner 1466 Euro pro Jahr für Nahrungsmittel einschließlich Bäcker und Fleischer aus. Das ergibt einen maximalen Umsatz von 1,48 Millionen Euro. "Wir hoffen, dass ein bedeutender Teil in Scharfenstein verbleibt", meinte Rothe.

Den Wunsch nach einem Dorfladen haben auch die Einwohner von Erdmannsdorf. Dort gibt es derzeit überhaupt keinen Nahversorger mehr. Deshalb wurden alternative Einkaufsangebote geschaffen. Doch sie werden nicht angenommen. So wurde eine Direktbuslinie von Erdmannsdorf zum Netto-Markt in Augustusburg nach nicht mal einem Jahr Betrieb mangels Nachfrage eingestellt. Und auch der Lieferservice, den ein Edeka-Marktbetreiber in Augustusburg anbietet, hat kaum Nutzer. Ein Dorfladen könnte eventuell eine Perspektive sein. "Allein mit Lebensmitteln wird es jedoch für jeden kleinen Laden schwer. Es braucht ein Alleinstellungsmerkmal, besondere Konzepte", sagte IHK-Handelsexperte Bert Rothe. Das könnte eine Kooperation mit regionalen Vermarktern sein, die täglich frische Ware liefern, frische Salate, die es nur in diesem Laden gibt oder wie in Scharfenstein ein Bistro nebenan.

Auch Evelyn Stumpe kennt die Wünsche der Einwohner und die Einkaufsrealität. Seit 24 Jahren betreibt sie ihren Einkaufsmarkt in Kunnersdorf. Auf 70 Quadratmetern gibt es alles Nötige. "Es ist ein ständiger Kampf", sagt sie. Würde sie noch einmal damit starten? "Das weiß ich nicht. Meinen Kindern würde ich das jedenfalls nicht empfehlen."

 

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