Demenz wird drastisch zunehmen

Neurologen aus Leipzig haben drei Ursachen gefunden. Aber es gibt noch keine Therapie. Die DAK warnt vor Betreuungsengpässen in Sachsen und schlägt eine Lösung vor.

In den nächsten 20 Jahren wird eine große Demenzwelle auf uns zurollen. Das haben Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Neurowissenschaften in Leipzig ermittelt. "Denn der Abbau der geistigen Leistungsfähigkeit ist eine Zivilisationskrankheit", sagt Professor Arno Villringer, Neurologe an Uniklinik Leipzig, beim DAK-Gesundheitsdialog Demenz, am Dienstagabend. So konnten Forscher des Instituts nachweisen, dass Adipositas - und besonders das gefährliche Bauchfett - zum Schrumpfen der Gehirnmasse führt. Es betreffe die Regionen, die unter anderem für Sprache, Merkfähigkeit und Orientierung zuständig sind. "Dieser Prozess beginnt bereits in jungen Jahren, wie wir mit Bildern vom Gehirn nachweisen konnten", so Villringer. Ein weiterer Risikofaktor ist der Bluthochdruck. "Leicht erhöhte Werte über 130 Millimeter Quecksilbersäule reichen schon, dass sich sogenannte Marklager - das sind weiße Flächen im Gehirn, die den Abbau der Nervenzellen fördern - bilden." Und ein dritter Risikofaktor wurde erst kürzlich entdeckt: "Wir sind immer davon ausgegangen, dass es im Gehirn keinen Lymphabfluss gibt. Doch das ist falsch. Das Gehirn reinigt sich wie der Rest des Körpers von Abbauprodukten und schädlichen Eiweißen. Und das passiert nachts, wenn wir schlafen." Wenn man sich aber ansehe, wie die Zahl der Adipositas- und der Bluthochdruckkranken sowie der Menschen mit Schlafstörungen allein in Sachsen zugenommen habe, wird das Ausmaß der künftigen Erkrankungen deutlich. Hinzu kommt, dass dann auch die sogenannte Babyboomer-Generation - die geburtenstarken Jahrgänge ab 1955 - ins Alter von Demenz und Pflegebedürftigkeit kommen.

Villringer hatte aber auch eine gute Nachricht. Der Prozess der Schrumpfung und Ablagerungen im Gehirn lässt sich umkehren. "Nach Adipositas-Operationen, durch intensive Sportprogramme und guter Blutdruckregulation bildeten sie sich zurück." Demenzvorbeugung beginnt ihm zufolge bereits in der Jugend. "Zuckersteuer, Gesundheitsunterricht - jede Möglichkeit muss genutzt werden, um der Adipositas- und Bluthochdruck-Epidemie Einhalt zu gebieten."

Therapeutisch trete man noch auf der Stelle, sagt Professor Matthias Schröter von der Uniklinik Leipzig. "Das Wundermittel gibt es noch immer nicht." Die vier Wirkstoffe, die es seit etwa 30 Jahren gebe, könnten das Fortschreiten der Erkrankung abbremsen, mehr nicht. Derzeit arbeitet die Forschung an einer Impfung gegen Demenz. Der Wirkstoff Aducanumab wird von der US-Biotechfirma Biogen entwickelt und befindet sich in einer Phase 3-Studie, wird also an größeren Patientengruppen getestet. Die Impfung richtet sich gegen die Eiweißablagerungen an den Verbindungsstellen der Nervenzellen, den sogenannten Synapsen. Welche Wirkung das auf den Erhalt der geistigen Leistungsfähigkeit hat, könne jetzt noch niemand sagen. Hoffnung gebe auch das Ergebnis einer Mäusestudie. "Alzheimermäuse wurden mit Ultraschall - so wie in der Diagnostik üblich - behandelt. Die Ablagerungen in ihren Hirnen bildeten sich zurück", sagt Villringer.

Doch bis zur Marktreife sei es noch ein langer Weg. "Wir sollten nicht nur auf ein neues Wundermittel warten, sondern auch die begleitenden Verfahren nutzen - zum Beispiel Bewegung, Ergotherapie, Begegnungen und Geselligkeit. Auch das kann nachweislich die geistige Leistungsfähigkeit verbessern."

Doch bereits jetzt fehlen dafür vielerorts die Möglichkeiten. "Sowohl die ärztliche Versorgung Betroffener, als auch die Angebote zur Unterstützung pflegender Angehöriger sind territorial zu unterschiedlich verteilt", sagt Eva Helms, Vorsitzende der Landesinitiative Demenz in Sachsen. Vor allem Ostsachsen gehört zu den Gebieten mit den meisten weißen Flecken. Dort hätten bereits Pflegedienste Probleme, bestimmte Orte anzufahren. Etwa 100.000 Sachsen sind demenzkrank, Tendenz steigend.

Um gerade in solchen unterversorgten Regionen pflegende Angehörige zu entlasten, sind Ideen gefragt. Die DAK Gesundheit möchte Pflegekompetenzzentren gründen. "Dort könnten die ärztliche Versorgung, Beratungsangebote, spezielle Wohngruppen, Tages-, Nacht- und Kurzzeitpflege gebündelt werden." Professor Schröter empfiehlt, in diesen Regionen die Telemedizin zu nutzen. In Zusammenarbeit mit Universitäten könnten MRT-Bilder ausgewertet und Behandlungen empfohlen werden, die der Hausarzt vor Ort koordiniert - zum Beispiel in den Kompetenzzentren. Auf die Gesellschaft und die Familien kommt mit der Demenzwelle eine große Aufgabe zu. Die regionalen Pflegedialoge des Sächsischen Sozialministeriums könnten helfen, vorhandenes Potenzial zu nutzen und zu ergänzen, sagt Staatssekretärin Regina Kraushaar.


 

"An Steuerzuschüssen für die Pflege wird kein Weg vorbeiführen" 

Andreas Storm ist Vorstandsvorsitzender DAK Gesundheit. Er setzt sich für Pflegezentren ein. Warum, hat er Stephanie Wesely erläutert. 

 

Freie Presse: Herr Storm, was sollen die Kompetenzzentren leisten?

Andreas Storm: An einem Platz oder in einem Gebäude könnte sich Pflegekompetenz für die Region bündeln. Ich denke da an Wohngruppen für Demenzkranke, Tages- und Nachtpflegeangebote, um Angehörigen die Berufstätigkeit oder zumindest etwas freie Zeit vom Pflegealltag zu ermöglichen. Auch Heil- und Hilfsmitteltherapeuten, Selbsthilfegruppen und Nachbarschaftsdienste könnten hier ihre Leistungen anbieten. Wir haben da kleinere Krankenhäuser im Blick, die die geforderten Mindestmengen in der Behandlung nicht mehr bringen können und vor der Schließung stehen, oder Medizinische Versorgungszentren, die um solche Pflegebereiche ergänzt werden.

Laut Krankenhausplan für Sachsen sollen aber alle 78 Häuser bestehen bleiben. Die geriatrische Versorgung in zehn Krankenhäusern soll sogar ausgebaut werden. Macht das Ihre Idee zunichte?

Überhaupt nicht. Zum Beispiel könnten die Pflegeangebote auch an geriatrische Akut- und Reha-Bereiche angegliedert werden. Sie wären sogar eine ideale Schnittstelle zwischen stationärer und ambulanter Versorgung. Die umgewidmeten Krankenhäuser oder auch Teilbereiche der Krankenhäuser wären aber gerade deshalb so eine gute Möglichkeit, weil dort auch frei werdendes Personal eine Perspektive bekäme.

Haben Sie schon Erfahrungen mit solchen Kompetenzzentren?

Wir stellen unser Modell derzeit in mehreren Bundesländern vor. In Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen sind die Vorbereitungen schon recht weit. Dort werden wir vielleicht bald die ersten Erfahrungen sammeln.

Und wann könnte es in Sachsen soweit sein?

Die regionalen Pflegedialoge der Sozialministerin mit Verantwortlichen der Landkreise sind eine gute Chance, unsere Idee vorzustellen und zu diskutieren. Spätestens in fünf Jahren könnte es im Freistaat das erste Kompetenzzentrum geben, wenn wir damit überzeugen können.

Meist scheitern solche Ideen am Geld. Wo wollen Sie es hernehmen?

Es muss eine Mischfinanzierung geben. Leistungen der Pflege finanziert die Pflegeversicherung, Gesundheitsleistungen die Krankenversicherung. An den Investitionskosten muss sich das Land beteiligen. Die Beitragssatzerhöhung für die Pflegeversicherung im kommenden Jahr ist schon eine Belastung für die Bürger. Doch die Hälfte der anfallenden Pflegekosten tragen der Pflegebedürftige oder die Sozialkassen noch zusätzlich. Hier müssen wir entlasten. An Steuerzuschüssen wird also kein Weg vorbeiführen. Denn im Gegensatz zur Renten- und Krankenversicherung sind in der Pflege keine Steuerzuschüsse vorgesehen. Das muss sich ändern, denn Pflege ist eine Bundesaufgabe.

Doch alles steht und fällt mit gutem Personal. Wo kommt es her?

Das ist wohl das größte Problem. Die Bundesregierung startet zurzeit eine Personaloffensive. Im Freistaat wird auch versucht, Berufsrückkehrer zu gewinnen.

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