Das ist ganz bestimmt die letzte Zigarette!

Nichtraucher nehmen ihn vielleicht nicht zur Kenntnis, und Raucher wohl eher mit schlechtem Gewissen: Heute ist Weltnichtrauchertag. Ein Anstoß zum Abgewöhnen? Es gibt sogar wissenschaftliche Hilfe!

Dieser letzte Schritt, dieses Eintreten ist sichtbar schwergefallen. Obwohl die Tür weit offen steht. Obwohl die Begrüßung freundlich aufmunternd ist. Denn dieser letzte Schritt durch diese Tür ist der erste auf einem sehr, sehr langen Weg. Das weiß jeder in diesem Raum.

"Ich gratuliere Ihnen zu Ihrem Entschluss und ich versichere Ihnen, wir können es gemeinsam schaffen." Franziska Loth schaut fast beschwörend in die Runde, die eigentlich größer hätte sein müssen. Neun Interessenten hatten sich angemeldet, nur fünf sind gekommen - zum Tabakentwöhnungskurs der Raucherambulanz der Technischen Universität Chemnitz. Die Ambulanz ist keine medizinische Einrichtung im herkömmlichen Sinne, sondern ein Anlaufpunkt für Menschen, die sich das Rauchen mit Hilfe eines Kurses abgewöhnen wollen. Vor der Psychologin Loth, die als führende Mitarbeiterin der Raucherambulanz diesen Kurs leitet, sitzen drei Frauen und zwei Männer, hinter denen ein langes Raucherleben liegt. Mit 20, 30 und mehr Glimmstängeln täglich, mit zum Teil schon sehr ernsten gesundheitlichen Problemen und mit dem festen Vorsatz: Ich werde mit dem Rauchen aufhören.

Na und? Dann wird die Kippe eben ausgedrückt und gut ist - so oder ähnlich werden Nichtraucher das sehen.

Das wird ein körperlicher Leidensweg mit Nervosität, schlechter Laune rund um die Uhr und etlichen Kilos mehr auf den Hüften - das wird so mancher denken, der es mit dem Rauchstopp schon probiert hat. Mehr oder weniger erfolgreich.

Das ist eine Sucht, die nur unterdrückt, doch nie ganz verschwinden wird - das wissen die Mitarbeiter der Chemnitzer Raucherambulanz und haben ihre Kurse entsprechend aufgebaut.

Seit nunmehr zwölf Jahren gibt es die Einrichtung in Chemnitz, geführt von Psychologen der hiesigen Universität unter Leitung von Stephan Mühlig, Inhaber der Professur Klinische Psychologie und Psychotherapie sowie Direktor der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz an der TU. Was den Professor zum absoluten Fachmann macht, ist auch seine Vergangenheit: Mühlig war selbst 30 Jahre lang ein schwerst abhängiger Raucher mit großen gesundheitlichen Problemen und mehreren gescheiterten Entwöhnungsversuchen. Seit 2002 ist er abstinent. Seitdem hat er sich der Suchtforschung verschrieben, legte seinen Forschungsschwerpunkt, damals noch an der TU Dresden, auf das Thema "Rauchen und Tabakentwöhnung". Im Zuge einer groß angelegten Hausarztstudie mit über 800 Arztpraxen und rund 28.000 befragten Patienten entwickelte sich die Idee zur Gründung einer Raucherambulanz, die ab dem Jahr 2004 an der TU Dresden realisiert wurde. 2007 wechselte Mühlig nach Chemnitz, übernahm den Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie. Er brachte die Raucherambulanz mit.

So ist der Mann ein gefragter Gesprächspartner in Sachen Nikotinsucht. Vor allem an Tagen wie heute: Der 31. Mai ist Weltnichtrauchertag.

"Was ich von einem solchen Tag halte? Es ist gut, das Thema in die Öffentlichkeit zu stellen" , lautet seine knappe Antwort. Doch der folgt ein leidenschaftliches Plädoyer für die politische Verantwortung. Die deutsche Politik mache es sich einfach, ist sich der Professor sicher. Man nehme jährlich rund 14 Milliarden Euro an Tabaksteuer ein, im Hinblick auf diese Summe blieben Maßnahmen gegen den Tabakkonsum halbherzig. "Laut einem Ranking liegen wir in Europa auf dem vorletzten Platz, was Maßnahmen gegen den Tabakgebrauch betrifft. Nur Österreich nimmt das Problem noch leichter als wir. Obwohl das Rauchen den mit Abstand höchsten Risikofaktor für ernste Erkrankungen und vorzeitigen Tod darstellt, ist die Tabakentwöhnung in Deutschland keine Heilleistung wie andere Suchttherapien. Inzwischen haben aber mehr als 20 medizinische Fachgesellschaften die Forderung unterstützt, dies als Heilleistung anzuerkennen."

Ein Schritt in die richtige Richtung. Vor allem, wenn man bedenkt, dass weltweit alle sieben Sekunden ein Mensch an den Folgen des Rauchens stirbt. Dass allein in Deutschland jährlich bei 140.000 Menschen tabakbedingte Erkrankungen zu einem vorzeitigen Tod führen. Dass ohne professionelle Hilfe mehr als 90 Prozent der Raucher ihre Sucht nicht überwinden können, nach einer Tabakentwöhnung wieder rückfällig werden. Und das, obwohl bekannt und nachgewiesen ist, dass Rauchen Krebs verursacht, jeder zweite Raucher an Herz-Kreislauferkrankungen stirbt, ein fünffach höheres Risiko für Schlaganfälle hat. Das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko ist selbst bei einer einzigen Zigarette pro Tag gegenüber Nichtrauchern mehrfach erhöht. Die Aufzählung lässt sich beliebig fortsetzen. Trotzdem greift hierzulande jeder vierte Erwachsene zur Zigarette.Zurück zu den fünf Mutigen, die in Franziska Loths Kurs sitzen. Sechs Treffen liegen vor ihnen, jeweils 90 Minuten. Dass die erste Zusammenkunft nach rund 60 Minuten für eine Zigarettenpause unterbrochen wurde, ist normal. "Wir werden nichts erzwingen, der Kopf muss es wollen", bringt die junge Frau die Strategie auf den Punkt. Man werde sich gemeinsam auf die letzte Zigarette vorbereiten und jeder kann selbst entscheiden, wann er soweit ist. Bis dahin werden die künftigen Nichtraucher verstehen lernen, was sie in die Sucht getrieben hat. Pro Zigarette macht ein Raucher 15 bis 20 Züge, innerhalb von sieben Sekunden erreicht das Nikotin das Gehirn, löst dort einen Kick aus. Bis zu 20 Kicks pro Zigarette, die Veränderungen im Gehirn auslösen. Das Nikotin dockt an bestimmten Stellen, den Rezeptoren an, dadurch werden verschiedene Botenstoffe freigesetzt. Die sorgen für typische Wirkungen, wie sie jeder Raucher beschreibt: Entspannung, Wohlbefinden, mehr Konzentration, Abbau von Stress. Aber die Wirkung lässt schnell nach, bereits nach 20 Minuten verursachen die Rezeptoren ein erneutes Verlangen nach der nächsten Zigarette.

Bis zur letzten hat der Kopf also einiges zu tun. Viele Fragen muss jeder für sich selbst beantworten. Warum rauche ich? Was stört mich aber gleichzeitig am Rauchen, dass ich jetzt aufhören will? Welche Nachteile wird mir das Nichtrauchen bringen? Welche Vorteile? Welche Ängste habe ich vor dem Entzug? Was könnte ich zur Ablenkung tun? Wer könnte mein Kurshelfer werden, der mich unterstützt und motiviert?

"Über alle diese Fragen werden wir im Kurs sprechen. Wir werden den Rauchstopp-Tag systematisch vorbereiten, ein regelrechtes Training absolvieren, den ersten rauchfreien Tag durchplanen", wird versprochen. Und versprechen lässt sich auch, dass es sich immer lohnt, mit dem Rauchen aufzuhören. Der Körper erholt sich erstaunlich gut, haben medizinische Studien ergeben. Schon nach acht rauchfreien Stunden ist das Kohlenmonoxid im Blut gesunken und hat dem Sauerstoff Platz gemacht. Nach zwei Tagen verfeinern sich Geruchs- und Geschmackssinn. Nach fünf Jahren ist das Schlaganfallrisiko gesunken. Nach zehn Jahren hat sich das Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken, halbiert.

Also: Schluss mit dem Rauchen - jetzt!!! Das ist auch das Motto der Tabakentwöhnungskurse der Raucherambulanz. Und danach? Wie schafft man es, auf Dauer rauchfrei zu bleiben? Dafür haben Professor Mühlig, Franziska Loth und die Mitarbeiter der Einrichtung kein Geheimrezept. Aber nach den sechs Kursstunden wird niemand allein gelassen. Regelmäßige Telefonkontakte über sechs weitere Monate sollen helfen, stark zu bleiben oder gelegentliche Tiefs zu überwinden, der einen Rückfallzigarette keine zweite folgen zu lassen.

"Wir machen uns Gedanken, wie wir die ,Nachsorge' noch intensivieren können", sagt Stephan Mühlig. Es gäbe Überlegungen, Kursteilnehmer am Ende der Seminare miteinander zu vernetzen, damit sie in Kontakt bleiben und sich beispielsweise in Whatsapp-Gruppen gegenseitig zum Durchhalten animieren können. Erfahrungsgemäß strenge man sich durch eine externe Kontrolle mehr an, nicht wieder rückfällig zu werden, wissen die Psychologen. In der Ambulanz denke man aber auch über Online-Angebote oder das Einrichten von Apps für Leute nach, denen einfach die Zeit für die Kursstunden fehlt. Das, so Mühlig, wolle man in nächster Zeit ausprobieren.

Der Griff zum Smartphone könnte den Griff in die Zigarettenschachtel vielleicht bald ersetzen. Kein schlechter Gedanke ...

Die Raucherambulanz der Technischen Universität Chemnitz ist erreichbar unter der Telefonnummer 0371 53132243 oder 0371 53128470 sowie der E-Mail-Adresse franziska.loth@psychologie.tu-chemnitz.de.

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