Alte Liebe rostet doch

Ein Ehepaar aus Sachsen erzählt über sein verändertes Verhältnis zum Auto - und warum die nächste Wende schon absehbar ist.

Was war das für ein Traumauto, dieser Trabant 601. Panamagrün, mit papyrusweißem Dach. "Sogar eine Tankanzeige hatte der", erinnert sich Asmund Welke und formt mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis. Von der Limousine, die er 1988 nach 13 Jahren Wartezeit endlich kaufen konnte, existiert noch ein Foto. Er hat es auf der ersten Fahrt in den Westen geknipst, die die Familie aus Pesterwitz bei Dresden 1990 unternommen hat.

Zwischen Foto und dem Abschied vom geliebten Trabi liegt nur etwa ein Jahr. Denn schon bald soll ein "Westauto" her. Der Trabant, einst 13.000 Ost-Mark teuer, wird samt Winterreifen und Ersatzteilarsenal für 1.500 D-Mark verscherbelt. Kurze Zeit später steht ein weißer Citroën AX vorm Haus. Eine Anschaffung, wie sie viele Ostdeutsche zu diesem Zeitpunkt schon getätigt hatten. Endlich keine Zweitakter mehr! Endlich richtige Autos! Das Interesse an preisgünstigen Fahrzeugen sei kurz nach dem Mauerfall enorm gewesen, sagt Ulrich Große vom Landesverband des Kfz-Gewerbes Sachsen. In der Zulassungsstatistik für Juli 1990 liegt VW vorn, gefolgt von Opel, Ford und Audi.

Von den Schattenseiten dieses Booms kann Joachim Martin aus Annaberg-Buchholz erzählen. Zu DDR-Zeiten Ingenieur in einem Textilbetrieb, machte sich der Hobbyschrauber kurz nach der Wende mit einem Abschlepp- und Pannenhilfeunternehmen selbstständig. Die Arbeit habe buchstäblich auf der Straße gelegen, sagt Martin, der 27 Jahre als "Gelber Engel" für den ADAC unterwegs war. Allzu oft nämlich hielten die vermeintlich grundsoliden Gebrauchten nur wenige hundert Kilometer durch. Dann blieben sie liegen. Anfangs habe er manche Autos bis nach Hof schleppen müssen, weil in hiesigen Werkstätten niemand helfen konnte.

Fragt man den 69-Jährigen, worin sich das Autofahren vor 30 Jahren von dem heute unterscheidet, fällt ihm zuerst die Verkehrsdichte ein. "Stau gab es ja zu DDR-Zeiten nicht. Da musste schon die Autobahn voll gesperrt sein." Doch das änderte sich nach der Wende - nicht zuletzt wegen der wachsenden Fahrzeugflotte. Waren 1988 zwischen Fichtelberg und Kap Arkona rund 3,7 Millionen Pkw zugelassen, stieg diese Zahl im Jahr der Wiedervereinigung auf rund vier Millionen.

Anfang 2019 meldete das Kraftfahrtbundesamt 6,8 Millionen zugelassene Autos in den fünf Ost-Bundesländern, das frühere Ostberlin noch nicht mitgezählt. Laut einer Analyse des "Spiegel" kommen heute in manchen sächsischen Landkreisen 600 Pkw auf 1.000 Einwohner - ein Höchststand. "Der Verkehr hat in einer Art und Weise zugenommen, dass es keine Freude mehr ist", sagt Motorjournalist Klaus Zwingenberger aus Lichtenstein.

Mit den Jahren sei neben der Freude am Fahren auch der Besitzerstolz vieler Halter geschwunden. Das habe mit veränderten Nutzungsgewohnheiten zu tun, meint Zwingenberger. "Zu DDR-Zeiten sind die meisten Leute mit Bus und Bahn zur Arbeit gefahren." Das Auto sei oft nur zu besonderen Anlässen, etwa für Wochenendausflüge oder Urlaubsfahrten, aus der Garage geholt worden. "Heute dagegen nutzen viele ihren Wagen für alle möglichen Zwecke. Selbst für ganz kurze Strecken." Und das trotz steigender Spritkosten: Laut Statistischem Bundesamt sind die Kraftstoffpreise seit 1991 mehr als doppelt so stark gestiegen wie die Preise eines repräsentativen Warenkorbs.

Ebenfalls gravierend verändert hat sich die Motorisierung. Kam ein neuer Pkw 1990 im Schnitt auf 92PS, waren es 2018 schon 153 PS. Nicht mal die Diskussion über ein Tempolimit habe die Vorliebe der Deutschen für mehr Pferdestärken bremsen können, sagt Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer.

Eine Trendwende könnte seiner Meinung nach die Elektromobilität bewirken. "Hier besteht die Chance, mehr Leistung gegen mehr Reichweite einzutauschen." Doch gemessen an den Zulassungszahlen ist das Interesse an E-Autos noch ziemlich gering - im Westen wie im Osten. "Von heute rund 2,1 Millionen Pkw in Sachsen haben nur etwa 2430 einen rein elektrischen Antrieb", sagt Kfz-Verbands-Chef Große.

Auch Familie Welke hält dem Benziner unbeirrt die Treue. Auf den Citroën AX folgte einige Jahre später ein Daewoo Lanos und 2005 ein silbergrauer Ford Focus. Der hat mittlerweile rund 130.000 Kilometer auf dem Tacho. "Den fahren wir so lange, bis er zum Oldtimer wird", kündigt Marietta Welke an. Avancen ihres Vertragshändlers, der ihnen bei jedem Werkstatttermin ein aktuelles Modell schmackhaft machen möchte, haben sie bisher erfolgreich abgewehrt. Zumal das Autohaus ihnen nur noch 1200 Euro für den betagten Kombi geben würde. Dank grüner Plakette fühlen sich Welkes auch für jenen Tag gerüstet, an dem womöglich doch eine Umweltzone kommt. Im Übrigen, sagt Marietta Welke, seien Freital oder Dresden auch bequem mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Was die Mobilitätsoptionen angeht, "leben wir hier in Pesterwitz im Paradies."

Das kann ADAC-Mann Joachim Martin nicht behaupten. Wie viele andere auf dem Land wird er in seiner Erzgebirgsheimat weiter auf den Pkw angewiesen sein. Ein Elektroauto sieht der Ruheständler nicht als Lösung für sich. Die Reichweite, die Ladeinfrastruktur, das Preis-Leistungs-Verhältnis - da passe vieles noch nicht. Falls er sich in ein paar Jahren doch noch ein neues Auto kaufen muss, soll es wieder ein Modell mit Verbrennungsmotor werden, eins mit Automatik und sieben Jahren Garantie. Doch bislang laufen seine alten Autos noch: Im Sommer fährt Martin mit einem 14 Jahre alten BMW, im Winter mit einem noch älteren Audi 100.

Zumindest für Senioren habe der eigene Wagen nach wie vor hohen Stellenwert, findet Klaus Zwingenberger. Der 75-Jährige nimmt sich dabei nicht aus. Doch der Reiz des Fahrens bestehe für ihn nicht mehr darin, mit Tempo 180 über die linke Autobahnspur zu jagen. Emotional werde er stattdessen, wenn er zum Beispiel in Süddeutschland unterwegs sei und dort Fernziele wie Bern oder Straßburg ausgeschildert sehe. "Die Vorstellung, dort jetzt einfach hinfahren zu können, treibt mir heute noch Tränen in die Augen."

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