Maschinenbau aus Windkanal

Schwer und kraftvoll - die Moto Guzzi Le Mans 1000 will von ihrem Fahrer beherrscht werden.

Saupersdorf.

Selbst ist der Mann - Knut Heidel aus Saupersdorf bei Kirchberg pflegt diese alte DDR-Schraubertugend. Als Mechaniker muss er das schon von Berufs wegen tun. Aber auch was das Hobby anbelangt, so repariert er seine Motorräder am liebsten selber. Er hat sie eigens nach diesem Gesichtspunkt ausgesucht: "Ich habe schon zu DDR-Zeiten für Viertaktmotorräder geschwärmt. Mit 18 Jahren habe ich für einen Kasten Bier eine Sport-AWO eingetauscht. Mehr war sie auch nicht wert. Ich habe sie neu aufgebaut und bis zur Wende gefahren und zwischendurch bestimmt dreimal umgebaut: Mal kam eine Verkleidung ran, mal ein hoher Lenker, solche Sachen halt. Nach der Wende habe ich mir gesagt: Du brauchst ein neues Motorrad, aber eines, das du selber auseinanderbauen und reparieren kannst."

Die Wahl fiel zunächst auf eine Moto Guzzi SB 2, eine Tourenmaschine. Seine Favoritin aber wurde eine Moto Guzzi Le Mans, die hatte ihn jahrelang von einem Poster im Jugendzimmer angelacht. Als sich die Chance bot, ein 1985 gebautes Exemplar zu erwerben, brauchte er nicht lange zu überlegen: "Das war seinerzeit das sportlichste Modell. Die Entwickler haben die Maschine sogar im Windkanal getestet, einer Röhre, in der sie einen Propeller von einem alten Jagdflugzeug eingebaut hatten, der den Wind erzeugte."

Die Nähe zur Fliegerei kam nicht von ungefähr. Es waren zwei Flugzeugpiloten, Giorgio Parodi und Carlo Guzzi, die 1921 im norditalienischen Mandello del Lario das Unternehmen gründeten. Jedenfalls erkoren sie einen Adler mit ausgebreiteten Flügeln zum Firmenlogo, die Motorräder tragen es bis heute auf dem Tank. Zunächst fertigte man Maschinen mit stehenden und liegenden Ein- und Zweizylindermotoren, daneben widmete man sich dem Bau von dreirädrigen Militärfahrzeugen. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte die Firma auf diesem Gebiet eine ungewöhnliche Zugmaschine mit zwei hinteren Kettenrädern und einem herkömmlichen Vorderrad. Angetrieben wurde das Kettenkrad von einem V2-Motor mit 750 ccm, bei dem die Zylinder einen Winkel von 90 Grad bildeten. Es war dieser Motor, mit dem Moto Guzzi Mitte der Sechzigerjahre die Ära seiner großen Touren-Modelle einleitete. Gemeinsames Merkmal dieser und folgender schwerer Maschinen war eben jener, nun quer eingebaute, luftgekühlte V-Motor, der zudem einen Kardanantrieb ermöglichte.

Die Bauweise sorgte dank niedrigem Schwerpunkt für eine gute Straßenlage und erlaubte mit den abgewinkelten Zylindern ordentliche Schräglagen. Im Laufe der Zeit wuchs der Hubraum schrittweise weiter, heute haben die Motorräder fast 1400 ccm. Die Moto Guzzi Le Mans von Knut Heidel verfügt über 1000 ccm und leistet 82 PS, die ein Fünfganggetriebe per Kardanantrieb auf die Straße bringt. Diese Leistung reicht allemal, um damit sportlich unterwegs zu sein - nicht zuletzt, weil die Dell'Orto-Vergaser mit einer zusätzlichen Benzineinspritzung versehen sind, die dafür sorgt, dass keine Langeweile aufkommt. Zudem bieten die beiden Lafranconi-Auspuffe eine ausgesprochen erwachsene Klangkulisse.

Eine weitere Guzzi-Besonderheit ist das Integralbremssystem, das ein Plus an Sicherheit mitbringt. "Die Handbremse wirkt vorn nur auf eine Bremsscheibe, die Fußbremse wirkt auf die andere und zugleich bremst sie hinten. So soll vermieden werden, das bei zu heftigem Betätigen der Handbremse das Vorderrad blockiert", so Knut Heidel.

Und wie fährt sich die Le Mans? "Sie hat ein sehr gutes Drehmoment, die Kraft liegt schon bei niedrigen Drehzahlen an. Das Fahrwerk ist gutmütig, man muss aber schon Motorrad fahren können, die Maschine wiegt vollgetankt 240 kg. An den Vibrationen merkt man außerdem, dass der Motor eine Verbrennungskraftmaschine ist. Weil sie so wuchtig und gewaltig ausfällt, sagen die Fans immer: Moto Guzzi, das ist Maschinenbau. Man fährt ein einziges Mal damit und weiß: Das ist es - oder eben nicht."

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