Arbeitet das Restaurant sauber?

Bei vielen Betrieben gibt es Hygienemängel - Verbraucher erfahren das nicht - ein neues Portal soll das ändern

Ob Mäusekot im Mehl, Keime im Salat oder Gammelfleisch - in der deutschen Lebensmittelbranche hapert es schon lange an der Hygiene. Jahr für Jahr wird nach Angaben der Verbraucherorganisation Foodwatch jeder vierte kontrollierte Betrieb bei den amtlichen Kontrollen beanstandet. Doch Details werden in der Regel nie publik. "Dass die Kontrolleure vor einem Jahr auf stinkende Pfützen und verdreckte Maschinen in einer Tönnies-Wurstfabrik gestoßen sind, davon haben wir nichts mitbekommen", kritisiert Oliver Huizinga, Leiter Recherche und Kampagnen bei Foodwatch. "Dabei haben wir ein Recht darauf zu erfahren, wie es um die Hygiene in den Betrieben bestellt ist, die unsere Lebensmittel produzieren und anbieten." Transparenz könnte es aber bald geben: Über die neue Internetplattform "Topf Secret". "Freie Presse" beantwortet die wichtigsten Fragen dazu.

Warum halten Behörden die Kontrollergebnisse geheim?

Kontrollergebnisse werden von den Ländern und Kommunen nicht veröffentlicht, weil kein Gesetz sie dazu zwingt. Die Behörden und Ämter "können" und "sollen" diese laut Verbraucherinformationsgesetz zwar bekannt machen, sie "müssen" es aber nicht. Auch im Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch (LFGB) steht, dass Namen von schmuddelnden Betrieben nur genannt werden müssen, wenn der Verstoß ein "erhebliches Ausmaß" angenommen hat, es "wiederholt" zu Verstößen kam oder ein Bußgeld in Höhe von mindestens 350 Euro fällig war. Vorgaben wie diese "lassen den Behörden viel Ermessensspielraum". Dass es an klaren Vorgaben fehlt, liegt auch am massiven Widerstand der Wirtschaft: Unternehmen befürchten im Falle von negativen Kontrollergebnissen Umsatzeinbußen.

Was ändert sich durch die Plattform "Topf Secret"?

Die Plattform, die Foodwatch mit der Transparenz-Initiative FragDenStaat entwickelt hat, solle Druck auf Gesetzgeber und Behörden ausüben, die Prüfergebnisse endlich zu veröffentlichen, sagt Oliver Huizinga von Foodwatch: "Je mehr Anfragen kommen, desto deutlicher zeigen Verbraucher, dass ihr Interesse an den Kontrollergebnissen groß ist". Über "Topf Secret" kann sich jeder Konsument selbst bei der zuständigen Behörde erkundigen, wie sauber ein Betrieb in seiner Region arbeitet. Eine solche Anfrage zu stellen, sei einfach und dauere nur "wenige Klicks", wirbt Foodwatch. Der Dehoga Bundesverband kritisiert die Initiative für einen "Mitmach-Internetpranger" als "reinsten Populismus" - Gastronomen würden leichtfertig und zu Unrecht an den Pranger gestellt. Dem widerspricht Foodwatch: Dank "Topf Secret" könnten "Verbraucher die sauber arbeitenden Betriebe endlich von den Schmuddelbetrieben unterscheiden", so Huizinga. "Drei von vier Betrieben arbeiten ja gut!"

Wie stelle ich meine Frage über die neue Plattform?

Auf der Website www.topf-secret.foodwatch.de können Verbraucher auf einer Straßenkarte navigieren oder direkt den Namen eines bestimmten Betriebs eingeben. Alle Betriebe auf der Karte sind mit einem Fähnchen markiert. Je nach Farbe können Verbraucher sehen, ob für den Betrieb schon eine Anfrage gestellt wurde (orange) oder bereits eine Antwort der Behörde vorliegt (grün). Um eine Anfrage einzureichen, müssen sie dann auf den Betrieb klicken und nur noch Namen, E-Mail- und Postadresse eingeben - letztere übermittelt Foodwatch auch an die Behörde. Die vorformulierte Anfrage wird dann automatisch per E-Mail an die zuständige Behörde geschickt. Dass die Fragen nach den Kontrollergebnissen bereits vorformuliert sind, hat laut Foodwatch mehrere Vorteile: Verbraucher verlieren keine Zeit mit der Formulierung. Und die vorformulierten Fragen sind so gestellt, dass für den Fragenden keine Kosten anfallen. Die Behörde hat laut VIG einen Monat - in Ausnahmen auch zwei Monate - Zeit, die Anfrage zu beantworten. Diese Antwort wird ebenfalls auf "Topf Secret" veröffentlicht, auf Wunsch des Antragsstellers anonym.

Können Nutzer selbst kommentieren?

Nein, eigene Kommentare von Verbrauchern sind nicht vorgesehen. "Ob es im Restaurant geschmeckt hat oder das Service schlecht war - dafür gibt es andere Bewertungsportale", so Huizinga.

Können auch Betriebe das Portal nutzen?

Betroffene Unternehmen können auf dem Portal zu den Kontrollberichten der Behörden zwar keine Stellung nehmen. Sie können jedoch, wenn sie Mängel behoben haben, entsprechende Nachkontroll-Berichte beim Amt anfordern und auf "Topf Secret" hochladen.

Wie transparent sind andere Länder?

Es gibt durchaus Transparenz-Vorreiter: In Dänemark und Norwegen klären an der Eingangstür oder am Fenster des Supermarkts oder Restaurants Smileys über die Hygiene im Betrieb auf: Grinst der Smiley, war alles gut. Lässt er die Mundwinkel hängen, wurde im Laden oder Restaurant geschludert, wurden Geldstrafen fällig oder Lizenzen entzogen. Die Prüfberichte stehen auch im Internet. In Frankreich klärt eine Internetseite mit fröhlichen und zerknirschten Gesichtern über Hygienemängel auf, und in Wales bewertet eine fünfstufige Skala Bäckereien oder Restaurants.

Was sind die Vorteile des Smileys?

Kunden und Käufer erkennen auf den ersten Blick, wie sauber der Laden arbeitet. Das Beispiel Dänemark zeigt, dass Lebensmittelbetriebe in transparenten Ländern weniger schmuddeln. In Dänemark etwa hat sich die Anzahl der negativ getesteten Betriebe seit 2002 von 30 auf rund 15 Prozent halbiert. In Norwegen ging die Anzahl seit Einführung des Smileys 2016 von 32 auf 21 Prozent zurück. Denn sauber arbeitende Betriebe werden nun belohnt. Die Idee eines Hygiene-Smileys wird auch von Sachsens Landesregierung "grundsätzlich unterstützt", so Jörg Förster, Sprecher des Ministeriums für Soziales und Verbraucherschutz - aber erst nach einer "bundesweit einheitlichen Regelung durch den Gesetzgeber".

Was fordert Foodwatch?

Foodwatch fordert, dass alle Ergebnisse der Lebensmittelkontrollen veröffentlicht werden. Das kann übers Internet geschehen oder an der Tür jedes Betriebes, Supermarktes oder Restaurants. Erst das schaffe den nötigen Anreiz für Betriebe, sich an alle Vorgaben zu halten: "Solange Verbraucher nicht erfahren, wer die Gammelfleischhändler, Pferdefleischpanscher oder Schmuddelwirte sind, fehlt der Anreiz für die Betriebe, sich an die gesetzlichen Vorgaben zu halten."

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