Der Darm hat seinen Charme verloren

Die Versuche, die Darmflora positiv zu beeinflussen, werden immer grotesker - und auch schamloser.

Haben Sie heute schon ein Krafttraining für Ihren Anus absolviert? Wenn nicht, sind sie womöglich nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Denn der Hype um den offenbar jahrhundertelang unterschätzten Darm ist inzwischen ganz unten angekommen - mit dem neuen Buch "Der Po-Doc". Gastroenterologe Martin Wilhelmi lädt darin ein zu einer "Reise an den Arsch der Welt". Eine spannende Expedition zum Anus, wie er verspricht, bei der die letzten Tabus endlich auch noch fallen.

Wilhelmi reiht sich damit ein in die Schar von Autoren, die den plötzlichen Wissensdurst der Deutschen über das Untergeschoss ihres Körpers stillen wollen. Seit Giulia Enders vor fünf Jahren mit "Darm mit Charme" einen Bestseller landete, ist der Darm quasi in aller Munde. Enders These, dass Übergewicht, Depression und Allergien mit einer gestörten Balance der Darmflora zusammenhängen, hat das Interesse der Nation geweckt. Der Darm - der Schlüssel zu Gesundheit, Wohlbefinden und einem langen Leben.

Wie die Goji-Beere zum Superfood, ist der Darm inzwischen zum Superorgan geworden. 24,6 Millionen Treffer spuckt Google beim Stichwort "Darm" aus. Bücher wie "Rezepte für einen gesunden Darm" oder "Schlank mit der richtigen Darmflora" verkaufen sich wie geschnitten Brot. Insider diskutieren abends zum Rotwein, was ihrem Mikrobiom schadet, welche Art von Ballaststoffen die Speisebreiviskosität erhöht und wie die guten Bakterien gegen die bösen in ihrem Darm endlich wieder die Oberhand gewinnen. Die Ernährungsindustrie ist längst aufgesprungen und preist Lebensmittel mit probiotischen Eigenschaften oder Joghurt "mit natürlichen Bifido Kulturen" - Stäbchenbakterien, denen darmfreundliche Eigenschaften nachgesagt werden. Die sind heute überaus wichtig. Denn Reizdarm scheint das neue Burnout zu sein - und hat jegliche Peinlichkeit verloren. Jeden Abend vor der Tagesschau reden freudestrahlende Menschen über ihre Durchfälle und Blähungen, die dank eines Wunderpflasters für den Darm wie weggeblasen seien.

Zudem werden heute nicht mehr nur Häuser, sondern auch Därme saniert. Gab es früher nichts Schlimmeres als die Androhung eines Einlaufs, bezahlen inzwischen viele Geld, um sich beim Heilpraktiker innerlich mal ordentlich durchspülen zu lassen. Detox für den Darm - raus mit dem Gift und all dem Schlechten, das unser westlicher Lebensstil so mit sich bringt. Bücher wie "Natürliche Darmsanierung" von Alexandra Stross bieten ein Schritt-für-Schritt-Programm für die praktische Darmreinigung zu Hause.

Wer das Gefühl hat, dass mit dem mikrobiotischen Gleichgewicht seines Darms etwas nicht stimmt, kann vorher seinen Stuhl auch in einem kommerziellen Labor analysieren lassen. Die Probe wird ganz bequem per Post eingeschickt. Gegen Zahlung von mehreren hundert Euro kommen diverse Ernährungs- und Handlungsempfehlungen zurück. "Teuer und sinnlos", warnt die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie. "Denn die bakterielle Zusammensetzung der Darmflora kann individuell höchst unterschiedlich ausfallen und ist ständigen Schwankungen unterworfen", sagt Professor Stefan Schreiber, Direktor der Klinik für Innere Medizin am Kieler Uniklinikum. "Aus bakteriellen Verschiebungen, die sich in solchen Stuhltests möglicherweise zeigen, lässt sich deshalb noch lange kein krankhafter Zustand herleiten." Wissenschaftler wie John Cryan aus Irland, der den Einfluss der Darmmikroben auf die Psyche untersucht, geben sogar ganz offen zu: Wie ein gesundes Mikrobiom aussehen muss, wisse man noch gar nicht sicher. Trotzdem werden im Internet neuerdings sogenannte Poop-Pills gepriesen. Die Idee dahinter: Die Extrakte des aufbereiteten und getrockneten Stuhls eines gesunden Spenders sollen auf natürliche Art Probleme im eigenen Darm lösen. Seriöse Magen-Darm-Ärzte raten dringend von solchen Selbstexperimenten ab.

Wer unter all den Darm-Ratgebern noch auffallen will, muss dann auch sprachlich etwas deutlicher werden. So wie Gregor Hasler, Professor für Psychiatrie aus Freiburg, in seinem neuen Buch "Die Darm-Hirn-Connection". In der Einleitung gibt er sich dem Leser als Mitleidender zu erkennen. "Meine gehaltvollen Fürze glichen Giftgasangriffen, vor denen ich selbst fliehen musste", schreibt er ohne Scham. Um dann auch noch seinen Stuhlgang zu besprechen: Der "war hart und kantig wie ein Lavastein".

Auch Po-Doc Martin Wilhelmi hält sein Versprechen, mit allen Tabus zu brechen. Er beantwortet Fragen, die öffentlich wohl noch niemand zu fragen gewagt hat: Wie schmeckt der Anus - und darf man ihn lecken? Was kreucht und fleucht in unserem Po? Hilft es, Ingwer oder Knoblauch einzuführen? Charlotte Roches "Feuchtgebiete" wirken fast bieder gegen Wilhelmis Abhandlungen über Anal-Bleaching und Glücksgefühle beim Kacken. Spätestens jetzt hat der Darm seinen Charme für immer verloren.

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