Genesen, aber nicht gesund

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Andauernde Müdigkeit, Schlafstörungen, Depressionen: Der Mediziner Andreas Stallmach spricht über die Betreuung von Patienten, die unter den Langzeitfolgen von Covid-19 leiden.

Wie kann man Patienten helfen, die nach einer überstandenen Corona-Infektion plötzlich oder immer noch Beschwerden haben? Mit dieser Frage beschäftigen sich in Deutschland derzeit etwa ein Dutzend sogenannter Post-Covid-Ambulanzen. Eine der ersten Einrichtungen dieser Art wurde am Uniklinikum Jena gegründet. Steffen Klameth sprach mit dem Leiter, Professor Andreas Stallmach. Der 61-Jährige ist Infektiologe und Internist.

Freie Presse: Herr Professor Stallmach, was gab den Anstoß für die Eröffnung der Ambulanz?

Andreas Stallmach: Wir hatten bereits während der ersten Welle beobachtet, dass sich viele Patienten besonders nach der stationären Entlassung nicht wieder so gesund fühlten wie vor ihrer Covid-19-Erkrankung. Wir wollten die Ursachen ergründen und den Patienten helfen. So entstand die Idee der Post-Covid-Ambulanz. Wobei ich gestehen muss, dass wir den zeitlichen und personellen Aufwand bei der Betreuung der Patienten zunächst unterschätzt hatten.

Inwiefern?

Es gibt kein klares Erkrankungsmuster, jeder Patient muss individuell betrachtet werden. Beim ersten Kontakt wird die Krankengeschichte ausführlich beschrieben, das dauert schon mal 90 Minuten. Es folgen ein umfangreiches Untersuchungsprogramm mit Labor, Ultraschalluntersuchungen oder Funktionstests und schließlich die Therapieempfehlungen. Daran sind Experten unterschiedlicher Fachrichtungen beteiligt - Neurologen, Kardiologen, Pneumologen, Psychiater, Gastroenterologen und Arbeitsmediziner.

Wie viele Patienten haben Sie bisher behandelt?

Seit August 2020 waren es über einhundert Patienten. Anfangs haben wir Sprechstunden an zwei Tagen in der Woche vergeben, jetzt sind es fünf. Und trotzdem müssen neue Patienten inzwischen bis zum Sommer auf einen Termin warten.

Welche Beschwerden sind am häufigsten?

Bei etwa 60 Prozent diagnostizieren wir ein chronisches Erschöpfungs- beziehungsweise Fatigue-Syndrom. Die Menschen sind in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt, haben keinen Antrieb und sind oft müde. Auch Schlafstörungen, Konzentrationsschwächen und Depressionen treten auf. Häufig klagen Patienten über Luftnot beim Treppensteigen. Viele Menschen fühlen sich allgemein krank, teils auch ohne klare Symptome.

Wann treten diese Beschwerden auf?

Auch da gibt es keine Regel. Etwa zwei Drittel kommen schon zwei bis drei Wochen nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus zu uns, weil ihr Zustand nicht besser wird. Bei den anderen hatte es zunächst den Anschein, dass sie genesen sind, bis plötzlich wieder Fieber oder Luftnot auftritt. Etwa ein Fünftel war zuvor lediglich in ambulanter Behandlung.

Vermutlich sind vor allem ältere Patienten betroffen?

Nein. Interessanterweise ist keine Altersgruppe von einer Post-Covid-Erkrankung ausgenommen. Unser jüngster Patient war 17 Jahre, der älteste 84. Das Mittel liegt bei 51 Jahren. Die Mehrheit der Patienten, die sich an uns wenden, sind Frauen.

Was wissen Sie über die Ursachen?

Insbesondere nach einer schweren Covid-Erkrankung werden bestimmte Beschwerden offenbar von einer Überreaktion des Immunsystems ausgelöst. Wenn der Körper zu viel Abwehrkräfte bildet, richten sich diese letztlich gegen ihn selbst. Das unterscheidet Covid übrigens von einer Grippe. Die Luftnot deutet häufig auf eine Herzmuskelentzündung oder Lungenschädigung hin. Bei bis zu 80 Prozent dieser Patienten bestätigt sich dieser Verdacht nach einer Kernspinuntersuchung. Allerdings findet man dabei auch Schäden bei Patienten, die gar keine entsprechenden Leiden haben. Für das Ermüdungssyndrom haben wir noch keine schlüssige Erklärung. Möglicherweise hängt auch dies mit der überschießenden Immunreaktion zusammen.

Wie können Sie den Betroffenen helfen?

Der Erfolg hängt maßgeblich von den Beschwerden und ihren Ursachen ab. Eine Herzmuskelschwäche kann man gut medikamentös behandeln. Bei Entzündungen hilft oft die Gabe von Cortison. Sind Gefäßverschlüsse in der Lunge für die Luftnot verantwortlich, verordnen wir Blutverdünner. Patienten mit Konzentrationsschwierigkeiten überweisen wir zum Beispiel an unser Gedächtniszentrum.

Und bei Erschöpfung?

Die Behandlung ist schwierig. Hilfreich ist es, eine Struktur in den Tagesablauf zu bekommen. Dazu sollte auch ein Sportprogramm gehören, pro Woche dreimal 45 Minuten. Die Pandemievorschriften schränken die Möglichkeiten zwar ein. Aber man kann ja auch Online-Kurse nutzen, im Wald spazieren gehen, Rad fahren und langsam joggen. Wichtig ist es, den Körper zu belasten, ohne ihn zu überlasten.

Führen Sie eine Erfolgsstatistik?

Die große Mehrheit unserer Patienten sagt, dass es ihnen langsam besser geht. Ehrlicherweise muss ich aber auch sagen, dass wir nicht allen helfen können. Man sollte bedenken, dass uns diese Probleme erst seit zehn Monaten beschäftigen - in der Medizin ein relativ kurzer Zeitraum. Wir lernen jeden Tag dazu.

Auch in Sachsen denken Kliniken über eine Post-Covid-Ambulanz nach. Die Finanzierung scheint kompliziert. Wie haben Sie das Problem gelöst?

Wir erhalten für jeden Patienten pro Quartal eine Hochschulpauschale. Damit kann man die Ambulanz in der Tat nicht kostendeckend betreiben. Aber Unikliniken haben auch einen Forschungsauftrag, sie sollen den Erkenntnisgewinn vorantreiben. Glücklicherweise sieht das unser kaufmännischer Vorstand ganz genauso. (klas)

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