"Die Kasse darf nicht jede Spange zahlen"

Warum manche Kinder mit schiefen Zähnen leben müssen oder Eltern viel zuzahlen müssen, erklärt Gutachter Uwe Reich aus Wurzen.

Theos obere Schneidezähne stehen über. Ein klarer Fall für den Kieferorthopäden, meinte seine Zahnärztin und überwies den Zehnjährigen zum Fachzahnarzt. Er vermaß die Zahnfehlstellung und konstatierte Handlungsbedarf - allerdings auf Kosten der Eltern. Denn der Überbiss ist mit 4,3 Millimeter zwar groß, aber nicht groß genug, um eine Zahnkorrektur von der Krankenkasse bezahlt zu bekommen. Die Mutter wendete sich an die "Freie Presse". "Wie kann das sein?", will sie wissen. Susanne Plecher hat Dr. Uwe Reich gefragt. Der Referent für Kieferorthopädie bei der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Sachsen und Vertragsgutachter erklärt, wann Ansprüche bestehen.

Freie Presse: Warum bekommt Theo die Spange nicht bezahlt?

Dr. Uwe Reich: Der Kieferorthopäde muss schon bei der Erstuntersuchung prüfen, ob es einen Leistungsanspruch gegenüber der gesetzlichen Krankenkasse gibt. Der bestand in seinem Fall offensichtlich nicht. Das musste er den Eltern mitteilen und ein entsprechendes Formular ausreichen. So ist die Vorgehensweise.

Was können die Eltern jetzt machen?

Sie können sich damit an die Krankenkasse wenden und ein Gutachten beantragen. Dabei überprüft ein Vertragsgutachter, ob die vorgenommene Einstufung richtig und die Ausgrenzung von der Kassenbehandlung rechtens ist. Eltern haben grundsätzlich die Möglichkeit, gegen eine Ablehnung der Behandlung bis zum Bundessozialgericht zu klagen.

Wer bestimmt denn, was die Krankenkasse übernimmt?

Die generelle Entscheidung trifft der Gesetzgeber im Sozialgesetzbuch V. Darin steht, dass Versicherte Anspruch auf kieferorthopädische Versorgung haben, wenn bei ihnen eine Kiefer- oder Zahnfehlstellung vorliegt, die das Kauen, Beißen, Sprechen oder Atmen erheblich beeinträchtigt oder zu beinträchtigen droht. Das können zum Beispiel frontaler und seitlicher Kreuzbiss, Engstand oder ein offener Biss sein. Diese Vorgabe hat der Gemeinsame Bundesausschuss 2004 konkretisiert. Für jede kieferorthopädische Indikationsgruppe (KIG) wurden je nach Ausmaß der Fehlstellung unterschiedliche Behandlungsgrade aufgelistet. Erst ab einem bestimmten Schweregrad erstatten die gesetzlichen Krankenkassen die Behandlung. Die versicherungstechnische Grenze ist die KIG-Stufe 3. Ist sie nicht erreicht, dürfen die Ärzte keinen Behandlungsplan aufstellen und Kassen ihn nicht genehmigen.

Was passiert bei Grenzfällen, wenn zum Beispiel bei einem Überbiss die oberen Schneidezähne nur 5,9 und nicht 6,0 Millimeter vor die unteren ragen?

Dann darf der Arzt keinen Behandlungsplan einreichen. Die Eltern haben aber grundsätzlich die Möglichkeit, die Kosten selbst zu übernehmen.

Für das Kind macht ein Zehntel Millimeter doch keinen Unterschied. Hat es dann Pech gehabt und muss mit dem Überbiss leben, wenn die Eltern sich die Behandlung nicht leisten können?

Aus meiner Praxis weiß ich, dass nur wenige Behandlungen auf Privatbasis durchgeführt werden, selbst wenn das Geld da ist. Die Argumentation der Eltern lautet oft: "Wenn es nicht übernommen wird, dann ist es auch nicht notwendig", obwohl das nicht mit der medizinischen Realität übereinstimmt. Das KIG-System ist im Grenzbereich im Einzelfall nicht gerecht. Dass sich dann manche Versicherte ungerecht behandelt fühlen, ist nachvollziehbar. Aber die Masse der Patienten kommt zu einer guten Behandlung auf Kassenkosten.

Inwieweit sind Zusatzleistungen wie 3-D-Röntgen oder digitale Diagnostik sinnvoll?

Moderne 3D-Röntgen-Verfahren machen eine exaktere Diagnostik zum Beispiel zur Lagebestimmung von Zähnen und Zahnkeimen möglich. Das geht auch mit den herkömmlichen zweidimensionalen Verfahren, die die Krankenkasse bezahlt, aber eben nicht so exakt. Private Zusatzleistungen betreffen auch Mittel, die den Komfort erhöhen oder die Ästhetik verbessern. Dazu gehören zum Beispiel Keramikbrackets. Was davon für den Patienten sinnvoll ist, muss im Einzelfall geprüft und mit den Eltern besprochen werden. Allerdings stehen diese Behandlungen nicht im Leistungskatalog der Kassen und müssen privat bezahlt werden. Im Rahmen der vertragszahnärztlichen Behandlung dürfen nur Leistungen erbracht werden, die ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sind.

Prinzipiell muss die Behandlung also so erfolgen, dass alles Notwendige von den Kassen abgedeckt wird?

Ja. Patienten haben einen Anspruch auf eine zuzahlungsfreie Behandlung. Die muss ihnen immer geboten werden.

Wer eine Spange hat, soll sich viermal pro Jahr professionell die Zähne reinigen lassen - auch auf eigene Kosten. Ist das nötig?

Durch die festsitzenden Apparaturen entstehen viele Nischen, in denen Speisereste zurückbleiben. Das erschwert die Zahnpflege. Es bildet sich verstärkt Zahnbelag, das Kariesrisiko steigt. Es gibt wissenschaftlichen Studien, die belegen, dass Kinder und Jugendliche ihre Mundhygiene und Ernährungsgewohnheiten nicht ändern, wenn sie eine feste Zahnspange haben, obwohl sie das müssten. Andere Studien zeigen, dass die Zahl vor allem der stark pathogenen Keime nach einer professionellen Reinigung wesentlich langsamer wieder zunimmt als nach der normalen Zahnpflege. Damit ist die professionelle Zahnreinigung (PZR) ein gutes Mittel, um das Risiko dauerhafter Schmelzentkalkung der Zähne ringsherum um die Brackets zu reduzieren.

Wenn sie so wirksam ist, warum ist die PZR dann keine Kassenleistung?

Weil sie nicht im Leitungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen verankert ist. In Sachsen wird sie aber einmal im Jahr von der IKK classic und der DAK bei Patienten mit festsitzenden Apparaturen bezuschusst. Die AOK Plus bezahlt ihnen die PZR zweimal im Jahr. Kinder mit Zahnspange klagen oft über Kopfschmerzen. Was kann man da tun? Nach meiner Erfahrung treten derartige Probleme eher selten auf. Normal ist die Druckempfindlichkeit von Zähnen nach der Aktivierung der Behandlungsgeräte, das Kauen kann für einige Tage etwas unangenehm sein. Dauerschmerzen sind aber nicht normal. Das sollten die Patienten überprüfen lassen.

Manche leiden an Zahnfleischreizungen. Helfen Tinkturen?

Wenn die Spangen neu sind, können sie als Fremdkörper empfunden werden und Irritationen hervorrufen. Innerhalb weniger Tage gewöhnen sich die meisten Patienten daran und empfinden sie nicht mehr als störend. In einzelnen Fällen kann es passieren, dass Drahtenden stechen oder Drahtligaturen in die Schleimhaut ragen. Die Enden lassen sich mit Wachs abdecken, das den Patienten nach Hause mitgegeben wird. Ist das Zahnfleisch gereizt, können sie antibakterielle Spüllösungen auftragen.

Haben Sie einen Tipp gegen die feuchte Aussprache?

Das Problem haben am Anfang eher Patienten mit herausnehmbaren Spangen. Wir empfehlen, das Sprechen und den Mundschluss zu Hause zu üben. Nach der Eingewöhnungszeit wird es besser. Dann reguliert sich der Speichelfluss von selbst.

Wie lassen sich unangenehme Gerüche verhindern?

Das ist eine Frage der Mundhygiene. Am besten nach jeder größeren Mahlzeit gründlich putzen und Mundspülungen verwenden. Es ist wichtig, für die Zahnpflege mehr Zeit einzuplanen und sich eine entsprechende Technik anzueignen. Es gibt dafür Spezialbürsten, mit denen man zwischen den Brackets unter den Draht gehen kann. Für elektrische Zahnbürsten gibt es spezielle Aufsätze, die sich sehr gut eignen.


Wann die Kasse zahlt

Die GKV übernehmen die Behandlungen ab einem bestimmten Schweregrad, ab der KIG-Stufe 3, z.B. bei:

Offenem Biss mit einer Lücke zwischen den oberen und unteren Zahnkanten von mehr als 2 mm.

Tiefbiss: Obere Schneidezähne überlagern die unteren um mehr als 3mm, Zahnfleischverletzungen.

Kreuzbiss: Unterkieferzähne beißen beidseitig oder einseitig außen vor die Oberkieferzähne.

Engstand mit Kontaktpunktabweichung von mehr als 3 mm.

Platzmangel mit Platzbedarf von mehr als 3 mm.

Nichtanlage von Zähnen: Lücke schließen oder offen halten für Zahnersatz.

Quelle: "Kieferorthopädie". Stiftung Warentest


Dr. Uwe Reich

Dr. Uwe Reich ist Referent für Kieferorthopädie bei der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Sachsen und Vertragsgutachter. Seit 1997 hat der Kieferorthopäde eine Praxis in Wurzen.

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